«Bekennen Sie endlich Farbe, jp!» (Die ‹Wetterau Tapes›, Teil 3)

«Bekennen Sie endlich Farbe, jp!» (Die ‹Wetterau Tapes›, Teil 3)

Was bisher geschah:

Wir befinden uns auf dem LKW-Parkplatz der BAB-Tank- und Rastanlage Wetterau nördlich von Frankfurt am Main. LKW gefriert gerade das Blut in den Adern, denn vor ihm baut sich niemand anderer als der exzentrische Schweizer Underground-Autor Jan Peters auf, der Mann der 1000 Gesichter, Verfasser von Leben und Wirken des Samuel Brüllhenne, eines kryptischen Texts, der bislang jeglicher Beurteilung, Eingrenzung und Kategorisierung hartnäckig widerstanden hat. Mit mehreren gezielten Karatehandkantenschlägen zerstört jp die Windschutzscheibe von v. Wolkensteins VW Bulli, Baujahr 05/1967, steckt seinen Kopf durch die so entstandene Öffnung und flüstert LKW drohend zu: Diese Stadt ist zu klein für uns beide, Fremder!LKW hat gerade noch Zeit zu denken: Wir sind doch in gar keiner Stadt, sondern auf einem LKW-Parkplatz, da…

 

((WARNHINWEIS: In den Wetterau Tapes gelangen aus grundsätzlichen Erwägungen ausschliesslich LANG-Texte zum Einsatz. Wer mehr an KURZ-Texte gewöhnt ist, wie sie z. B. der derzeitige US-Präsident verwendet, sollte sich bei Twitter und NICHT HIER mit Informationen versorgen!))

 

Wird es LKW gelingen, mit seiner nächsten Frage diese bedrohliche Situation zu entschärfen? Kann es überhaupt noch etwas geben, was den brandgefährlichen jp von seinen Mordplänen abbringen könnte? Viel Zeit bleibt nicht mehr…

LKW: Wir sind ja hier auf einem LKW-Parkplatz, und sie wirken wie auf der Flucht. Die Situation muss Ihnen doch bekannt vorkommen. Auf Ihrem Weg Tief in den Norden waren Sie ja eigentlich unterwegs in die Hölle, ohne es zu ahnen. Sie wirkten noch nicht mordlustig.

Herr Petersen, Sie kennen und kannten die ganze Bandbreite der deutschsprachigen Literatur dank Ihrer schulischen Ausbildung an Goslars Ratsgymnasium, wie man Ihren Büchern unschwer entnehmen kann. Sie zitieren alle, die heute kaum einer mehr kennt: Brecht, Kafka, Marx mit Engelszungen usw. Das hat mich an den frischen Max erinnert. Der schreibt in Montauk überraschende Sätze:

Ich habe mir mein Leben verschwiegen. Ich habe irgendeine Öffentlichkeit bedient mit Geschichten. Ich habe mich in diesen Geschichten entblösst, ich weiss, bis zur Unkenntlichkeit. (…) Es stimmt nicht einmal, dass ich immer nur mich selbst beschrieben habe. Ich habe mich selbst nie beschrieben. Ich habe mich nur verraten.

Sie haben dennoch mit Ihrem Buch quasi nebenbei ein Handbuch der Pädagogik verfasst, besser: eine Kritik derselben. Darauf kommen wir noch zurück. Aber zunächst einmal die Frage: Mit welchen Erwartungen sind Sie eigentlich in den Norden gestartet?

Die Klarheit des Nordens

jp: Die Beurteilung, ob ich mich in Tief im Norden, dieser Chronik meines vollkommenen Schiffbruchs im Norden Deutschlands, entblösst, selbst beschrieben oder verraten habe, überlasse ich der Leserschaft. Ich stelle in dem Text die Ereignisse meines Lebens vom 31. Januar 1981 bis zum 27. Dezember 1988 in subjektiver Sichtweise dar; bedient habe ich damit niemanden, denn keiner hatte diesen Text bei mir bestellt. Die Leser mögen die beschriebenen Ereignisse differenzierter sehen als ich, meinetwegen auch völlig anders – they’ve got their lives, I’ve got mine. Die Erwartungen, die ich beim Start in den Norden hatte, finden sich – Überraschung!! – in meinem Tief im Norden; ich darf zitieren (mit Leichenbittermiene entrollt er ein vergilbtes Pergament und beginnt zu lesen):

1980, mein letztes hessisches Jahr, war von beruflicher Unsicherheit geprägt gewesen, mit einem schnöden befriedigend im Zweiten Staatsexamen für das Lehramt hatte man nicht gerade die freie Auswahl an Planstellen, besonders, da 80000 andere ebenfalls eine Anstellung suchten. Eine halbherzig versuchte berufliche Neuorientierung war mir misslungen, so dass meine Frau und ich begonnen hatten, uns mit dem Gedanken vertraut zu machen, der Stadt den Rücken zu kehren. Ein sehr nördliches Bundesland hatte meine Bewerbung angenommen und mich einer Schule auf einer Insel (!) zugewiesen. Der Stellenantritt hatte umgehend zu erfolgen, Bedenkzeit hielten die bürokratischen Gehirne für überflüssig. Die Insel, deren Namen ich zaghaft in Frankfurter Reisebüros vortrug, schien dort noch weitgehend Terra incognita zu sein, eines wähnte sie in der Nordsee, ein anderes äusserte die Vermutung, dass es sich offensichtlich um dänische Hoheitsgewässer handeln müsse, für die man nicht zuständig sei. Nach und nach gelang es uns, die Insel dort zu lokalisieren, wo sie vermutlich schon seit längerer Zeit lag. Zugesandtes Prospektmaterial überzeugte uns schnell davon, dass dieses Eiland genau der Ort sein würde, an dem wir den Grossstadtstress abschütteln würden: ‹Der Gast aber ist willkommen und wird – wenn er es nur recht anzufangen weiss – in das Inselleben einbezogen. Die Einheimischen können wunderbare – oft augenzwinkernd – Geschichtchen erzählen; überhaupt gehört ein Klönschnack, wie man das an der Küste nennt, immer dazu. Vor allem beim Tee, Teepunsch, beim Pharisäer oder steifen Grog kommt das Gespräch rasch in Gang. Vieles auf der Insel hat sich über Jahrhunderte erhalten, und die guten alten Zeiten, die andernorts als unwiederbringlich betrauert werden, hier sind sie noch zufrieden genossene Gegenwart.›[1] Dort oder nirgends würden wir es vollbringen, zu uns selbst zu finden, die Unpersönlichkeit und Rastlosigkeit des Stadtlebens abzuschütteln, uns zu integrieren in eine intakte, überschaubare Gemeinschaft, die durch den florierenden Tourismus an Zugereiste gewöhnt war. Ich sah mich schon im wöchentlichen Kreise bärtige Seebären mit Schreckensgeschichten aus dem hessischen Sündenbabel in Schaudern versetzen. Dann würden wir diese furchterregenden Erzählungen aus einer fernen Welt mit Bier und Aquavit hinunterspülen und uns gegenseitig versichern, wie sehr dagegen auf unserer Insel doch alles noch – den Düvel ok! – in Ordnung sei. Gemeinsam würden wir durch den Schnee nach Hause stapfen, und die Eingeborenen würden mir bei der Verabschiedung kameradschaftlich schulterklopfend anvertrauen, dass sie mich schon als ihresgleichen betrachteten und froh wären, dass wir jetzt dazugehörten, wir zu ihnen, sie zu uns: einer für alle, alle für einen.

