«Bekennen Sie endlich Farbe, jp!» (Die ‹Wetterau Tapes›, Teil 2)

«Bekennen Sie endlich Farbe, jp!» (Die ‹Wetterau Tapes›, Teil 2)

Was bisher geschah:

Dr. Leander Karl v. Wolkenstein, massgeblicher Kulturträger einer mittelhesssischen Provinzgazette, betrachtet es seit Jahr und Tag als seine persönliche Herausforderung, solche schriftstellerischen Talente zu fördern, die bislang vom tumultuösen Räderwerk des Verlagsunwesens in einer Art und Weise überrumpelt wurden, dass sie gar nicht erst zu Gehör kamen. Um diesem unerfreulichen Tatbestand entgegenzuwirken, traf sich LKW kürzlich mit dem hochsensiblen, öffentlichkeitsscheuen Schweizer Autor Jan Peters (in Fachkreisen jp genannt) auf dem LKW-Parkplatz der BAB-Raststätte Wetterau nördlich von Frankfurt am Main zu einem längeren Gespräch.

((WARNHINWEIS: In den Wetterau Tapes gelangen aus grundsätzlichen Erwägungen ausschliesslich LANG-Texte zum Einsatz. Wer mehr an KURZ-Texte gewöhnt ist, wie sie z. B. der derzeitige US-Präsident verwendet, sollte sich bei Twitter und NICHT HIER mit Informationen versorgen!))

Durch die Bank stach in diesem ungewöhnlichen Gespräch der Facettenreichtum des CH-Schriftstellers Jan Peters ins Auge, der von einer Textsorte in die andere mit einer solchen Unbeschwertheit zu springen vermag, als wäre er eine flirrende Libelle, die voll glitzernder Anmut nichts mehr liebte, als ihr kurzweiliges Leben im gleissenden Licht des Südens über den endlosen Lavendelfeldern der Wetterau in der leichtsinnigen Schwerelosigkeit eines kaleidoskopischen Tagtraumes zu vertändeln. Bei diesen atemberaubenden Rollenwechseln kommt jp, dem Mann der 1000 Gesichter, sein Opus Nr. 7 besonders zugute – der 2018 bereits in 2. Auflage erschienene Experimentaltext Leben und Wirken des Samuel Brüllhenne, der gewohnte Sichtweisen und Lesegewohnheiten in einer Art und Weise desavouiert, wie man dies im traditionellen Buchmarkt bis dato noch nicht gekannt hatte. Um mit den Multiplikatoren von Literatur (vulgo Rezensenten genannt) ins Gespräch zu kommen, tourt jp seit Monaten durch Europa und erläutert seine innovativen Literaturkonzepte auf VIP Road Shows, die regelmässig lange im Voraus ausgebucht sind.

In den Wetterau Tapes, Teil 1, wurde es dann aber leider auch offenbar, dass jp nicht nur ausgeprägte Kommunikationstalente und hohe soziale Intelligenz und Kompetenz sein Eigen nennt, sondern gleichermassen über ein erhebliches Aggressionspotential verfügt.[1] Halbwegs tröstlich mag dabei erscheinen, dass er dieses (noch?) nicht gegen Personen, aber hauptsächlich gegen LKWs kultigen VW Bulli, Baujahr 05/1967, richtete; LKWs Dienstwagen kam infolgedessen am Ende von Teil 1 ziemlich lädiert und weitgehend immobilisiert auf dem LKW-Parkplatz der BAB-Raststätte Wetterau zu liegen. In diesem Zusammenhang erinnern wir gleichfalls an den grenzwertigen Auftritt von Willi Bolzenschneider Müller-Drochtersen, Road Captain des Friedberger Charters der Wetterauer Hells Angels, der LKWs Mannschaftstransportwagen als rollendes Do-it-yourself-Ersatzteillager betrachtete und sich dann dort entsprechend bediente. Damit endete der packende Teil 1 der Wetterau Tapes.

Der Erfolg des weiteren Gesprächs im Teil 2 wird jetzt ganz entscheidend davon abhängen, inwiefern es LKW durch gezieltes Stellen von Fangfragen gelingen wird, jp in einer Art aus der Reserve zu locken, dass er die individuellen Erfolgsrezepte aus seiner Schreibstube preisgibt – oder aber, ob das Gespräch vollends aus dem Ruder läuft, weil sich jp in die Enge getrieben und provoziert fühlen könnte. In ähnlichen Zusammenhängen hat jp, der vermeintliche Symbiosen zwischen Autoren und Kritikern[2] immer schon äusserst argwöhnisch betrachtet hat, mehrfach unüberhörbar verlautbaren lassen, dass diese geistigen Schrebergärtner nur kommen mögen – ¡No pasarán!

*

Kein Gefälligkeitsinterview

LKW: Verehrter jp, wenn ich Sie jetzt so mal nennen darf. Vordergründig haben wir ja bis jetzt Ihre eigenwilligen Ansichten und Umsetzungen bezüglich Literatur näher unter die Lupe genommen.

Nun sind wir ja vom Hessischen Landboten eine seriöse Zeitung und wollen keine Promi-Homestory schreiben. Ältere Feuilletonisten wollen ja ohnehin was anderes als die momentan gängige Verherrlichung von einzelnen, scheinbar wichtigen Personen des sogenannten öffentlichen Lebens wie z. B. Barbara Schöneberger oder Eckart von Hirschhausen zeigen.

Das Leben an sich habe Sie zu dem gemacht, was Sie heute sind, sagt Ihre PR-Agentur. Anders formuliert: Gesellschaftliche Entwicklungen kristallisieren sich im Individuum. Und genau darum soll es jetzt gehen. Wie hat sich der Mensch Jan Peters jenseits der Literatur entwickelt, wie schlugen sich die jeweiligen gesellschaftlichen Zustände in seinem Leben nieder und welche Folgen hatte das. Also ein mehr historisch orientierter Ansatz.

In Sebastian – Abenteuerliches aus vergangenen Zeiten haben Sie ja schon das erste aber nicht letzte Mal Bezug darauf genommen, wie z. B. Schule in verschiedener Hinsicht Ihr Leben geprägt hat: Eine Woche lang wurden die Aspiranten für das Gymnasium geprüft, nach allen Regeln der Kunst, und dann lag ein amtliches Schreiben an Sebastians Eltern im Briefkasten, dass man es durchaus einmal versuchen wolle, ihm eine höhere Schulbildung angedeihen zu lassen. (Sebastian, S. 102). Was können Sie uns noch zu diesem Thema berichten?

jp: Mit einer so cleveren Frage von Ihnen hätte ich gar nicht gerechnet – Chapeau! Wir kommen jetzt endlich auf eine Art von Meta-Ebene und erheben uns über den üblichen trivialen Alltags-Nonsens. Gestatten Sie, dass ich mich kurz zurückziehe, um mich angemessen zu kleiden.

