‹Wo der Hammer hängt› – jp auf der Buchmesse Frankfurt 2019

‹Wo der Hammer hängt› – jp auf der Buchmesse Frankfurt 2019

Während sich die Besucher der diesjährigen Frankfurter Buchmesse weitgehend uneins darin waren, ob die Literaturnobelpreisverleihung an den Österreicher Peter Handke als Volltreffer oder Rohrkrepierer zu bewerten sei, sich die Grossverlage mit glamourösen PR-Darbietungen gegenseitig zu übertrumpfen versuchten und in zahllosen Talkrunden leeres Stroh en masse gedroschen wurde, setzte Jan Peters, Schweizer Autor und Satiriker, völlig neue Massstäbe im Umgang von Kulturproduzenten und -konsumenten.

Monsignore Gaudenz Kneppen, Apostolischer Nuntius und Fachleiter Literatur beim ‹Osservatore Romano›, begrüsste sichtlich bewegt die zahlreich erschienenen Besucher im Hörsaal V auf dem alten Bockenheimer Campus. Nachdem er die Segenswünsche des Heiligen Vaters zu Rom überbracht hatte, liess er es sich nicht nehmen, mit einem ganz persönlichen «Gegrüsset seist Du Maria voll der Gnade (…) Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes (…)» den Startschuss zu einer ungewöhnlichen Talkrunde zu geben, deren nachdenklich machender Verlauf einen wohltuenden Kontrast zum redundanten Marketingklamauk der übrigen Veranstaltungen auf und im Umkreis der Frankfurter Buchmesse setzte.

Bevor er in medias res ging, wies Msgr. Kneppen expressis verbis darauf hin, dass man sich im Hörsaal V des alten Bockenheimer Campus auf wahrhaft geschichtsträchtigem Boden befinde: «Schon mal was von der Adorno-Ampel gehört, MÜLLER?», wandte sich Kneppen mit feinem Lächeln ans Publikum und deutete mit seinem güldenem Kruzifix drohend auf einen verschüchtert in der vierten Reihe hockenden Zuhörer mit Kassenbrille, der, nachdem er vergeblich versucht hatte, sich wegzuducken, stotternd zu erklären begann, dass er als eingefleischter Radfahrer eigentlich nie gross auf Verkehrszeichen achte, von denen es seiner Meinung nach in Frankfurt am Main ohnehin entschieden zu viele gebe; den im Hörsaal anwesenden städtischen Verkehrsdezernenten wird’s gefreut haben.

Die Miene des Gottesdieners erstarrte und aufgrund disziplinarischer Erwägungen blieb dem apostolischen Gesandten gar nichts anderes übrig, als ‹Störfaktor Nr. 1›, wie er den Querulanten treffsicher einzustufen wusste, mit einem heiser gebellten «Mit Ihnen werden wir fertig, MÜLLER!» umgehend des Hörsaals V zu verweisen – das Publikum, das diese Geste intuitiv richtig einzuordnen wusste, bedankte sich beim couragierten Veranstaltungsleiter mit spontanem Applaus für die gelungene erzieherische Massnahme. Danach wandte sich Gaudenz Kneppen sichtlich erleichtert dem Schweizer Autor und Satiriker Jan Peters zu: «So, das hätten wir. Wie Sie sich eventuell erinnern mögen, lieber Herr Peters, äusserte Theodor W. Adorno einmal, dass er sich Auschwitz eigentlich nie in letzter Konsequenz habe vorstellen können, bevor er Celans ‹Todesfuge› gelesen gehabt habe beziehungsweise hätte. Was sagen Sie aus Ihrer exponierten Position als Schweizer Autor und Satiriker dazu?»

Sollte G. Kneppen nun gemeint haben,  jp mit solchen Fangfragen aufs Glatteis führen zu können, hatte er allerdings die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Einen Jan Peters aus der Bahn zu werfen, dazu gehört einiges mehr, Sportsfreund! Mit einem betont lässigen «Ich bin mal kurz drüben beim ‹Sudlerwirt›, der hat den besten Leberkäs‘ in town» packte der Schweizer Autor und Satiriker seine spärlichen Tagungsunterlagen zusammen und verliess leise die ‹Internationale› summend den Hörsaal. Auf dem Gang hörte er noch, wie der Himmelskomiker verzweifelt versuchte, die im Auditorium Verbliebenen neu einzunorden: «Gegrüsset seist Du Maria voll der Gnade (…) Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes (…)»

Dies war einer dieser Abende, die man so schnell nicht vergisst.

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