Am Morgen würde ich, nach einem gemütlichen Frühstück mit meiner Frau, die mir durch die gehäkelten Gardinen hinter den Butzenscheiben unserer reetgedeckten Kate am Meer noch lange nachsehen würde, zu Fuss zu meiner nahegelegenen Schule gehen, unterwegs respektvoll gegrüsst von wohlerzogenen Schülern, die gerne in meinen Unterricht kämen. Nach einem kleinen Scherz mit den Kollegen würde man der Aufforderung der Schulglocke Folge leisten, seinen Pflichten nachzukommen, nicht in übergrosser Eile, denn auf unserer Insel gälte es als unschicklich, in Hast zu sein, das überliessen wir den verrückten Grossstädtern. Auch der Unterricht würde in ruhigen Bahnen verlaufen, die Angst des Referendars vor dem Fachleiter hätte ich dann schon lange abgelegt, der Direktor würde mir vertrauen und nur ungläubig den Kopf schütteln, wenn ich ihm von Disziplinproblemen der Vergangenheit erzählen würde.

Hier weiss man noch, wo oben und unten ist

So weit zum blauäugigen Wunschdenken, das von der Realität in einer dermassen unerwartet brutalen Weise korrigiert wurde, dass mir noch heute nach all den Jahren schlecht wird. Der definitive Basisfehler bei meiner Bereitschaft, mich in die tiefste Holsteiner Provinz zu begeben, bestand darin, dass ich völlig ausser Betracht gelassen hatte, was jahrzehntelange CDU-Regentschaft unter Ministerpräsidenten wie Gerhard Stoltenberg und Uwe Barschel im Kultusbereich angerichtet hatte. Dass man an Holsteiner Gymnasien auch noch in den Jahren 1981 ff. Lehrerkollegien führen konnte wie das Strafbataillon 999, war mir, der ich als ein von der Dialektik der Aufklärung lebenslang kontaminierter Frankfurt-Liebhaber in das norddeutsche Tiefstland kam, in der Realität völlig unvorstellbar – zunächst.

Es herrschte allerorts die Unterdrückungs- und Duckmäusermentalität eines Überwachungsstaates, wie er in Deutschland eine lange Tradition hat, in einer solchen Ausprägung, dass ich mir anfangs wie im Kino in Staudtes Verfilmung von Heinrich Manns Untertan vorkam. Der Absturz war grauenvoll, und während dieser Zeit sind bei mir einige Verletzungen erfolgt, die in diesem Leben wohl nicht mehr vollständig ausheilen werden. Denke ich mir die Sonderbehandlung, die mir in Deutschlands Norden zuteilwurde, in cineastischen Bildfolgen, so erscheinen in meiner Seele die torpedierte Wilhelm Gustloff aus Nacht fiel über Gotenhafen oder U 96, das vor Gibraltar auf Grund liegende havarierte Boot von Wolfgang Petersen – wenn’s denn schon maritim sein soll. Den Choral von Leuthen kann ich in diesem Zusammenhang leider nicht anstimmen; um den meschugge machenden Rundgang durch den deutschen Kintopp hiermit zu beenden.

LKW: Zu Beginn klingt Ihre Einschätzung noch sehr sanft, ja hoffnungsvoll: Nun würde ich sogar mein weiteres Leben am Meer verbringen, dieser Gedanke übte eine nicht zu beschreibende Faszination auf mich aus. Na ja, die sogenannte Rockgruppe Die Ärzte hatte wohl ähnliche Gedanken, als sie am 8. 4.1988 ihren Song Westerland veröffentlichten:

Manchmal schliesse ich die Augen,
Stell‘ mir vor, ich sitz‘ am Meer
Dann denk‘ ich an diese Insel,
Und mein Herz, das wird so schwer
Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehen
Wann werd‘ ich sie wiedersehen?

Oh, ich hab‘ solche Sehnsucht,
Ich verliere den Verstand!
Ich will wieder an die Nordsee, ohoho
Ich will zurück nach Westerland.

Wenn man Ihr Buch ganz gelesen hat, glaubt man nicht, dass Sie das – auch nach Austausch der geographischen Namen – so unterschreiben würden. Obwohl eine Gemeinsamkeit bleibt. Das Album erschien unter dem Titel: Das ist nicht die ganze Wahrheit… Die wird dann aber dafür in Ihrem Buch brutal deutlich.

(LKW denkt, sagt es aber nicht: Verdammte Scheisse, wo bleibt meine bestellte Pizza und der Kasten Bier: diesen Typen erträgt man doch nicht 16 Stunden – und das noch ohne Räder. Und mit zerschlagenen Scheiben. Mir ist arschkalt. Der kann schwätzen. Und ich muss das wieder auf intellektuell trimmen und aufs Zeitungsformat kürzen. Der verdient Millionen und ich muss unbezahlte Überstunden machen. Vielleicht sollte ich besser zu BILD wechseln).

Mal abgesehen davon, dass es damals noch keine Smartphones für € 1000 gab, Herr Peters, sondern Sie eine Telefonzelle suchen mussten, tauchten Sie jetzt jeden Tag tiefer in die nordische Realität der Pädagogik ein. Würden Sie sich heute Pink Floyd anschliessen: We don’t need no education, it’s just another brick in the wall?

jp: Teacher, leave them kids alone! Die Kids waren nicht das Schlimmste. Ich, im Verein mit dem Kollegium – das aber immer feinsäuberlich die Schnauze hielt –, hätte lieber gesungen: Headmaster, leave them teachers alone! Und nach 14 Tagen allein unter Holsteinern liebte ich plötzlich, was ich in Frankfurt nicht für möglich gehalten hätte, südländische Bierzeltgesänge in der Art von:

I will wieder hoam,
fühl mi do so alloan.
I brauch ka grosse Welt,
i will hoam nach Fürstenfeld!

Kompetente Wegleitung zum 3. Staatsexamen

Gleich am ersten Tag meiner segensreichen pädagogischen Tätigkeit auf der Insel wurde ich vom Schulleiter – der sich sogleich ungefragt zu meinem Holsteiner Mentor ernannt hatte, wohl deshalb, damit ich im Land zwischen den Meeren gar nicht erst in Versuchung käme, pädagogische Sturmfluten auszulösen – beiseitegenommen[2] und zur strikten Einhaltung der an seiner Baumschule (irreführenderweise Gymnasium genannt) geltenden erzieherischen Grundsätze vergattert: Wir machen hier immer wieder die Feststellung, dass wir mit irgendwelchen pädagogischen Mätzchen nicht weiterkommen. Das werden Sie schon noch merken. Bei uns auf der Insel hat das in Ihrem Frankfurt sicher verpönte altmodische Bimsen seinen bewährten Stellenwert!

