15 Jahre PORSCHE Driving Experience

15 Jahre PORSCHE Driving Experience

«Kein Mensch braucht einen PORSCHE», bemerkte vor Jahren Wendelin Wiedeking, Vorstandsvorsitzender des schwäbischen Sportwagenbauers. Dem ist zwar schwerlich zu widersprechen, dennoch dürfte diese Feststellung damals bei den Damen und Herren in der Marketingabteilung auf wenig Gegenliebe gestossen sein. Als Wiedeking dies äusserte, befand er sich auf dem Zenit seiner Macht und konnte sich dergleichen Sottisen erlauben. Nicht einmal die eigenen Aktionäre nahmen ihm dies übel – solange die Dividende stimmte.

Über die Autos der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG und deren Entourage kann man sagen, was man will, aber langweilig wird es einem in und mit einem PORSCHE nie. Meine ersten Erfahrungen mit diesen Fahrzeugen machte ich Anfang der 1960er-Jahre, als mein Onkel Günther T., ein standesbewusster Rechtsanwalt und Notar, eines Tages mit einem schnittigen roten Roadster, made in Zuffenhausen, auf den Hof unseres elterlichen Grundstücks gerauscht kam. Nachdem sich die Erwachsenen bei Kaffee und Kuchen in der guten Stube niedergelassen hatten, umkreiste ich respektvoll den sich mit bedeutungsvollem Knistern und Knacken abkühlenden PORSCHE 356. Dass es ein solcher war, entnahm ich der Beschriftung des Flitzers. Die Zahlen auf Tacho und Drehzahlmesser, die für damalige Begriffe astronomische Höhen erreichten, beeindruckten mich zutiefst.

PORSCHE fahren muss man sich verdienen 

Von diesem Ereignis ist mir noch in Erinnerung geblieben, dass Onkel Günther gönnerhaft zu mir sagte: «Wenn Du brav bist, mein Junge, nehm‘ ich Dich mal auf eine Spritztour mit.» Damit zog er sich seine Herrenfahrerhandschuhe an, schwang sich wie Alberto Ascari beim Start der 24 Stunden von Le Mans in den Fahrersitz, zündete das Triebwerk und verliess unseren Hof mit einem publikumswirksamen Alarmstart. Mein Vater murmelte ihm gedankenvoll nach: «Günther spielt mit seinem Leben!»

Hat er aber nicht, der «Herr Winkeladvokat», wie ihn mein Vater im engsten Familienkreis zu titulieren pflegte. Und steinalt ist er auch geworden: an die 93 Jahre. Und gestorben ist er friedlich in seinem Bett und nicht in einem ausgebrannten PORSCHE-Wrack am Schwedenkreuz auf der Nordschleife.

Muss ich eigentlich alles selbst machen?

Den roten 356er auf unserem Hof habe ich nie vergessen, und jedes Mal, wenn ich das unverwechselbare metallische Sägen eines luftgekühlten Boxers hörte, dachte ich an den schneidigen Herrn Anwalt. Da der vielbeschäftigte Onkel Günther damals leider völlig vergass, das mir gegebene Versprechen bezüglich einer Mitfahrgelegenheit in seinem flotten Sportcoupé einzulösen, dämmerte mir nach und nach die Erkenntnis, dass man im Leben die Dinge nolens volens selbst in die Hand nehmen muss, will man etwas erreichen. Also fasste ich mir im Jahre 2005 ein Herz und rief bei einem Aargauer PORSCHE-Händler an.

Dieses Telefongespräch blieb nicht ohne Folgen; es wurde das mit Abstand kostspieligste meines Lebens, denn es führte letzten Endes zum Kauf meines ersten PORSCHE, eines speedgelben Boxster S. Damals immerhin noch mit einem Sechszylinder Sauger, kein Turbo! Aber wassergekühlt, was den Freaks vom Verein der «Freunde Luftgekühlter Boxermotoren e.V. – Betriebskampfgruppe der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG» schon vollauf gereicht hätte, dieses lebenslustige Gefährt schräg über die Schulter anzusehen und aus der Wertung zu nehmen.