(Mit einem gehechteten doppelten Auerbach-Salto sowie anderthalb Schrauben rückwärts verlässt jp den Bulli, erreicht mit drei Flickflacks seinen Graham-Paige, Modell 80 A Crusader Touring Sedan, öffnet mit einem verbogenen Schraubenzieher den Kofferraumdeckel, besteigt den Gepäckraum und schliesst den Deckel geräuschvoll von innen hinter sich. Keine 45 Minuten später entsteigt er bereits wieder dem boot, wie der Amerikaner den Kofferraum nennt. Bei seinem Anblick fällt eine Schulklasse aus dem Mädchenpensionat Okarben-Süd geschlossen in Ohnmacht, denn der dynamische Schweizer Autor trägt jetzt in höchst stilvoller Weise die Werther-Tracht. Dies war eine Zeitlang die Dienstkleidung von Johann Wolfgang Goethe, bestehend aus einem blauem Frack, gelber Weste, Kniehosen aus gelbem Leder, Stulpenstiefeln und rundem, grauem Filzhut. Eitel wie ein Pfau stolziert jp zurück zum Bulli und schwingt sich jodelnd auf den Beifahrersitz. Dabei reisst er versehentlich den Haltegriff ab, der oberhalb der Beifahrertür angeschraubt war.)

jp: Also, ich warte! Fällt Ihnen vielleicht gelegentlich mal eine halbwegs intelligente Frage ein? Oder wat?

LKW: Aber ich habe Ihnen doch gerade…

jp: Wissen Sie, wenn ich eins nicht leiden kann, dann ist es, ständig von Ihnen unterbrochen zu werden. Aber wenn Ihnen nichts Gescheites einfällt, dann lassen Sie mich doch einfach mal darauf eingehen, wie ich mich als Mensch jenseits der Literatur entwickelt habe; wie sich die jeweiligen gesellschaftlichen Zustände in meinem Leben niederschlugen und welche Folgen das hatte. Ich führe dazu jetzt mal den Begriff des mehr historisch orientierter Ansatzes in unsere Disputation ein.

Eine Art Meilenstein war sicher die bestandene Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium, zweifellos ein Initiationsritus, denn damit fühlte ich mich schon regelrecht in die Oberliga meiner Heimatstadt aufgenommen. Wobei ich allerdings rückblickend glaube, dass dies nicht zu einer Art Standesdünkel bei mir geführt hat, obwohl man seitens grosser Teile des Lehrkörpers keine Gelegenheit ausliess, die Herren Scholaren darauf hinzuweisen, dass man sich gefälligst als Elite der Nation zu fühlen und auch entsprechend aufzuführen habe.

Na ja, Elite der Nation; die dies sagten, während sie uns zwecks Disziplinierung ggf. mit Klassenbucheinträgen und geharnischten Noten eindeckten (besonders mein Mathe-Pauker, der mir einen Überseekoffer nach dem anderen reinkachelte, dass mir regelmässig der Draht aus der Schülermütze fiel), waren auch mal Elite der Nation gewesen – grösstenteils mit dem NSDAP-Parteibuch in der Tasche.

Bis zur Untertertia (8. Klasse) hat mir die Gymnasialzeit richtig Spass gemacht, Wissenserwerb war mein grösstes Vergnügen überhaupt. Danach wurde es von Klasse zu Klasse schwieriger. Schwer zu sagen, woran das lag. Man könnte vielleicht der Pubertät die Schuld in die Schuhe schieben. Partiell sicher, aber…

Erschüttertes Grundvertrauen

Weiter oben sprachen Sie davon, dass (oder ob und wie) sich gesellschaftliche Entwicklungen im Individuum spiegeln. Als mir nach und nach immer bewusster wurde, was in Deutschland von 1933 bis 1945 geschehen war und dass die Generation meiner Eltern und Lehrer in dieser Zeit auch irgendwas gemacht haben musste…, da fuhr mir das dermassen in die Knochen, dass mich das in vielerlei Hinsicht sehr blockiert hat gegenüber dieser Generation. Auf alle Fälle muss ich rückblickend eines sagen: Im Grunde habe ich ihnen nie mehr vertraut, seit ich von Auschwitz gehört hatte. Es ist ganz, ganz schlimm, dass ich dies so sagen muss.

Welche Folgen dieser grundsätzliche Argwohn hatte, ist mir dann erst sukzessive und auf viele Jahre rückblickend klar geworden. Ausgehend von meinen Lehrern in der Gymnasialanstalt, die ich damals als meine natürlichen Feinde anzusehen gelernt hatte, die ständig darauf lauerten, mir Fehler, Nachlässigkeiten, Insubordination, Versagen und vorsätzliche Schlampereien nachzuweisen und triumphierend um die Ohren zu hauen, habe ich dieses Verhalten als Blaupause betrachtet und unausweichlich auf alle meine folgenden Vorgesetzten übertragen. Ich hätte mir eine andere Art der Zusammenarbeit gewünscht.

Andererseits stimme ich Adornos deprimierendem Postulat von der Unvereinbarkeit des richtigen Lebens mit dem falschen aus tiefer Überzeugung zu; schwieriges Terrain, komplett vermint: Näherte sich mir ein Vorgesetzter ausnahmsweise freundlich, hielt ich das lediglich für eine besonders infame Tarnung, um die Ausbeutung raffinierter ins Werk zu setzen, wahrhaftige Partner konnte ich in diesen Leuten nie erkennen. Diese Vorgesetzten-Untergebenen-Divergenzen hatte Auswirkungen verschiedener Art und Intensität auf meine Weltsicht und psychische Befindlichkeit, was mich einige Male fast Kopf und Kragen gekostet hätten. Seine extreme Zuspitzung erreichte all dies dann Tief im Norden, wo dieses labile Gleichgewicht dem Aussendruck nicht mehr standhielt und krachend in sich zusammenbrach wie die Brücke von Genua. Es dauert Jahre, nach solchen epochalen Desastern tragfähige Neukonstruktionen zu errichten.

In meinen diversen Texten habe ich immer versucht, diese Problematik nicht zum Gegenstand meines Schreibens zu machen – ich mag den Begriff Schreiben als Therapie nicht und schätze kein Betroffenheitsgesülze. Vage Andeutungen auf die oben kurz angesprochene Problemlage kommen bei mir, wenn überhaupt, in einer so getarnten Form in so tiefen Ebenen vor, dass sie möglichst unentdeckt bleiben. Höchstens mal in meinen Gothic-Novel-Anwandlungen lasse ich sie durchschimmern, bei Höllenfahrten im Norden:

Weit draussen, immer noch ausserhalb der menschenfressenden Brandung, aber nicht mehr unerreichbar von ihr, tanzte ein Boot auf der Dünung, eine altmodische Bark holländischer Bauart, Spielball der leidenschaftlichen Elemente, tanzte zu der uralten Melodie, welche die See singt, seit sie geschaffen wurde. Die Takelage hing in Fetzen von den gebrochenen Masten, ihre Splitter ragten wie eine zum Schwur erhobene Hand zum Himmel. Das zerrissene Segel war von der wächsernen Farbe eines Leichengewandes. An einem Maststumpf hing, unter Fesseln gekrümmt, eine schlanke menschliche Gestalt, gespenstisch umzuckt von dem Flackern des Elmsfeuers, das wie irrwitzig von einer Mastspitze zur anderen sprang. 