Dann bimsen wir halt, wenn’s so gewünscht wird, dachte ich mir, da ich ja ein sehr flexibler Mensch bin. Bei der Fremdenlegion heisst diese Unterrichtsmethode übrigens die Didaktik der ständigen Wiederholung. Was ich an Frankfurter Studienseminaren in Form des sich selbst entwickelnden, problem- und prozessorientierten Unterrichts kennengelernt hatte, der den Schülern eine legitime partielle Einflussnahme auf den Unterrichtstil, die Hierarchisierung und Erreichung der Lernziele sowie die Auswahl der Unterrichtsmedien gestattete, war auf der Insel als bolschewistische Agitpropmethode und durchschaubarer Versuch des KGB[3], die heilige westliche FDGO zu unterwandern, enttarnt, entsprechend gebrandmarkt und völlig zu Recht mit dem Fluch der Unberührbarkeit belegt und aus den dortigen Dorfschulstuben verbannt worden. Stattdessen wurde halt gebimst! Gnadenlos frontal, versteht sich.

Was mich besonders beeindruckte, war die mir damals unbedingt neue Erfahrung, dass die Pädagogik, die nach meiner unmassgeblichen Einschätzung auch etwas mit Sozialwissenschaften zu tun haben könnte, vom verehrungswürdigen Inselschulleiter in den Rang einer exakten Naturwissenschaft erhoben worden war. Zumindest bei der Beurteilung meiner Unterrichtsversuche, die ich unter seiner fachgerechten Aufsicht und wenig karrierefördernden Benotung, die sich nicht zwischen mangelhaft und ungenügend entscheiden konnte, durchführen durfte. Die Begutachtung solcher didaktischen Weihestunden fand gemäss mir damals noch neuen Kriterien statt: Hatte ich bis zu meinen Inselerfahrungen noch eher gedacht, dass die unterrichtliche Methoden- und Medienwahl vielfältigen Faktoren und Entscheidungskriterien durch das eigens für diesen Beruf ausgebildete Lehrpersonal unterläge (Stichwort: pädagogische Freiheit), so wurde ich vom Dienstvorgesetzten in meiner Kadettenanstalt mit gymnasialer Fassade schnell  eines Besseren belehrt: Zeigte ich im Erdkundeunterricht ein Dia, hiess es: Viel zu statisch, die Schüler schlafen Ihnen dabei ein; merken Sie das eigentlich nicht? – Zeigte ich in der Einstiegsphase einen Film, hiess es: Wollen Sie die Kinder mit diesem Geflimmere endgültig verrückt machen? Viel zu unruhig, in der Ruhe liegt die Kraft! Hat man Ihnen das in Ihrem tollen Frankfurt nicht beigebracht?

Auch zur Art und Weise, wie ich vor der Lerngruppe meine Motorik zu gestalten hätte, bekam ich viele wertvolle Hinweise; stand ich ruhig vor der Klasse, wurde moniert: Sie stehen da wie angewurzelt, ist ja nicht mit anzusehen! – Veränderte ich vorsichtig und dosiert, nach mündlicher Vorwarnung, meine Position vor der Klasse, wurde kritisch angemerkt: Rennen Sie doch nicht rum wie ein Tiger im Käfig, Sie müssen den Kindern während des Unterrichts ein klares Blickziel bieten (die Ausdrücke Zielerfassung und -vernichtung hatte ich VOR Holstein das letzte Mal bei der NATO auf einer Panzerschiessbahn des Truppenübungsplatzes Bergen-Hohne in der wunderschönen Lüneburger Heide gehört).

Zusammenfassend konnte ich dann bald feststellen, dass auf der Insel in der Pädagogik eigene Gesetze galten, die vom Direktor allerdings in seinem Dienstzimmer verschlossen aufbewahrt und sorgsam gehütet wurden wie der heilige Gral, denn als ich mich einmal leichtfertigerweise erkühnte, ihn zu fragen, wie er denn als kommandierender Chefdidaktiker eine bestimmte Fragestellung im Unterricht methodisch angemessen umsetzen würde, erhielt ich zur Antwort: Werden Sie nicht ungehörig! und wurde in barschem Ton seiner Befehlszentrale verwiesen. Als Konsequenz daraus modifizierte ich meine der Deichpädagogik angepassten Unterrichtsreihen in der Weise, dass ich daraus eine für meine Stunden charakteristische, bei der Schülerschaft durchaus nicht durch die Bank unbeliebte Mischung von heiterem Beruferaten mit Robert Lemke (HättenʼS lieber das grüne oder das rote Schweinderl?) und Sequenzen aus der Sesamstrasse und anderen TV-Shows entwickelte (Wer hat an der Uhr gedreht, oder ist es schon so spät?). Methodisch dauerhaft belastbar unterlegt vom Bimsen, dass die Schwarte krachte.

Die Basis schulischen Erfolgs: gegenseitiges Vertrauen

Auch die Elternabende verliefen auf meiner Trauminsel deutlich anders, als ich es gewohnt war. In Erinnerung ist mir besonders geblieben, dass mich die Erziehungsberechtigten einer Gruppe von Pubertierenden[4], die von mir in einem 12er-Leistungskurs in die Geheimnisse der englischen Sprache eingeführt werden sollten, ganz verzweifelt und auch sehr fordernd darauf hinwiesen, dass es als störend eingesehen werde, dass ich im Unterricht immerzu und geradezu unverbesserlich Englisch spräche – was die Schüler im Gegensatz zu mir nur rudimentär beherrschten und mich deshalb auch nicht immer bzw. eigentlich nie verstünden. Meinem scheuer Hinweis darauf, dass der Grund für meine exzessive Benutzung dieser kryptischen Fremdsprache exakt in der offensichtlich übertriebenen Hoffnung liege, dass sich diese Fähigkeit dadurch auch irgendwann einmal bei den Schülern einstellen möge, wenn auch nur sehr bedächtig, wurde keine weitere Beachtung geschenkt. Ich nahm diese Handreichung dankbar auf, und bediente mich fürderhin im Unterricht der aufgeklärten Zweisprachigkeit im Inselstil. Beispiel: Die erste Hälfte von Ihnen wird jetzt nicht verstanden haben, was ich gerade gesagt habe, für die andere Hälfte gilt: take jetzt mal schwuppdiwupp your English books out! – die ausser mir nie einer im Unterricht dabeihatte.

Unterricht, bei dem Freude aufkommt

Die Jugendlichen der Oberstufe schätzten es immer sehr, wenn wir im Gänsemarsch ins Sprachlabor dislozierten, um mit Roger Rabbit und seiner Kaninchen-Rasselbande auf spannende linguistische Entdeckungsfahrten zu gehen und dabei spielerisch lernten, wie sich die gehobenen Kreise jenseits des Kanals in gepflegtem Oxford-Englisch beim 5 oʼclock tea angeregt über Mohrrüben und Kohlköpfe unterhalten.