Ich als PORSCHE-Novize war allerdings vom Start weg begeistert vom Open-Air Feeling in diesem Gokart, das abging wie die Petersburger Schlittenfahrt und einen bemerkenswerten Sound produzierte.

«Gentlemen, start your engines!»

EHRFURCHT – wir befinden uns in Startposition auf der Zielgeraden des Hockenheimrings und warten darauf, dass die roten Ampeln erlöschen. Hier standen vor uns schon Legenden wie Jim Clark, Ayrton Senna, Graham Hill und andere Gladiatoren des Maschinenzeitalters. GO! – Nordkurve, Parabolika, Haarnadel, Mercedeskurven: 1. hängend links, wechselnder Fahrbahnbelag, der Boxster merkt das und ändert ohne Vorwarnung seinen Grip.

«Bleiben Sie auf meinen Endrohren», sagt das Führungsfahrzeug und beginnt, Speed zu fahren. – «Haben Sie vergessen, dass Sie einen PORSCHE fahren? Wir wollen mal was sehen von Ihnen!», sagt das Führungsfahrzeug, als ich abhänge, lockt mich wieder auf seine Endrohre, zieht wütend fauchend auf und davon und bremst sich mit leicht versetzendem 911er-Heck in die Sachskurve ein.

Nach diesem Zuspruch nehme ich meinen Mut zusammen und bleibe am Carrera S dran. Mein übermütig werdender Boxster fängt an, unter mir Samba zu tanzen – aber VORSICHT, die Grenzen liegen bei mir, nicht bei meinem Boxster. Aber wenn einem dann doch einmal ein Mittelmotor-PORSCHE unter dem Hintern weggeht, dann ist «Polen offen»! Was ein Walter Röhrl mit Gas und Lenkung spielerisch korrigiert, überfordert «normale» Autofahrer heillos und lässt ihnen schlagartig das Blut in den Adern gefrieren; «Beifahrer, sprechen Sie mir nach: ‹Vater unser, …›» Mehr Adrenalin geht nicht – o boy, what a feeling!!

Saga of the Roaring Road

Mit einem Asphalt Cowboy am Lenkrad in einem Carrera GT im Rennschalensitz auf ein paar wirklich schnellen Runden um den Hockenheimring: Der Zehnzylindermotor heult auf wie ein angeschossener Tyrannosaurus, 610 Pferdestärken bauen einen orkanartigen Schub auf, der mir die Halswirbel verschiebt, und die Bremsverzögerung presst mich in den Sechspunktgurt, dass sich auf meinen Rippen Hämatome auszubilden beginnen.

«Sie sagen ja gar nichts mehr. Wollen wir jetzt Slicks montieren, damit wir höhere Querbeschleunigungen fahren können?», fragt mich der Kampfpilot über Helmfunk, während wir mit kreischenden Pneus[1] durchs Motodrom kacheln. Muss nicht sein… VOR Hockenheim war ich der Meinung, ich könnte ganz passabel Auto fahren. NACH dem Track Day bei der Wilden Reiter GmbH in Hockenheim glaube ich das nicht mehr uneingeschränkt.

Von Hockenheim nach Weil am Rhein in verkehrsarmer Zeit fräse ich einen Schnitt von 179 km/h in die Autobahn. Geht doch. Über Vernunft reden wir später.

PORSCHE und «die anderen»

Wenn man sich einen Volkswagen kauft, wird dies von der Nachbarschaft mehr oder weniger gelangweilt bis desinteressiert zur Kenntnis genommen. Stellt man hingegen einen PORSCHE in die Tiefgarage, sieht dies deutlich anders aus: Das Umfeld registriert sehr genau, dass man ab sofort in der motorisierten Champions League zu spielen gedenkt. Nun nennt man allerdings nicht nur ein hochpreisiges Spitzenprodukt deutscher Ingenieurskunst sein Eigen, sondern hat mit seinem nagelneuen PORSCHE auch ein durchaus ambivalentes Image mitgeliefert bekommen – ob einem dies gefällt oder nicht.