Okay, das sind eher Tief-im-Norden-Fingerübungen in Form einer ehrfürchtigen Hommage an den grossen Edgar Allan Poe, als dass man so etwas als autobiographische Wahnvorstellungen einstufen sollte.

Poesie der Weiblichkeit

LKW: Ja, diesen Autor lieben auch viele in unserer Redaktion. Ganz hoch im Kurs stehen Zeilen wie diese, die aus The Raven stammen und von unserem lieben Edgar Allan Poe 1869 verfasst wurden:

Auf warf ich den Fensterladen; flatternd und mit Flügelschlagen trat ein Rabe ein, als ob er aus den Tagen Noahs wär. Und nicht einen Diener macht‘ er, nicht an eine Pause dacht‘ er, stolz setzt‘ er sich wie ein Pachtherr über meine Zimmertür. Setzt‘ sich auf die Pallas-Büste über meiner Zimmertür. Sass dort und nichts weiter mehr.

Doch das schwarze Tier verführte, weil es sich so eitel zierte, meine Kümmernis zum Lächeln, und ich sagte ungefähr: Ist dein Helmbusch auch geschoren, scheinst du doch als Held geboren, von der Düsternis erkoren, flogst Du weit vom Nachtland her, sag, welch ist dein edler Name von des Pluto Nachtland her?
Sprach der Rabe: Nimmermehr.

Und mein Staunen war unendlich, denn das Tier, es sprach verständlich, schien die Antwort auch ein wenig dunkel und etwas verquer; denn wir müssen eingestehen, dass kein Lebender gesehen je solchen Vogel spähen oben von der Zimmertür, einen Vogel von der Büste über seiner Zimmertür – der sich nannte Nimmermehr.

Aber kommen wir zurück zu Ihnen. Bei unseren Recherchen sind uns einige Merkwürdigkeiten untergekommen, die wir uns überhaupt nicht erklären konnten. So haben wir Sätze gehört über Sie wie: Chefmathematiker in einer Fischklasse. Einen Reim konnten wir uns auf diesen Satz nicht machen. Aber auch Berichte, Sie seien direkt nach dem Abi mit Mitschülern nach England gefahren, hätten am Strand geschlafen, sogar Englisch gesprochen und sollen Elemente im Verhalten vorwegnehmend gezeigt haben, wie sie erst später in Samuel Brüllhenne wieder auftauchten. Sollen wir das glauben? Waren Sie schon damals so verquer wie er?

jp: Freut mich, dass die Kunde von Edgar Allan inzwischen sogar schon bis nach Langgöns vorgedrungen ist, Gevatter. Personally, I do prefer The Raven in English. Translations into German? Ever tried to convert Heine’s Loreley congenially into English? Where would you place this captivating Rhine beauty in the UK? Watching a Mersey ferry going down while gold-combing her hair? See what I mean, man?

Talking about Mr. Poe, this is where I thoroughly understand and adore him:

For the moon never beams without bringing me dreams of the beautiful Annabel Lee; and the stars never rise but I see the bright eyes of the beautiful Annabel Lee; and so, all the night-tide, I lie down by the side of my darling, my darling, my life and my bride, in her sepulchre there by the sea – in her tomb by the side of the sea.

Annabel Lee diente mir übrigens undercover als Vorbild für meine abgöttisch geliebte Jane Alexa Coupar, The Rose of Kilmarnock, meine wunderbare schottische Königin und ihre geheimnisvolle Feuerlilie, die ich in extenso in meinem Skandal! Skandal!, erschienen 2002 (in Leben und Wirken des Samuel Brüllhenne hat sie eine Nebenrolle[3]), auftreten lasse:

Aber eines ist gewiss, Jane Alexa Coupar und ihre Liebe zu mir sind niemals erloschen, sie haben die Vernichtung der Burg überlebt, und mit ihrer Schwester vom See hat meine Königin durch die Jahrhunderte hindurch geduldig auf mich gewartet. Und eines Tages werde ich mich wieder aufmachen in das schottische Hochland, um mit meiner Jane Alexa Coupar blutige Hochzeit zu feiern.

Und ob Jane Alexa ausschliesslich eine metaphorische Blüte meiner Phantasie ist,[4] ein genereller Topos für Weiblichkeit und weibliche Sexualität – die Freud, Meister aller Klassen, mal sehr mystisch mit flackenden Feuern auf dunklen Kontinenten paraphrasiert hat – oder evtl. konkret mit demjenigen zusammenhängt, was Sie mich gerade gefragt haben:

Aber auch Berichte, Sie seien direkt nach dem Abi mit Mitschülern nach England gefahren, hätten am Strand geschlafen, sogar Englisch gesprochen und sollen Elemente im Verhalten vorwegnehmend gezeigt haben, wie sie erst später in Samuel Brüllhenne wieder auftauchten (…), all dies werde ich einfach mit in mein kühles Grab nehmen: in my tomb by the side of the sea.

Eine der zauberhaftesten Geschichten, die ich je gehört/erlebt habe, hängt mit Sweet Lady Jane (das ist aber nicht die von Mr. Jagger!) und Cockney Rebelʼs Sebastian zusammen, und einmal, nur ein einziges Mal in meinem Leben, habe ich Atlantis, die goldene Stadt, an den Himmeln stehen sehen. Ich glaube, ich werde ein ziemlich grosses Grab für all meine wild-romantisch geheimnisvollen Geschichten brauchen; immer hübsch nach der Melodie meines Daseins: You ain’t seen nothing, yet!

Und Ihnen, geschätzter LKW, ins Stammbuch: Glauben Sie NIE, was Sie bei mir zu erkennen glauben, because… (better listen to Bachmann-Turner Overdrive!).

LKW: Verzeihen Sie eine kleine, letztmalige Abschweifung zu Sebastian: Auf S. 132 schreiben Sie von einer Aufmunterung, die Ihnen von dem Grauen vermittelt wird: Rein in die Höhle des Löwen. Gemeint war der Besuch bei den Eltern Ihrer Angebeteten vor dem Mittelball der Tanzstunde.

Wie sich solche Begriffe historisch verschieben, kann man schön bei wikipedia nachlesen:

Die Höhle der Löwen (kurz auch DHDL) ist eine deutsche Unterhaltungsshow, die erstmals im August 2014 vom Fernsehsender VOX ausgestrahlt wurde. In der Show werben Startups, Erfinder und Unternehmensgründer um Risikokapital zum Wachstum ihres Unternehmens. Sie stellen ihre innovativen Geschäftskonzepte den Löwen vor und bieten ihnen Geschäftsanteile in Relation zum ermittelten Unternehmenswert an. Die Löwen sind prominente Investoren, die eigenes Geld in Unternehmen ihrer Wahl investieren und diese mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung fachlich begleiten.