Lassen Sie uns nun einmal bei jp hospitieren und einem für seinen Unterricht typischen Lehrer-Schüler-Gespräch lauschen; Lehrer: This is a cabbage. Can you see the cabbage? (Lehrer hält einen Kopf Wirsing aus der Wüstung Dithmarschen in die Höhe und deklamiert sechsmal nacheinander mit Stentorstimme: Seht diesen Cabbage!) – That is a carrot. (Er hält eine kleine Demeter-Bio-Wurzel[5], die seine Ehefrau tags zuvor auf dem Wochenmarkt erstanden hat, in die Höhe und zeigt darauf. Dann gibt er die Wurzel an die Schüler zum Berühren und Streicheln weiter, damit diese ein taktiles Empfinden und eine daraus entstehende initiale Zuneigung zu diesem wundervollen Provitamin-A haltigen, der menschlichen Gesundheit geradezu unentbehrlichen Gemüse entwickeln können.) Lehrer: The carrot is red. Is a cabbage a carrot? – No, it isn’t! Cabbages are green, carrots are red. Repeat that! Schüler: Cabbages are green carrots. (Lehrer zieht unter dem Pult ein Bündel Bio-Möhren hervor und knallt es dem ihm am nächsten sitzenden Schüler, der sich vergeblich wegzuducken versucht, mit Schmackes an den Wirsing, wobei er das Bürschchen mit der Donnerstimme eines Zentauren auf Vordermann und Seitenrichtung bringt: Den Kopf aus den Schultern – Haiduck, du!)

Der Jahrgangsstufe 13 blieb es dann im Rahmen der Vorbereitung auf das Abitur exklusiv vorbehalten, die frühen Gedichte des romantischen Dichters William Wordsworth kennenzulernen. Lehrer: Fred the frog lives in a well. Fred the frog is very ill. If you want to help him, drop him a pill! – Und jetzt alle z’ämme! Schüler, im Chor: Fred der Frosch isst gerne Pillen, Tropfen sind ihm wider Willen. Lehrer, beiseite: Da sprach Veronika, am Arsch ist die Harmonika!

Verdammt nochmal – wacht auf!

Als adäquate Unterrichtsfortsetzung im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Dramatische Gestaltung des Schullebens und als angemessene Reaktion auf die Gestapo-Methoden der Schulleitung wäre meines Erachtens denkbar und wünschenswert gewesen: Lehrer und Schüler verlassen das Sprachlabor und formieren sich auf der davor befindlichen Freifläche zu der auf Vordermann und Seitenrichtung kalibrierten Marschordnung der Moorsoldaten, vorneweg der Lehrer, der in der rechten Hand eine Schalmei hält, auf der er seine Lieblingsarbeiterkampflieder bläst, während er mit der linken eine Piratenflagge schwenkt. Sie ziehen zur Verwunderung des Herrn Direktors, der diese Prozession der Unterdrückten und Entrechteten aus seinem Dienstzimmer beobachten kann, 25 Minuten lang über den Schulhof, dabei im klagenden Ton des Gefangenenchors aus Nabucco singend: Unmündig nennt man uns und Knechte, duldet die Schmach nun länger nicht!

Intellektuelle Grenzen anspruchsvollen Unterrichtens

Im Erdkundeunterricht der Oberstufe, der mir besonders am Herzen lag und den ich als das genuine Betätigungsfeld meiner pädagogischen Grundmaxime fordern & fördern ansah, liess ich anspruchsvolle Klausuren schreiben, die locker Universitätsniveau erreichten. Beispiel: Aus der Umgebung von Husum wird immer wieder von Sturmfluten berichtet. Aus der Region Hohe Tauern dagegen eher von Lawinenabgängen. Wäre es denkbar, dass dies auch einmal umgekehrt stattfindet? Diskutieren Sie Ihre Vorschläge mit dem Saalpublikum oder telefonieren Sie kurz mit Ihrer Mami zu Hause. Topp, die Wette gilt! Ihr Spielleiter Petersen, Studienrat zur See.

An und für sich liefen diese elaborierten multimedialen Unterrichtsverfahren gar nicht sooo schlecht, zeitigten schöne Erfolge und schienen mir auch mit dem IQ zu korrelieren, den ich in der nicht gerade vor Ideen sprühenden Inselschülerschaft vorgefunden hatte und den ich als Resultat der jahrhundertelangen Isoliertheit der Insel einstufte. Erst im Jahre 1963 wurde die Fehmarnsund-Genbrücke eröffnet und damit eine ständige Verbindung zum Festland hergestellt. Inwieweit sich diese neuen Chromosomen-Kombinationsmöglichkeiten in Verbindung mit meinen progressiven Lehrmethoden langfristig positiv auf den Entwicklungsgrad der auf Fehmarn ansässigen retardierten Urbevölkerung auswirken werden, bleibt der sorgsamen Beobachtung durch Soziologen der Uni Kiel über die weiteren Jahrhunderte vorbehalten. Am Inselgymnasium selbst wird dies nicht mehr möglich sein, denn es wurde 2007 geschlossen. Damit hat die Insel eines ihrer drei kulturellen Highlights verloren; geblieben sind jetzt nur noch die spannende Wahl der Rapskönigin im Frühjahr und das Essen von Sauerfleisch mit Bratkartoffeln – ganzjährig.

LKW: Herr Peters, wir erleben Sie in einer sehr langen Passage ungewohnt ernst, was erstens überrascht, aber gerade deshalb seine Wirkung nicht verfehlt. Gerade diese letzten Bemerkungen reizen mich allerdings zum Widerspruch. Ihr Buch beginnt mit den Worten: Dies ist die Chronik meines kolossalen Schiffbruchs im Norden. Was mich entschieden stört, ist das Wort: meines. Selbst, wenn Sie es damals so empfunden haben. Wer oder was hat denn Schiffbruch erlitten? Doch ganz offensichtlich die Fähigkeit, selbstständiges Denken zuzulassen oder plausible Ideen zu fördern, wie zum Beispiel die Einsicht, dass man eine Sprache am besten durch ihre Anwendung lernt, heute eine Binsenweisheit. Ich selbst durfte das praktisch erfahren, als ich ein knappes Jahr in Glasgow, Schottland gelebt habe. Ob diese Binsenweisheit auch auf besagter Insel heute angekommen ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Ich betrachte Ihre Erlebnisse als Machtdemonstration eines Systems, dass trotz des Wortgeklingels der wissenschaftlichen Pädagogik nur eins kennt: die Unterwerfung unter irgendwelche dubiosen KuMi-Entscheidungen, also politischen Machtinstanzen. Gut sichtbar wird das in der Didaktik.