Längst nicht alle Leute schmelzen vor Bewunderung dahin, wenn ihnen das unverkennbare heisere Röhren eines Zuffenhausener Flat Six zu Ohren kommt. Die Rezeption eines PORSCHE ist zwiespältig und variiert von einem Land zum anderen. Man kann dies selbst ganz einfach testen, indem man mit einem PORSCHE auf Autobahnen einmal von Basel nach Hamburg und einmal von Basel nach Genf fährt und dabei die anderen Verkehrsteilnehmer aufmerksam beobachtet und deren Reaktionen auf sich wirken lässt.

Nationale Varianten

Sollten sich «die Schwaben» jemals dazu herablassen, Schweizer[2] Mentalität und Sozialverhalten zu analysieren, würden sie einige gravierende Unterschiede zu ihren eigenen Befindlichkeiten erkennen. Was unsere nördlichen Nachbarn in der Regel für überflüssig erachten, denn ihre Meinung über uns ist in Stein gemeisselt und quasi so unveränderlich wie das Matterhorn: Ausser Käse, Schokolade, Uhren und weltweit hinterzogenen Steuergeldern gebe es bei den braven Eidgenossen nicht viel Aufregendes zu entdecken – basta!

Contenance

Auf Schweizer Autobahnen zockelt man mit max. 120 km/h geruhsam durch die Gegend, neidische Seitenblicke auf seinen fahrbaren Untersatz sind dabei eher selten, aggressives Verhalten[3] gegen «Höhergestellte» auch. Zum Teil liegt dies natürlich daran, dass man in der Schweiz wegen des verbreiteten Wohlstands an den Anblick kostspieliger Karossen eher gewöhnt ist als in Deutschland mit seinen Hartz-IV-Empfängern und sonstigen gesellschaftlichen Verwerfungen.

In der Schweiz ist Sozialneid seltener anzutreffen als in Deutschland. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass in diesem Land stillschweigend Konsens darüber besteht, dass es als ein Schlüsselfaktor für das reibungsarme Funktionieren einer Sozietät betrachtet und als der Kohärenz der Gesellschaft zuträglich angesehen wird, soziale Disparitäten nicht ungehemmt in Aggressionen umzumünzen und sich beispielsweise das Vortrittsrecht mit der Brechstange zu erzwingen und sich auf Schnellstrassen sinnbefreite Scharmützel zu liefern.

Das Gesetz des Dschungels

Auf deutschen Autobahnen begegnen einem aus einem PORSCHE heraus betrachtet grundsätzlich drei Verhaltensweisen:

Die erste und am weitesten verbreitete besteht darin, dass sich Verkehrsteilnehmer, die in ihrem Rückspiegel die Silhouette eines nahenden PORSCHE erkennen, bereitwillig vom Acker machen, da sie wissen, dass sie ohnehin keine Chance gegen den spurtstarken schwäbischen Boliden haben.

Die zweite Variante wird von verhinderten Testfahrern in ihren GTIs und sonstigen Möchtegern-Rallyefahrzeugen gebildet; diese PS-Junkies hätten es nur zu gern, wenn man mit ihnen Beschleunigungsorgien auf dem Highway abzöge. Abgesehen davon, dass solche Aktionen schnell zu Himmelfahrtskommandos ausarten können, sollte man dergleichen Albernheiten generell als spätpubertär ansehen und mit der ihnen gebührenden Verachtung strafen.

Die dritte Kategorie ist gemeingefährlich: Das sind solche verqueren Typen, die voller List und Tücke darauf lauern, einen PORSCHE «abräumen» zu können. Solche Kamikazefahrer decouvrieren sich mit ihrem hektischen Fahrstil und der Art und Weise, wie sie mit dem irrlichternden Blick eines Klaus Kinski im Rückspiegel das hintere Gefechtsfeld permanent auf potentielle Sparringspartner abscannen. Dies signalisiert ihre Bereitschaft, den auflaufenden PORSCHE «auszutricksen» und falls möglich in die Leitplanke zu katapultieren. Dass diese Soziopathen dabei selbst über die Wupper gehen könnten, entzieht sich entweder ihrer begrenzten Wahrnehmungsfähigkeit oder scheint ihnen die Sache wert zu sein: Lützows wilde, verwegene Jagd auf der Autobahn.