Doch lassen Sie uns einen Schritt vorwärts machen in Ihrem Leben. Nach dem Abitur wurden Sie ja dem militärischen Prinzip von Befehl und Gehorsam unterworfen, was ja phantastischen, manchmal jeder Vernunft widersprechenden Vorstellungen diametral entgegengesetzt ist. Und gleichzeitig demonstrierten Studenten mit phantasiegeschwängerten Plakaten wie z.B.: Unter den Talaren – der Muff von 1000 Jahren. Wie sind Sie mit solchen Widersprüchen umgegangen?

Youʼre in the army, now

jp: Sie spielen hier auf den zweitschlimmsten Tag meines Lebens, den 3. Juli 1967 an, als ich zu den Fahnen der PzBrig 8 in Lüneburg geeilt und dort als Wehrpflichtiger gegen den Iwan ins Feld gestellt wurde. Als vier Monate danach, am 9. November 1967, Hamburger Studenten mit ihrem legendären Unter den Talaren… etwas loskickten, was eine kraftvolle Bewegung werden und zu epochaler Berühmtheit und Bedeutung gelangen sollte, hatte ich meine Grundausbildung schon seit gut einem Monat hinter mich gebracht und befand mich in einer Kampfkompanie der Panzergrenadiere – einer knallharten Einheit, Kameraden!

Zu den dortigen Attraktionen gehörten endlose 50-kmplus-Gepäckmärsche, mühseliges Ausheben von Schützengräben im gottverfluchten Heidesand, bis zu dessen Erreichen man mit der darauf stockenden, nahezu unzerstörbar untereinander verdrahteten Calluna vulgaris in einer verzweifelten Art und Weise kämpfen musste, als wäre man ein Angehöriger der Laokoon-Gruppe, demütigende Stuben- und Spindappelle, gefechtsmässiges Überwinden der Hindernisbahn in Form von Sauhatzen unter ABC-Schutzmaske, monotoner Kasernenhofdrill, knallharte Aufenthalte auf Truppenübungsplätzen bei grimmigen minus 18° Celsius, Übernachten im Freien bei jedem Wind und Wetter, Teilnahme an Grossmanövern als Panzerknacker AG im Gefecht der verbundenen Waffen, exzessive Aufnahme von Flaschen-, Fassbieren und Spirituosen unterschiedlicher Arten und Durchschlagskraft (MERKE: Es trinkt der Mensch, es säuft das Pferd, beim Barras ist es umgekehrt.) sowie die ermüdend repetitive Ausbildung an den Gefechtsversionen sämtlicher Sprengmittel und Infanteriewaffen inklusive der furchterregenden schwedischen Panzerfaust Carl Gustaf und des M40 105-mm-Leichtgeschützes der US Army, dessen Hohlladungen durch Panzertürme gehen wie das heisse Messer durch die Butter[5] – eben mit diesem ganzen brisanten Krempelkram, der ausschliesslich zu dem Zweck erfunden wurde, möglichst viele Feinde rot möglichst schnell ins Jenseits zu befördern.

Und bei Preussens habe ich vom Wahnsinn umzingelte, mit ihren genagelten Knobelbechern Funken schlagende Schleifer vom Dienst erlebt – Wer ist der schönste Mann im Staate? Der Soldate! –, die in ihrem dezenten Auftreten Gunnery Sergeant Hartman, Drill-Instructor beim US Marines Corps, nur wenig nachstanden: PETERS!! Wir sind hier nicht bei der Heilsarmee!! Tragen Sie Ihr Gewehr nicht wie Rudolf Lenz, der Förster vom Silberwald: VOLLE DECKUNG!!

Die Russen kommen

Diese elende Schinderei musste aber, wie uns regelmässig verkündet wurde, deshalb sein, weil der Russe nur schlappe 15 Panzerminuten entfernt von uns in der Sowjetzone stand – dem pseudostaatlichen Gebilde des Spitzbarts Walter Ulbricht, eines in der Wolle gefärbten Altkommunisten, einer unbelehrbaren Sowjetmarionette übelster Sorte, wie das Westfernsehen und der Berliner CIA-Sender RIAS nicht müde wurden, uns permanent einzubläuen. Und wir als die NATO-Speerspitze verteidigten die hohen Werte der Demokratie und Freiheit, die ich gerade 9 Jahre lang während meiner Gymnasialzeit in ihrer praktischen Ausformung erlebt hatte (Peters, setzen – 6!) – die mongolischen Horden der Roten Armee dagegen kämpften für die Unterjochung unserer entrechteten Brüder und Schwestern drüben in der SBZ (Genosse Peters, setzen – 6!). Im deutschen Soldatensender, Agitprop-Radio der planmässig unsere Wehrkraft zersetzenden Gegenseite, hörten wir dann nachts die sozusagen gespiegelte Version aus der DDR – was seitens unserer Vorgesetzten nicht erwünscht war, da dort auch stets frühzeitig bekannt gegeben wurde, wann mit NATO-Alarm zu rechnen war; was zu unserer Freude auch immer genau gestimmt hat. Offensichtlich hatte das Thälmann-Bataillon der internationalen Brigaden erfolgreich Maulwürfe im Oberkommando unserer Wehrmacht platziert.

Im Schrottpanzer gegen den Feind

Ich werde jetzt nicht sagen: Aber schön wars doch! in der Schule der Nation und auch nicht das verlogene Hohelied der Kameradschaft singen oder ähnlichen Unsinn verbreiten, denn die Zeit beim Kommiss habe ich als vorsätzliche Freiheitsberaubung empfunden. Später dann erschien mir meine Zeit im Ehrenrock der Nation als 20 Monate, die mir die Bundesrepublik Deutschland gestohlen hat, um die Ostflanke des US-Imperialismus und die Profite der Rüstungsindustrie zu sichern, die übrigens noch nicht einmal in der Lage war, uns Soldaten der gepanzerten Kampfverbände mit zuverlässigem Material zu versorgen (Stichwort: Schützenpanzer HS 30, im gnadenlosen Landser-Jargon Contergan-Panzer genannt, die Meisterleistung eines vorbildlich integren Politikers namens Franz-Josef Strauss).