Schon der Schweizer Pädagoge Pestalozzi hatte im 18. Jahrhundert das Prinzip der Verbindung von Kopf, Herz und Hand postuliert, das dann z.B. von Klafki in den 1960er-Jahren in Marburg wieder diskutiert und aktualisiert wurde. In der politischen Umsetzung wurden daraus Leitbegriffe wie Lernziele, Handlungsorientierung und heute Kompetenzen. Und wenn ein Referendar zur jeweiligen Zeit nicht den richtigen Begriff in seinem Unterrichtsentwurf erwähnte, hatte er verloren. Weshalb die Mentoren, also die beratenden Lehrer, immer deren Verwendung empfohlen haben. So funktioniert Macht. Besonders anschaulich an dem Begriff Handlungsorientierung, der ja weit hinter Pestalozzi zurückfällt. Warum unterwerfen sich diesem Schwachsinn so viele? Ich weiss es nicht. Jetzt mache ich erst einmal einen Schnitt, damit Sie auf meine Behauptungen und Thesen reagieren können, denn ich sehe, dass Sie schon ungeduldig werden.

Aus Steisstrommlern werden Sozialisationsagenten

jp: Berufsbild und Ansehen des Berufs Schulmeister haben über die Jahrhunderte zahlreiche Wandlungen durchlaufen. Die Grundkonstellation ist aber immer dieselbe geblieben: Der Lehrer steht als einziger Reifer, da erwachsen, vor einer Horde Unreifer, die, da noch nicht erwachsen, es nicht im Geringsten interessiert, was der Depp da vorn ihnen mit verschiedensten Methoden und Tricks zu verklickern versucht. Die progrediente Feinjustierung vom Methodik und Didaktik ist an der Entwicklungsreihe Rohrstock, Overhead-Projektor, Smartboard ablesbar. Dass Schüler-Lehrer-Interaktion und -Zusammenleben nicht gerade einfach sind, wird jeder, dem nicht jeglicher Menschenverstand abhandengekommen ist (oder von Machtgelüsten abgelöst wurde), wohl ohne jede Einschränkung zugeben. Gleichermassen, dass hier erhebliche Fehler- und Verhaltenstoleranzen vonnöten sind, um dieses labile Gleichgewicht halbwegs im Lot zu halten. Denn bis jetzt unterrichten ja immer noch Menschen und keine programmgesteuerten Roboter.

Wenn aber, um jetzt mal auf die Ebene zu gehen, die über dem Lehrer liegt, ein ausschliesslich auf Macht basiertes System in getarnter Form und unter scheinheiliger Vorspiegelung, für alle nur das Beste zu wollen – während es im Untergrund voll systemimmanenter Menschenverachtung gnadenlose Vernichtungskriege gegen in seinem Solde stehende und dadurch von ihm abhängige Angestellte, die sich nicht unterwerfen wollen, inszeniert und durchführt –, Pädagogik instrumentalisiert, um herrschen zu können, wird die Sachlage höchst komplex, denn dann kämpft keiner mehr mit offenem Visier. Seit sich die Politik massiv in Schulbelange eingemischt hat, wurde die Luft dort sukzessive bleihaltiger. Wie verheerend es für Schule ist, wenn Politik Schulthemen als Wahlkampfmunition entdeckt, war erstmals zu beobachten, als im damals noch SPD-geführten Hessen Ludwig von Friedeburg 1972 die Rahmenrichtlinien für Gesellschaftslehre vorlegte; ein emanzipatorischer Ansatz in der schulischen Erziehung, der von CDU und Philologenverband als ein Danaergeschenk vom Teufel persönlich etikettiert und behandelt wurde. Jemand aus der CDU versah diesen Ansatz zu einer Bildungsreform mit der höchst freundlichen Bezeichnung, dass die Rahmenrichtlinien eine Mischung aus Gebetbuch und Felddienstordnung seien. Dass die CDU-Stahlhelmfraktion um ihren damaligen Landesvorsitzenden Alfred Dregger jede Menge Ahnung von Felddienstordnungen und Exerzierreglements hatte, wurde von der SPD sicher nicht bezweifelt, Fachkompetenz in Pädagogik wurde ihr hingegen weniger zugemessen. Überhaupt, Sie sehen an meiner martialischen Wortwahl, dass ich Schule in Schleswig-Holstein in einer solch zugespitzten Form erlebt habe, dass ich eigentlich der Unqualifizierteste überhaupt bin, in konstruktiver Form darüber zu diskutieren!

Jagdszenen aus Ostholstein

Militärisch gesehen habe ich einige gravierende taktische Fehler begangen, als ich nach Norden ging. Die Feindlage war von mir katastrophal schlecht aufgeklärt worden, meine Nachrichtenabteilung Fremde Heere Nordost hatte völlig versagt und die neue Situation inklusive ihres Bedrohungspotentials total verpennt – ich wusste weder, wo der Feind genau stand, noch, welche Stärke und Ausrüstung er hatte; die Existenz der Rattenlinie Nord war mir komplett entgangen. Ausserdem war meine eigene Tarnung saumässig: Man fährt nicht mit Atomkraft – nein danke! auf seinem Auto in ein Land, in dem die Leute in der Marsch es super finden, wenn in Brokdorf ein AKW gebaut werden soll und der Staat mit geballter Polizeimacht die Interessen der Atomindustrie durchsetzt und die Friedensbewegten et al. plattmacht! Ja-ha, ich wei-heiss – DIE Arbeitsplätze! Die Rüstungsindustrie schafft auch welche, die Mafia ebenso. Ach überhaupt, ich hatte nicht gedacht, in den Krieg zu ziehen, als ich am Morgen des 31. Januar 1981 die Elbe überschritt, obwohl damals die Pestzeichen drohend am Himmel standen:

Im Osten überzog die aufgehende Sonne den Himmel mit einer Purpur-Aura. Die über das platte Land verstreuten Gehöfte und Katen rechts von mir setzten sich zu meiner Begrüssung Kronen von feurigen Dornen auf, in den Backsteinmauern links von mir färbten sich die vorher pechschwarzen Augenhöhlen blutrot, wie Stigmatisierungen in den Fachwerkskeletten.

Als ich gen Norden fuhr, hätte ich ein anderes Lied singen sollen als Rod Stewarts sehnsuchtsvolles We are sailing. The Ballad of John and Yoko hätte weitaus besser zu dem gepasst, was sich da gerade anbahnte:

Christ you know it ain’t easy
You know how hard it can be
The way things are going
They’re going to crucify me.

In der Oberstufe auf Fehmarn hockte der gesamte Vorstand der Jungen Union hämisch grinsend in meinem Erdkundekurs, sich seiner infamen Macht über mich wohl bewusst – remember, we’re at war! Diesen Maulwürfen war es natürlich ein innerer Reichsparteitag, mich bei der Obrigkeit anzuschwärzen, indem sie den Herrn Direktor sozusagen in Echtzeit über Stand und Inhalt meiner Unterrichtsbemühungen permanent à jour hielten; wie nett von ihnen. Besonders intensiv wurde ihre Berichterstattung nach oben, wenn die Energieversorgung der Bundesrepublik Deutschland auf dem Lehrplan stand.