Der Klügere gibt nach

Solchen Aktionen sollte man dadurch begegnen, dass man sich zu keiner Zeit herausfordern, sondern einfach deutlich zurückfallen lässt, den nächsten Parkplatz ansteuert und 10 Minuten wartet, bis diese direkten Nachfahren des Neandertalers ausserhalb der Schlagdistanz sind.

Beim Kauf eines PORSCHE sollte einem klar sein, dass dieser Wagen nicht nur faszinierende technische Daten zu bieten hat, sondern auch ein Statussymbol darstellt, das gewisse Menschen anwidert, klassenkämpferische Fantasien beflügeln und Kapitalismusgegner auf die Barrikaden treiben kann.

Ganz generell empfiehlt es sich in Deutschland nicht, seinen PORSCHE über Nacht im Freien zu parkieren; namentlich nicht in Grossstädten mit ihren sozialen Brennpunkten. Dass man es beispielsweise in Hamburg-Altona, Frankfurt-Griesheim oder Berlin-Kreuzberg für angemessen und sexy hält, Klimasäuen ein «Schade, dass Sie SUV fahren» mit einem Schraubenzieher in den Lack zu gravieren, sollten Cayenne- und/oder Macan-Besitzer ins Kalkül ziehen und solche brisanten Regionen bevorzugt in einem neutralen Europcar-Golf aufsuchen.

Die Kraft und die Herrlichkeit

Ende 2020 beendete das PORSCHE-Service-Zentrum im aargauischen Schinznach-Bad seine Tätigkeiten; es wurde beschlossen, die Aktivitäten nach Zürich zu verlagern. Daraufhin wurde von mir beschlossen, meine Kfz-Präferenzen vom schwäbischen Zuffenhausen ins bayerische Ingolstadt zu verlagern.

Mein besonderer Dank geht bei diesem Wechsel an die Me­cha­t­ro­ni­ker der mir langjährig vertrauten Boxenmannschaft des Schinznacher Service-Zentrums. Dieses eingespielte Team war ein Muster an Zuverlässigkeit und Flexibilität, dem keiner meiner teilweise exotischen Wünsche zu ausgefallen war, als dass er nicht umgehend erfüllt worden wäre: «Geht nicht, gibts nicht!» Ihre vorbildliche Einsatzbereitschaft und hohe Professionalität haben mir konkret vor Augen geführt, was PORSCHE unter Intelligent Performance versteht!

15 Jahre PORSCHE Driving Experience – was wird davon bleiben? Definitiv «the Spirit of Hockenheim»: die aussergewöhnliche Erfahrung, bärenstarke Autos der Extraklasse mit überragenden Fahreigenschaften beherrschen gelernt zu haben (und dabei die eigenen Grenzen zu respektieren) sowie der PORSCHE 2021-Jahreskalender Icons of Speed an der Wand meines Arbeitszimmers, der mir jeden Monat auf überzeugende Weise demonstriert, was den PORSCHE-Markenkern ausmacht: power, precision, emotion!

 

[1] Physikalisch exakt ausgedrückt nähern wir uns jetzt gerade dem «Schlupf», dem Übergang von der Haft- in die Gleitreibung; die Vektoren des Kamm’schen Kreises sind sich noch nicht ganz einig, wer die Oberhand behalten wird. Übersteigt der Schlupf einen Grenzwert, regiert nur noch die Fliehkraft und es kommt zum Einschlag in der Leitplanke, wo die Karosserie präzise so lange kaltverformt wird, bis sich die Vektoren wieder auf null gestellt haben.

[2] Wir sprechen hier vornehmlich von der deutschsprachigen Schweiz. In der Romandie herrscht eine etwas andere Mentalität.

[3] Ausnahmen bestätigen die Regel.

Kommentare sind geschlossen.