Nachdem ich mich nolens volens an den Stumpfsinn des Kasernenalltags und den dort üblichen rauen Umgangston gewöhnt hatte, fügte ich mich in mein Schicksal, versuchte, nicht unangenehm aufzufallen, rettete mich psychisch von Wochenende zu Wochenende und zählte die Tage bis zu meiner Entlassung (Reserve hat Ruhʼ!) – bis im August 1968 der Warschauer Pakt in der Tschechoslowakei einmarschierte, und es plötzlich überhaupt nicht mehr utopisch erschien, dass aus unseren nassforschen Räuber- und Gendarmspielen und dem fröhlichen Geballere auf Pappkameraden ein heisser Krieg werden könnte: Und wir hätten in vorderster Linie gestanden, und die sowjetischen Kameraden von der anderen Feldpostnummer und die Jungs von der NVA, die uns wahrlich nicht von Pappe erschienen, hätten mit ihren AK 47 flächendeckend zurückgeschossen bzw. uns mit ihren Mittelstreckenraketen eingedeckt. Nuclear warheads hatten sie auch für diese neckischen Feuerwerkskörper; wir waren richtig neidisch, denn wir hatten nur diese Schützenpanzer Üb, die meistens schon vor Erreichen des Kasernenausfahrt wegen technischer Probleme ausfielen (unsere Fahrer weigerten sich hartnäckig, unsere wunderbaren HS 30 Panzer zu nennen, sie sprachen nur verächtlich von Baggern).

Viele von den Dreckskarren fingen selbstständig an zu brennen, obwohl der Feind sie noch gar nicht unter Feuer genommen hatte. Wir empfanden das Feind rot gegenüber als unfair, denn den Jungs auf dem DDR-Ufer hätte es sicher viel Spass gemacht, unsere Spielzeugpanzer mit ihren Waffen in Brand zu schiessen: Es knallt deutlich heftiger als zu Silvester, wenn ein Panzer, randvoll mit Sprit und Munition, so richtig zackig in die Luft fliegt; ein wahrer Panzergrenadier hat seine helle Freude an solchen Wirkungstreffern. Aber unsere Bagger brachten Feind rot um dieses Vergnügen, indem sie sich in Kamikaze-Manier zuverlässig selbst aus dem Spiel nahmen; der Durchschnitt unserer motorisierten Einsatzfähigkeit lag langfristig bei sagenhaften 15 %! Alternativ machte einer unserer kreativsten Mitkämpfer den Vorschlag, unsere furchterregenden HS 30 gelb zu lackieren und mit schwarzen Posthörnern zu verzieren, auf dass Feind rot uns mit der Paketauslieferung der Deutschen Bundespost verwechsele und deshalb davon absehe, uns mit seinem PaK-Feuer in die ewigen Jagdgründe zu befördern.

Wem nütztʼs?

Die von uns im Zusammenhang mit dem Ende des Prager Frühlings im Kameradenkreis angestellte einfache Überlegung, wem solche militärischen Auseinandersetzungen eigentlich wirklich nützen könnten (die alte Sherlock-Holmes-Frage: cui bono?) – während wir bis an die Zähne Full Metal Jacket-bewaffnet auf Munitionskisten hockten und auf den Marschbefehl nach Osten warteten –, resultierten bei mir dann in einer Art von politischem Erweckungserlebnis darin, dass ich zumindest kein Parteigänger der CDU und Freund der USA (Stichwort Vietnam) wurde – um es gelinde auszudrücken. Andererseits war der Soldatenalltag so besitzergreifend und aufreibend, dass aus der Aussenwelt (Stichwort Muff unter Talaren) wenig zu uns in die Kaserne drang; und was Studenten trieben, war den Frontschweinen von der PzBrig 8 an der HKL Elbe eigentlich scheissegal – dies sollte sich bei mir dann kurze Zeit später vollkommen ändern.

Zusammenfassend bleibt festzustellen: Danke, liebe BRD für diese Einblicke in eine skurrile Welt der Betonköpfe, der Ewiggestrigen, der Lebens- und Menschenverächter, der Nivellierer menschlicher Individualität, der grosszügigen Verschwender von Steuergeldern in unvorstellbaren Mengen und ganz allgemein der Vollidioten, die sich beim Abfeuern von Schnellfeuerkanonen für allmächtig halten – gemeingefährliche Irre, die leider imstande wären und auch die Mittel hätten, eine ganze Welt in den Untergang zu ziehen.

Andererseits betrachte ich meine Zeit beim Bund als eine erfolgreich absolvierte Konfrontationstherapie, die mich lebenslänglich gegen rechts und gehirnamputierte Militaristen immunisiert hat; und als eine Zeit, die ich meinem Vaterland geschenkt habe, ohne auch nur annähernd den Gegenwert dafür zurückerhalten zu haben. Sogar ganz im Gegenteil: Deutschland würde mir einige Jahre später noch viel eindrucksvoller zeigen, was es von mir hielt: nämlich nichts! Und immer dann, wenn sich Mutter Germania in Erfüllung ihrer Fürsorgepflicht mir ganz persönlich zuwandte, wurde die Luft um mich herum stark Kruppstahl-haltig, und ich gewann den hochgradig unerfreulichen Eindruck, die Dame wollte eher Blutrache an mir nehmen, als mir in ihrem warmen Schoss Geborgenheit geben. Ich sehe im Wechsel die Wacht am Rhein bei Rüdesheim oder die Käthe-Kollwitz-Plastik in der Neuen Wache Unter den Linden in Berlin vor mir, wenn ich an Deutschland bei der Nacht denke.

(jps Körper strafft sich, er sitzt gefechtsmässig von LKWs privaten Rad-Kfz ab, geht vor dem Einsatzfahrzeug hackenknallend in Grundstellung und stösst in scharfem Befehlston aus: Kommando gilt nur für den Schützen Arsch im letzten Glied: in diese Richtung weg – marsch, marsch!! Stellung!! Sprung auf – marsch, marsch!! Auf dem Koppelschloss – kehrt!! MG-Feuer von links!! Bis auf meine Höhe vorarbeiten!! ACHTUNG: Tiefflieger aus 3 Uhr!! Fertigmachen zum Sprung; Sprung auf – marsch, marsch!! ABC-Alarm!! ACHTUNG: Feind rot mit T-34 und aufgesessenen Mot-Schützen aus 6 Uhr!! Während sich PzGren Peters in der beeindruckenden Art eines Schützenrudels [vgl. hierzu auch: ZDv 3/11: Infanterie-Gefechtsausbildung aller Truppen] zügig in Richtung JVA Butzbach entfaltet, werden die heiseren Kommandos nach und nach schwächer, bis sie endlich völlig verstummen. LKW entnimmt dem Seitenfach der Fahrertür gedankenverloren eine volle Flasche Jägermeister, trinkt hingebungsvoll daraus und seufzt: Der Typ hat doch ʼne Vollklatsche! 13 Minuten später fenstert er die leere Schnapsflasche gedankenverloren in die Fahrertür von jps Graham-Paige, Modell 80 A Crusader Touring Sedan.)

LKW: Viele Ihrer Erfahrungen und Einschätzungen kann ich sehr gut nachvollziehen, da ich selbst als Panzergrenadier z. B. Schützengräben in der Asse südlich von Wolfenbüttel ausheben musste. Dort wurden ja seit 1967 radioaktive Abfälle eingelagert, was damals kaum jemandem bewusst war.