Einer flog übers Kuckucksnest

Der Herr Schulleiter selbst erfüllte seine Fürsorgepflicht mir gegenüber vornehmlich dadurch, dass er gutnachbarschaftliche Überwachungsaufgaben in Form eines Schwarzen Sheriffs wahrnahm, indem er regelmässig das Haus umkreiste, das Frau Peters und ich zur Miete zu wohnen beliebten. O-Ton Schulleiter: Mein Kontrollgang gestern um 22 Uhr 20 ergab, dass in Ihrem Arbeitszimmer kein Licht mehr brannte. Ein Abgleich mit dem Stand Ihres Unterrichts ergab, dass Sie mit der Rückgabe von zwei Klassenarbeiten im Verzug sind. Was haben Sie gestern um die Zeit gemacht, statt zu korrigieren?Es wurde am Wochenende festgestellt, dass vor Ihrem Haus Wagen mit Frankfurter Kennzeichen parkten. Sie sollten lieber Ihren Unterricht vorbereiten, statt solche Treffen abzuhalten. Bingo! Ich kam mir langsam vor, als wäre ich im falschen Film[6], hätte mich in Jack Nicholson verwandelt und gäbe, leider ohne dessen horrende Hollywood-Gage, einen rebellischen Pseudo-Bekloppten in einer Klapsmühle:[7]

And they’re coming to take me away, ha ha
They’re coming to take me away, ho ho he he ha ha
To the happy home with trees and flowers and chirping birds and basket weavers who sit and smile and twiddle their thumbs and toes
They’re coming to take me away ha ha…

Vom Regen in die Jauche

Zu meinem Leidwesen sah mich dann bereits Ende Juni 1982 gezwungen, als meine hoch professionell gestalteten Unterrichtsversuche gerade erst begonnen hatten, erste Früchte zu tragen, meine erzieherischen Bemühungen auf der Sonneninsel vorzeitig einzustellen, da man es seitens des Kieler Kultusministeriums für angezeigt erachtete, mich auf Bewährung in die Pädagogische Sondereinheit Dirlewanger in einen Ort unweit der Elbmündung zu verschieben, in dem ich dann auf mehr tote Heringe in Pökelfässern als auf Menschen treffen sollte. Aus Gründen der militärischen Camouflage trug das dort befindliche Stalag Elbe IV den unverfänglichen Decknamen Redlefsen[8]-Gymnasium.

LKW: Wenn Sie mir gestatten, werde ich mir erlauben, Ihr Farewell to Fehmarn musikalisch etwas zu untermalen, damit Sie der Abschiedsschmerz, den Sie sicher empfanden, als Sie dieses liebliche Eiland in der Ostsee, auf dem Sie so viele wundervolle Menschen kennenlernen durften, nicht zu sehr überwältigt:

I’ve dealt with my ghosts and faced all my demons
Finally content with a past I regret
I’ve found you find strength in your moments of weakness
For once I’m at peace with myself
I’ve been burdened with blame, trapped in the past for too long
I’m movin‘ on.

So sangen die Rascal Flatts im Jahre 2000. Aber es war wohl kein Ausweg, sondern Sie befanden sich auf dem Highway to Hell, wie Sie das in einem unserer Vorgespräche schon mal andeuteten.

jp: Die Strafversetzung beinhaltete im Grund genommen lediglich einen Kino-/Filmrollenwechsel: Hatte ich mich im Kollegium auf der Insel wegen des manisch zwanghaften Kontrollwahns des Direktors noch wie im Kabinett des Dr. Caligari gefühlt, so änderte sich dies in den Elbmarschen deutlich durch eine Verschiebung in Richtung zu Charlie Chaplins Jahrhundert-Epos Der grosse Diktator.

Der an der Anstalt in der Matjeszentrale an der Elbe unumschränkt herrschende Schulleiter hiess Ernst-Adolf Beinhardt[9]; und so benahm er sich auch. Nichts hörte er lieber, als dass man ihn Boss Beinhardt nannte. Vernahm er in seinem Dienstzimmer, dessen Tür immer einen Spaltbreit zum Sekretariat geöffnet war, dass man dort untertänigst mit der Anfrage vorstellig wurde, ob der Boss da sei und huldvoll Audienz gewähre, dann hatte man schon ganz gute Aussichten, vorgelassen zu werden – worum ich mich aber nie übermässig riss.

Es mag durchaus sein, dass aus meinen hier dargelegten Beschreibungen hin und wieder etwas durchscheinen könnte, das wie zurückhaltende Kritik an der Person des Schulleiters wirken könnte. Das täuscht allerdings, denn dieser mit dem eisigen Zynismus eines Heinrich Himmler und der unentrinnbaren Pedanterie eines Adolf Eichmann perfekt funktionierende Apparatschik beeindruckte mich zutiefst. Bereits bei unserem ersten Treffen waren mir sowohl sein mitreissendes Deichtemperament als auch sein eindrucksvolles Minenspiel aufgefallen, das von einer solchen Wandlungsfähig- und Lebhaftigkeit war, dass Buster Keaton dagegen wie ein dringend ritalinbedürftiger ADHS-Patient wirkte.

In Schutzhaft an der Elbe

Wir mieteten eine Wohnung in einem Haus neben einem Leuchtturm unweit der Elbfähre nach Niedersachsen, was wir zunächst ziemlich romantisch fanden, denn unweit von diesem Haus musste vor einiger Zeit die Kogge Bunte Kuh mit Klaus Störtebeker, Gödecke Michels, Magister Wigbold und den anderen Vitalienbrüdern an Bord vorbeigesegelt sein. Das war so eine Art frühes Kaperkollektiv (heute heissen diese Gesetzlosen GAFA – Google, Apple, Facebook und Amazon), das die Hamburger Pfeffersäcke das Fürchten gelehrt hatte. Vielleicht könnten wir unseren Leuchtturm zu einer Lichtorgel umbauen lassen und bei unserer Kick-off-Party, zu dem alle als FreibeuterInnen verkleidet kommen müssten, zu Füssen des rot-weiss gekringelten Spargels den Lighthouse Rock tanzen?

Ende des romantischen Teils: Dann hörten wir, dass Störtebeker und seine Jungs auf dem Grasbrook bei Hamburg geköpft worden waren und oben in den Leuchttürmen an der Elbe oft gar kein Licht mehr brennt; sie stehen dort einfach in der Gegend herum, weil sie dort immer so herumstanden, und keiner weiss, was man sonst mit ihnen machen könnte. Dies haben sie mit weiten Teilen der CDU-dominierten Elternbeiräte gemeinsam, die mich während meines pädagogischen Aktivdienstes regelmässig grosszügig darin berieten, wie man eigentlich unterrichtet, und die, genauso wie die erloschenen Seezeichen am grossen Strom zur Nordsee, oben auch nicht gerade helle waren: 220 Volt in jedem Arm – doch brennt kein Licht in der Birne.