Aber weiter in Ihrem Leben: Als ich in Vorbereitung auf dieses Interview noch einmal einen Blick in Ihr Frankfurt-Buch geworfen habe, ist mir eine merkwürdige Diskrepanz aufgefallen. Sie waren damals ein junger Mann in den 20ern und sicher unternehmungslustig. Aus Ihrer Biografie wissen wir, dass Sie in dieser Zeit sehr viel erlebt haben. Aber der Text wirkt seltsam abgeklärt, ja fast ernsthaft, wie wir es heute so gar nicht mehr durchgängig von Ihnen gewohnt sind. Hatte das Leben in dieser Stadt so gar keine Auswirkungen auf Sie oder liegt es daran, dass Sie das Buch 30 Jahre später geschrieben haben?

Geomorphologie des jp-Schreibens

jp: Gleich mal vorab zu Ihrer Bemerkung, Sie seien es gar nicht (mehr) gewohnt, dass ich abgeklärt wirke. Da muss ich Ihnen widersprechen, denn es ist ja nicht so, dass ich seit Neuestem unabgeklärt wäre. Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus Samuel Brüllhenne, das Ihnen paradigmatisch zeigt, dass ich heute ein ganz anderes, ein eher enigmatisches Niveau erreicht habe – die Ebene des Offensichtlichen, jedermann Ersehbaren interessiert mich nicht mehr die Bohne; ich ziehe mich bevorzugt in unübersichtliches Gelände zurück, in die Welt des pastellartig Angedeuteten, auch des im wahrsten Sinne des Wortes Flüchtigen. Die in solchen Gegenden getroffenen Aussagen sind ephemer wie arktische Schneeverwehungen (oder Saharadünen); oder genauso unwahrscheinlich wie das Erreichen des Gipfels, wenn Sie am Fuss der Rupal-Wand am Nanga Parbat, dem deutschen Schicksalsberg, stehen und sich fragen: Da soll ein Mensch hochkommen?

Ich darf wohl für mich in Anspruch nehmen, einer der ganz wenigen Schriftsteller zu sein, die sich aufgrund ihrer profunden geographisch-geomorphologischen Ausbildung in der glücklichen Lage sehen, sich auf Anhieb in allen Klimazonen und sämtlichen montanen Höhenstufen der Erde zurechtzufinden und zu Hause fühlen – vom Wahnsinn des Konquistadors Lope de Aguirre im tropischen Regenwald des Amazonas bis hin zum Befinden des Extrembergsteigers Hermann Buhl in der Todeszone des Himalaja ist mir nicht Menschliches fremd, Kameraden! Nicht nur das unterscheidet mich von Rosamunde Pilcher, deren Typen ausserhalb Cornwalls nur sehr begrenzt lebensfähig bzw. schlagartig dem Untergang geweiht wären.

Dass ich mich geradezu schwerelos in verschiedensten Breitengraden zurechtfinde, hat sicher auch damit zu tun, dass ich mich schon während meiner Kindheit mit befremdlichen Sitten und Gebräuchen meiner Umgebung anfreunden musste. Man darf dabei nicht vergessen, dass mein Vater presbyterianische Prediger und Missionar war. Wir lebten eine Zeit lang am Kongo, bis dann meine Eltern, die sehr gottergebene Menschen waren, einem Kannibalenstamm in die Hände fielen. Ich habe einige Wochen gebraucht, um mich von diesem Schock zu erholen, kam aber schliesslich darüber hinweg, indem ich mir sagte: Bekloppte gibtʼs halt überall. Eine Haltung, die mich dann später auch in diesem seltsamen Schleswig-Holstein über vieles hat hinwegsehen lassen, was andere Menschen dort droben sicher in Rage gebracht hätte.

Eine Ahnung davon, in welche Richtung ich mein derzeitiges Schreiben driften lasse (Stichwort Organisches Schreiben©), geben Ihnen die diversen Newsletter, die sich im Anhang der Brüllhenne-Neuauflage befinden. Beispielhaft für meine neue Sicht auf Leben und Schreiben –  was für mich nur ein Begriff für zwei nur scheinbar divergierende Narrative darstellt: Schreiben ist aus meiner Sicht kein restriktives Framing, sondern ganz im Gegenteil eine Erweiterung des existentiell Möglichen – ist die Schlüsselszene des Hudson-Bay-Company-Erzählstranges, in welcher der seine Identitäten wie Hemden wechselnde Karl Napp, der gerade Samuel Brüllhenne umgebracht hat, flüchtet (ich möchte hier nicht weiter aufschlüsseln, wie hoch metaphorisch ich gerade diesen düstersten, gewalttätigsten Abschnitt des Buches aufgeladen habe; Sie können das auch gern infam nennen, Ihre Sache!):

Der bestens gewartete Motor springt auf Anhieb knatternd an, und Karl Napp verschwindet in einem riesigen Wirbel aus Eiskristallen in Richtung Neu-Fundland: But me and Liquorice saw the last of them, one misty, twisty day, across the mournful morning moor, motoring away – singing: Ladybird, Ladybird, what is your wish? Your wish is not granted unless itʼs a fish, a fish on a dish, is that what you wish?

Wenn Sie hierbei schemenhaft nicht nur klimatische Schnittmengen zu Viktor Frankensteins Kreatur schimmern sehen, würde ich sagen: Gar nicht schlecht, mein lieber LKW – aus Ihnen könnte noch mal was werden! Und jetzt interpretieren Sie mal schön. Kleine Lesehilfe: Die LP, auf der dieser Song erschien, hiess: The Hangmanʼs Beautiful Daughter…

Back to Frankfurt – Vermutungen über eine Zumutung, erschienen 1997; in der Bravo oder anderen Spitzenleistungen des Journalismus hätten die Schreiberlinge sicher angefangen mit: Jan Peters, der prägende Stationen seines Lebens in Frankfurt am Main durchlief, hat mit seinem neuen Buch eine sehr persönliche Liebeserklärung an die Stadt am Main vorgelegt. Alles richtig – und alles Käse. Hängt davon ab, von welcher Art von Liebe man gerade spricht. Richtig ist, dass in Frankfurt sozusagen meine Tertiärsozialisation stattgefunden und mich die Stadt nie wieder losgelassen hat. Den derzeitigen Stand meiner Frankfurt-Verliebtheit können Sie übrigens hier ablesen: http://www.jan-peters.ch/frankfurt-am-main-stadtbiotop-fuer-fortgeschrittene/.

Vor der Hammermetropole Frankfurt habe ich immer einen Heidenrespekt gehabt; meine Annäherung Ende Januar 1969 sah so aus:

Aus der sicheren Entfernung eines Autobahnrastplatzes in der Wetterau ((sic!)) machten die flimmernden Lichter, die sie mir am 30. Januar 1969 zur ersten Kontaktaufnahme sandte, einen eher friedlichen Eindruck, aber davon liess ich mich nicht blenden, ich doch nicht, war doch ein grosser Teil der mütterlichen Vorbereitungsstrategie darauf gerichtet gewesen, mich auf die ausgefeilten Verstellungstaktiken der Sumpfbagage der Lastermetropole zu trimmen. Tarnt Euch nur, dachte ich, achtzehn Monate unter den Fahnen, bei Preussens Gloria, haben mich mit allerlei menschlichen Gemeinheiten, Winkelzügen bestens vertraut gemacht. Solches und ähnliches denkend, begann ich, angespornt von Jimi Hendrixʼ Voodoo Child, übermittelt vom American Forces Network, meine Eroberung der alten Freien Reichsstadt, die einmal mein werden sollte. (Tief im Norden, S. 10.)

Und dann folgte bis Ende Januar 1981 eine definitiv glorreiche Zeit am Main; der darauffolgende Absturz in den Norden war dafür um so grauenhafter und hätte mich tatsächlich fast das Leben gekostet.

Die Zukunft ist ökologisch – oder gar nicht

LKW: In Ihrer Frankfurter Zeit hatten Sie ja auf Ihrem Auto einen Aufkleber Atomkraft, nein danke, der später noch im Norden der Republik für Furore sorgte. Nun ist ja Atomkraft nicht schön, aber gefährlich (Tschernobyl 26. 4. 1986) und trägt bei einem Defekt auch gern zur Verschandelung ganzer Landschaften bei. Andererseits kennen wir alle ja die holländischen Gemälde aus dem 16. und 17. Jh., auf denen Mühlen zu sehen sind. Diese dienten vor allem dem Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen, vor allem dem Wassermanagement, denn ungefähr die Hälfte der Niederlande liegen weniger als einen Meter über, rund ein Viertel des Landes unterhalb des Meeresspiegels. Viele Touristen, auch deutsche, empfinden sie als malerisch oder romantisch und sie dienen als gern genutztes Fotomotiv auch vor kitschigen Sonnenuntergängen. Zurück zu Hause erblicken dieselben Touristen die heutigen Windräder und plötzlich gelten bei manchen keine praktischen Gründe, sondern nur noch ästhetische Beurteilungen: Verschandelung der Landschaft oder Verspargelung. Übrigens eine Gemeinheit dem wohlschmeckenden Gemüse gegenüber.

Was halten Sie, Herr Peters, von solch widersprüchlichen Beurteilungen?

jp: Auch bei den alternativen Energien gilt ungebrochen das ewige Sankt-Floriansprinzip: Wir sind sowas von dafür – aber bitte NICHT bei uns; das versaut uns doch komplett unseren tollen Fernblick! Und stünden diese hübschen holländischen Windmühlen – die ja so putzig anzusehen sind wie die Faller-Häuschen einer Märklin-Eisenbahnlandschaft – in Deutschland, so würden sich blitzartig Don-Quichote-Bürgerinitiativen formieren:

Die Heerscharen possierlicher Heupferde, brummender Hummeln und flatternder Fledermäuse, die von der gnadenlosen Windguillotine während ihres nichtsahnenden Fluges enthauptet würden, sie würden uns in unseren Träumen heimsuchen und unser Leben vergällen. Nur noch die kleinen, unschuldigen Wachteln mit ihren süssen Kulleraugen, die zu Fuss bei uns vorbeikommen, hätten minimale Überlebenschancen, während über ihnen der Todespropeller dröhnt!

An Montagsdemos liefen dann keifende Ökowachteln mit Schildern durch die Gegend: Dieses hölzerne Geknacke – ist die reinste Psychokacke! In Drohbriefen an ihre Abgeordneten würden sie darauf hinweisen, dass das Knarren und Mahlen der Monstermühlen bei ihrer Brut[6] Angstzustände, Depressionen sowie Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen[7] auslöse und damit deren Zukunft bedrohe:

Weg mit den Windmühlen, dem Werk Satans! Wir schicken unsere Kids nicht für horrendes Geld zu Rudolf Steiner, damit sie zuhause dem Staatsterror der missverstandenen Energiewende zum Opfer fallen! – Und machen Sie sich überhaupt eine Vorstellung davon, welch unglaubliche Mengen von Holzsmog und -würmern diese windsüchtigen Mühlen des Todes ausstossen? Und dagegen gibt es keine Impfung, die wir sowieso verweigern würden, da sie Gift für die heiligen Körper und Seelen unserer Nachkommen wären.

Ja, wie jetzt? Da wärʼs doch eigentlich nur konsequent, der Mensch würde jeglicher Energiever(sch)wendung abschwören. Oder Watt?

LKW: Richtig. Watt. Wasser, Deiche, Schafe. Tief in den Norden, da geht’s gleich hin.

Aber zuvor noch eine kleine Anmerkung: Sie fordern mich zur Interpretation auf. Welche Ehre, wenn ein Zwergplanet wie ich von einem Sprachgiganten wie Sie zu so etwas aufgefordert wird. Die Antwort darauf hat Mike Heron von The Incredible String Band schon kurz nach Erscheinen des Songs Koeeoaddi There im März 1968 so gegeben (bezogen auf den Album-Titel):

The hangman is death and the beautiful daughter is what comes after… Or you can make up your own meaning – your interpretation is probably just as good as ours.

Wissense: es ist ja eine Katastrophe. Seit Tagen komme ich hier nicht weg. Die Räder fehlen. Und da soll man Feuilleton machen. Die Leser verbinden das immer mit Giovanni di Lorenzo, den ja angeblich Sigmar Gabriels Frau bewundert haben soll (SZ 19. 12. 2018). Ohne den Pizzaservice Avanti: unmachbar. Also mein Leben. Aber ich will mich nicht beschweren. Die größte Chance meines Lebens, den Autor von Samuel Büllhenne zu interviewen, will ich nicht versemmeln. Schließlich muss ich in meinem Alter an die Geschichtsbücher denken, an Rubriken wie: Wer interviewte eigentlich… oder so. Bin ja nicht mehr der Jüngste. Aber mit Ihnen reden zu können, belebt mich ungemein.

Deshalb eine weiterführende Frage: Geht es Ihnen momentan nicht auch nur um die Geschichtsbücher? Denn an Frankfurt vorbei, passieren Sie Marburg, wozu Ihnen nur einfällt, dass Sie Reden von Dutschke interpretiert und den Grundwiderspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital diskutiert hätten. Klingt gut. Klingt geschichtsträchtig. Aber dass Sie in Marburg neben Bierkästen sitzend auch Zeilen von Tucholsky wie: Wenn die Igel in der Abendstunde … Anna-Luise lautstark zusammen mit anderen rezitiert haben, davon wollen Sie heute nichts mehr wissen? Will keine Heuchelei unterstellen. Ich frage ja nur.