Mein erster Schultag: Eine Schultüte mit Süssigkeiten drin bekam ich nicht, dafür Beinhardts erste Frage an mich unmittelbar nach Dienstantritt in seiner Institution: Was haben Sie auf dem Kerbholz, dass man Sie an meine Schule versetzt hat? Um Gottes Willen, ich war in Workuta angekommen, und vor mir stand der Kommandant des Referats Glawnoje Uprawlenije Lagerej, Hauptverwaltung der sibirischen Umerziehungslager Schleswig-Holsteins! Das würde gut herauskommen, wie der Schweizer in solchen Fällen zu sagen pflegt. Und so kam es dann auch.

Aber immer hübsch der Reihe nach. Ich bin unschuldig, Euer Ehren!, wollte ich Beinhardt eigentlich zurufen. Und auch: Ich bin Jean Valjean und habe nur deshalb Brot gestohlen, damit meine Familie etwas zu essen hat! Aber das sagte ich natürlich nicht, weil ich mich nicht traute. Und das Lachen verging mir auch. Und zwar schon VOR der ersten Stunde. Chefpädagoge Beinhardt, ein Meister des Fingerspitzengefühls und der situationsadäquaten Anwendung sozialer Intelligenz, gab mir gleich am ersten Unterrichtstag in der Zeit von 7 Uhr 58 bis 8 Uhr 5 in Form einer amtlichen Durchsage unmissverständlich den Tarif durch und erläuterte präzise, wo in seiner Vollzugsanstalt der Hammer hing: Ich werde demnächst Ihren Unterricht besuchen. Bei meiner Arbeitsbelastung können Sie nicht erwarten, dass ich mich dafür bei Ihnen auch noch grossartig anmelde. Ich erwarte deshalb, dass Sie ab sofort zu jeder Ihrer gehaltenen Stunden ausreichend schriftliche Unterrichtsvorbereitungen zur Abgabe an mich dabeihaben, damit ich mir ein Bild von dem machen kann, was Sie vor den Schülern zum Besten geben. Gehen Sie jetzt in den Unterricht, Sie haben bereits fünf Minuten versäumt.

Damit war der Ton gesetzt, und so ging’s dann auch unverblümt weiter. Ich will Sie nicht mit meiner Litanei des Unterrichtens am Rande des psychischen Abgrunds langweilen, sondern viel mehr damit unterhalten, wie man auch in einer solchen Extremsituation noch Widerstand leisten kann, denn auch das hatte ich ja eigentlich bei der Bundeswehr gelernt: Der PzGren als selbstständig denkender und handelnder Einzelkämpfer hinter den feindlichen Linien.[10]

(In diesem Moment hält ca. 100 m entfernt ein Schulbus an. Eine Gruppe aufgeregt schnatternder 10- bis 11-jähriger SchülerInnen kommt aus dem Bus gesprungen und schart sich um ihren Lehrer, der lachend im Ruhe bittet. Nachdem diese zögernd eingetreten ist, ruft er den Kindern zu: Ich lade euch alle da drüben zu Hamburgern und Cola ein! Während sie sich fröhlich unterhaltend in Richtung Raststätte entfernen, läuft eines der Kinder zum Lehrer, ergreift dessen Hand, sieht zu ihm auf und kräht: Dankeschön, Herr Kunze! jp wendet sich ab.)

Bella ciao!

Heutzutage publiziert jede an der Börse notierte Firma ihr Mission Statement im Jahresbericht. Ich hatte damals in der Endzeit meiner pädagogischen Tätigkeit in der Kremper Marsch, wo ich dann später fast schon Visionen wie Jeanne d’Arc bekam, auch eine Mission in meinem Hidden Curriculum: Sie lautete, nur für den internen Dienstgebrauch bestimmt: There are ten sticks of dynamite hanging on the wall. And if one stick of dynamite should accidentally fall, there’ll be no sticks of dynamite and no bloody wall! Wie sagte doch Scarface Tony Montana so treffend? You want to go to war? Okay, we go to war.

Nachdem ich auf Fehmarn blauäugig in sämtliche Fallen und Hinterhalte getappt und mit Eichenlaub und Schwertern eine krachende Niederlage nach der anderen eingefahren hatte, wollte ich in Glückstadt, wo ich von Anfang an nichts zu verlieren hatte, was mir schon unmittelbar nach der Ankunft völlig klar geworden war, wenigstens noch etwas hinhaltenden Widerstand in verdeckt subversiver Form leisten; ein wenig am System nagen. Und eines, das wusste ich, konnte es auf den Tod nicht ausstehen – verarscht zu werden! Seine ständig zur Schau gestellte Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit durfte unter keinen Umständen in Frage gestellt werden: Wo kämen wir denn sonst wohl hin?!

Für unterminierende Aktivitäten meinerseits erschien mir die 5. Klasse, die ich in Englisch zu unterweisen hatte, besonders geeignet, denn deren etwas ungeschliffenes Betragen untereinander machte auf mich den Eindruck, dass hier einiges an Verbesserungspotential brachliegen könnte. Und ein akzeptables Sozialverhalten finde ich eigentlich fast noch wichtiger, als zu wissen, dass eine Armbanduhr in England eine wrist watch und keine clock ist. Als ausserordentlich günstig für mein innovatives Unterrichtsvorhaben erwies sich die Tatsache, dass eines Tages im NDR-Fernsehen der legendäre Streifen Hinter Schloss und Riegel von Laurel & Hardy lief. Ich verdonnerte die Kinder dazu, sich diesen Film anzusehen. Um gleich den zu antizipierenden dämlichen Fragen der bornierten Elternschaft zuvorzukommen, was Stan & Ollie, Mack Sennets Slapstick Movies und die Paranoia und allgemeine Panik auslösenden Keystone Cops mit Englischunterricht zu tun haben könnten, wies ich die Schüler an, den Eltern zu sagen, dass Dick & Doof ursprünglich Englisch sprachen, obwohl man davon in der Deutsch synchronisierten Fassung natürlich nicht mehr sehr viel bemerken konnte. Ich wollte jetzt nicht so weit gehen anzunehmen, dass der Hinterdeichbevölkerung kognitiv darlegbar sein könnte, dass der skurrile angelsächsische Humor etwas mit grundlegenden Einstellungen dem Leben, sich selbst und den Anderen gegenüber zu tun haben könnte, was evtl. auch mal Gegenstand des Englischunterrichts sein könnte, … Egal, learning by doing – zur Urfassung dieses wundervollen Streifens würden wir dann ja später in der Oberstufe bei der Vorbereitung zum Abitur kommen.

In diesem Film, dessen Handlung in groben Zügen darin besteht, dass Laurel & Hardy beim Schwarzbrennen erwischt wurden und dafür im Knast gelandet sind, gibt es eine geradezu göttliche Szene, die beweist, dass der segensreiche Einfluss von Unterricht selbst bei hartgesottenen Knackies heilsame Wirkung entfalten kann: Jede Stunde des aus Gründen der Resozialisierung der Sträflinge veranstalteten Gefängnisunterrichts, gehalten von dem genialen, pausenlos durchdrehenden Jimmy Finlayson, beginnt damit, dass alle jailbirds, die sich immer zu zweit dieselbe Schulbank teilen, aufstehen, einander das Gesicht zuwenden, sich mehrfach freundlich lächelnd gegeneinander höflich verbeugen und dabei laut singen: Guten Morgen, ihr Leut! Guten Morgen, ihr Leut! Dies wird jeweils fünf- bis sechsmal wiederholt. Dann setzen sie sich wieder, und der Unterricht unter der fachmännischen Leitung ihres universell begabten Lehrers beginnt. Im Chor üben sie die Grundrechenarten: 3 und 3 sind 6; 4 und 9 sind 13; 14 weniger 7 sind 21 usw. Ich entdeckte deutliche Parallelen zu meinem eigenen ganzheitlichen Unterricht.

Die Kinder meiner Klasse hatten Laurel & Hardy wunderbar gefunden und brannten darauf, das im Fernsehen Gelernte in ihre eigene Schulpraxis an einem dunklen Dezembermorgen in der ersten Stunde umzusetzen. Wir hatten ein Klassenzimmer im Parterre, dessen Fenster direkt neben dem Haupteingang der Schule angeordnet waren. Hell leuchtete das Licht unseres Raumes in die Finsternis Norddeutschlands hinaus. Meine Kinder hatten sich paarweise gegenüber aufgestellt und begannen gerade, sich gegeneinander freundlich zu verneigen und mit grösster Begeisterung Guten Morgen, ihr Leut! Guten Morgen, ihr Leut! zu kreischen, da tauchte unvermutet aus dem Nebel der Marsch der Klabautermann auf. Beziehungsweise Herr Oberstudiendirektor Beinhardt – der aber auch nicht viel freundlicher wirkte als die erstgenannte grauenhafte Kreatur, die regelmässig den Schiffsfriedhöfen des Elbstromes entsteigt und sich tropfnass an Land begibt, um dort die einfältige Landbevölkerung mit Geheul und Knochengeklapper in Angst und Schrecken zu versetzen.

Um sich möglichst schnell einen Gesamtüberblick über die aus dem Ruder laufende Unterrichtssituation zu verschaffen, erklomm Ernst Stavro Blofeld (Besoldungsgruppe A 16 + Zulagen) unverzüglich den imposantesten Maulwurfshügel, den er in der Eile finden konnte, und baute sich drohend vor unseren Fenstern auf; oh Schreck, lass nach! Beim Anblick meines interaktiven schülerbezogenen Fremdsprachenunterrichts fiel ihm seine dienstliche Aktenmappe aus der Hand, hektisch begann er in den Taschen seiner Elblotsenjacke zu wühlen, zog eine Schiedsrichterpfeife hervor, begann wie verrückt darauf zu trillern und bedeutete mir in der furchteinflössend gemeinten Feldherrnpose des kleinen korsischen Artillerieoffiziers, der hilflos mit ansehen musste, wie seine Felle die Beresina hinunterschwammen, dass ich sofort zur Meldung bei ihm anzutraben hätte – und zwar im Laufschritt. Darauf war ich vorbereitet. Ich eilte zu meinem Dienstvorgesetzten, der in schroffem Ton eine Erklärung von mir verlangte, nahm Grundstellung ein, salutierte preussisch akkurat und meldete in schnarrendem Casinoton: Studienrat zur Anstellung Peters beim Bimsen angemessenen Sozialverhaltens, Herr Generaldirektor!Was hat das mit Englischunterricht zu tun?Grammar school teacher on trial Peters drilling appropriate social behaviour, Mr. Director-General! – Wir sprechen uns nach der 6. Stunde! Durch meinen abwechslungsreichen Vormittagsunterricht vollkommen absorbiert, vergass ich dann doch tatsächlich, diesen wichtigen Termin in seinem wichtigen Dienstzimmer wahrzunehmen.

 

(Während zwischen jp und Oberstudiendirektor Beinhardt die Flammen der offenen Feindschaft und des unverhohlenen Hasses zu lodern beginnen, erreicht Road Captain Müller-Drochtersen auf seiner fetten Harley das Vereinshaus des Hells-Angels-Charters Friedberg, vor dem trotzig die Rebellenflagge der Konföderierten weht. Dort wird er von seinen Kumpeln johlend begrüsst. Voller Stolz berichtet Willi Müller-Drochtersen seinen Blutsbrüdern von seinem Coup an der BAB-Rast- und Tankanlage Wetterau. Wann holste denn deine geilen Felgen ab, Mann?, fragt ihn Mister President. Das sage ich Dir dann schon, wenn’s so weit ist, Mann!, antwortet Bolzenschneider-Willi und kippt sich grinsend drei weitere Feiglinge in sein Licher Pils und anschliessend das Gesamtgetränk in seine bekiffte Bikerbirne.)

 

(Fortsetzung folgt)

 

[1] Eine der Fluchtrouten hoher Nazis, die Rattenlinie Nord, führte deutlich nach Schleswig-Holstein, namentlich nach Flensburg-Mürwik. Lina Mathilde von Osten, die aus Lütjenbrode bei Heiligenhafen  stammende Witwe Reinhard Heydrichs, des von Hermann Göring mit der Endlösung der Judenfrage  beauftragten Leiters des NS-Reichssicherheitshauptamtes, lebte nach ihrem Aufenthalt im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren bis zu ihrem Tod im August 1985 hochgeachtet auf Fehmarn, wo sie eine Pension betrieb, in der ehemalige SS-Kameraden ihres Mannes gern abstiegen, um von den guten alten Zeiten zu schwärmen.

[2] An anderer Stelle habe ich bereits darauf hingewiesen, dass das Beiseitenehmen in Deutschland als Vorbereitung auf das standrechtliche Erschiessen anzusehen ist.

[3] MERKE: Alle Wege der Frankfurter Gesellschaftswissenschaften führen nach Moskau!

[4] Wegen der Reizarmut von Landschaft und Bevölkerung setzt die Pubertät in Schleswig-Holstein ca. 2 Jahre später als im Rhein-Main-Gebiet ein.

[5] Holsteinisch für Mohrrübe.

[6] Das Verhalten des Direktors nahm mehr und mehr die beängstigenden Züge des Schriftstellers Jack Torrance in Stanley Kubricks Shining an, der in der Einöde der Provinz zusehends in Wahnvorstellungen versinkt.

[7] Käpt’n Blaubär auf dem Narrenschiff wäre meiner maritimen Umgebung noch angemessener gewesen.

[8] Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die Wurstfabrik; und lässt ihn in die Knackwurst beissen und wünscht ihm guten Appetit!

[9] Ernst Stavro Blofeld wäre noch passender gewesen.

[10] Näheres dazu ist der bereits weiter vorn zitierten Zentralen Dienstvorschrift 1/11 der Bundeswehr zu entnehmen. Dies ist das Kochbuch des Infanteristen, der unter anderem die Anweisung zu entnehmen ist, dass der Soldat selbstständig mit Schwimmbewegungen zu beginnen habe, wenn er in ein Wasser falle, das eine Mindesttiefe von 1,20 Metern übersteige. Dies war analog auf den Güllestand im Glückstädter Straflager anwendbar.

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