Neuer Kurs: Holstein-Riff 

jp: Eins möchte ich hier mal klarstellen, Kamerad Schwungrad, neben Bierkästen habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gesessen, ich pflege mich ausschliesslich auf Sofas aufzuhalten! Was Sie übrigens völlig zu erwähnen vergessen – ich lasse jetzt mal bewusst offen, ob dieses Vergessen aus einem Vorsatz erfolgt, um mein Leben der Unvollständigkeit zeihen zu können, oder ob dies schlicht und ergreifend Ihrer üblichen Schludrigkeit beizumessen ist – dass ich im Umkreis von Marburg, genau genommen in Gieβen, mal die besten Vogtländer Kartoffelklösse meines Lebens gegessen habe. Und weiter im Norden, in Göttingen, ging die Post ab, wie in Tief im Norden[8] nachzulesen ist:

(…) dann erreicht man Göttingen, in dessen gastlichen Mauern die akademische Freiheit eine wahre Heimstätte hat. Mit ehemaligen Klassenkameraden hatten wir dort in bunter Vorzeit eine Zusammenkunft, deren Verlauf mich stark an Steinbecks Tortilla Flat erinnerte. Der nächtlich  von uns entsprechend  zugerichteten Studentenbude des Festpräsidenten wurde am nächsten Tag der völlig überraschende Besuch seiner treusorgenden Eltern zuteil, was uns nicht weiter erschütterte, sie schon eher, denn sie hatten offensichtlich Vorstellungen  von Ordnung, die von unseren beträchtlich abwichen. Taktloserweise trat sein Vater auf eine harmlos am Boden liegende Leberwurst, die sich eigentlich nichts hatte zuschulden kommen lassen, was eine solche Behandlung gerechtfertigt hätte. Sie rächte sich, indem sie ihn unvermutet zu Fall brachte. Die Landung erfolgte in einer unserer umfangreichsten Leergutsammlungen, von deren Rückgabe wir uns eine einschneidende Sanierung unserer desolaten finanziellen Lage erhofft hatten. Den Zimmerinhaber veranlasste der vehemente Auftritt seines Erzeugers zu der lapidaren Bemerkung: Der König hat eine Bataille verloren(…)

Es wäre mir jetzt definitiv zu billig gewesen, aus dieser legendären Göttinger Leberwurst, bei der auf ewig verborgen bleiben muss, ob sie grob oder fein, frisch oder geräuchert war, einen ähnlichen Stuss zu fabrizieren, wie der überschätzte Günter Grass dies als Rahmenhandlung in seinen merkwürdigen Kopfgeburten versucht hat; ist das norddeutscher Sperrwerkhumor, eine Art Marschsatire? Oder kann das weg? Wenn das eine Persiflage auf von Hermann Hesse fehlgeleitete 68er-Adepten sein soll, dann schreibe ich demnächst eine Holsteiner Burleske: Romeo und Julia ersaufen in den Schleusen von Brunsbüttel-Koog – wat mutt, dat mutt!

(Während sich LKW und jp nach Art von American Pitbull Terrier zunehmend ineinander verbeissen, hockt Road Captain Müller-Drochtersen wie ein Affe auf dem Schleifstein auf seiner bollernden Harley, die ehern & zuverlässig wie ein Königstiger an der Ostfront ihre Bahn auf dem Weg zum Vereinshaus des Hells-Angels-Charters zieht. Bolzenschneider-Willi ist sichtlich mit sich zufrieden, war es ihm doch gerade gelungen, einen Satz Leichtmetallräder vom Feinsten von LKWs Kübelwagen zu demontieren und in einem Gebüsch zu verstecken. Nur noch ein bisschen Gras über die Sache wachsen lassen, dann würde er die Räder abholen, auf seinen Chevrolet GMC Sierra 4.8 Liter Pick-up, den mit den krassen Südstaaten-Tattoos, montieren und damit, von allen beneidet, durch die Wetterau brettern. Wenn er allerdings wüsste, dass sehr bald nichts mehr so sein würde, wie es einmal war, Willi dem Bolzenschneider verginge das Lachen auf seiner dumpf bollernden Harley, die ehern & zuverlässig…

 

(Fortsetzung folgt)   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Auf spezifische Anfrage zu dieser Problematik wurde uns von jps PR-Agentur mitgeteilt, das Leben an sich habe den Schweizer Erfolgsautor zu dem gemacht, was er heutzutage ist.

[2] Wie er sich eine interaktive Kooperation von Autor und Literaturkritiker als eine Win-win-Situation auf Augenhöhe vorstellen könnte, erläuterte jp anlässlich eines Pressegesprächs im Frühjahr 2018 auf der thüringischen Wartburg: Hört mal zu, Ihr Heckenpenner! Sollte einer von Euch auf die eigenartige Idee verfallen, er müsste mal was Gegenläufiges über mich publizieren, dann werde ich mir diesen Rohrkrepierer höchstpersönlich zur Brust nehmen und neu kalibrieren – capito, Sportsfreunde? Denkt gar nicht erst an so was!

[3] Unser ganz besonderer Dank gilt hierbei Lieutenant Colonel Jane Alexa Coupar Morris, Royal Regiment of Scotland, 5th Battalion: The Argyll and Sutherland Highlanders, deren beispielhafter persönlicher Einsatz nicht nur bei der Evakuierung des britischen Expeditionskorps vor Dünkirchen and during the Battle of England against Mr. Goering’s Nazi Luftwaffe, sondern auch jenseits aller Dienstzeiten höchst beeindruckend war: In the cathedral of our heart, there will always be a light shining for you, Soldier Jane!

[4] An anderer Stelle wird Jane Alexa bei mir zu einer Traumfigur in Andromeda, die kein Medusenhaupt besitzt, sondern deren elfengleiches Antlitz von Haaren aus Methannebeln umflort wird. Die Negation der Medusa dürfte talentierten Rezensenten helfen, mir in Relation zu meiner schottischen Regentin auf die Schliche zu kommen. Oder auch nicht, denn alles im Leben kann man spiegeln, und erst in seiner Umkehrung wird es wirklich verständlich. Die Welt hinter den Spiegeln mit ihren heimlichen Attraktoren ist es, die mich stark anzieht. Realität erhält für mich erst dann die Aura von literarischer Relevanz, wenn ich sie höchstpersönlich auf den Kopf gestellt habe (vgl. Samuel Brüllhenne, 2. Auflage 2018).

[5] Bei dieser überaus sinnvollen Tätigkeit des explosiven Zerlegens von Panzerwracks in Haupt- und Einzelteile fühlte ich mich im Februar 1968 wie ‹Stonewall Jackson›, der Panzerzerstörer von Bergen-Hohne.

[6] Sind so kleine Seelen, offen ganz und frei. Darf man niemals quälen, gehʼn kaputt dabei.

[7] Die Gebrüder Blattschuss hingegen singen überzeugend, dass es am System liege. Finden wir eigentlich auch.

[8] Wir werden im Folgenden nur noch unwissenschaftlich zitieren; präzise bibliographische Angaben gibtʼs bei: http://www.jan-peters.ch/

 

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