«Bekennen Sie endlich Farbe, jp!» (Die ‹Wetterau Tapes›, Teil 4)

«Bekennen Sie endlich Farbe, jp!» (Die ‹Wetterau Tapes›, Teil 4)

Was bisher geschah:

Teil 3 unserer Reportage hatte damit geendet, dass jp von Schulleiter Ernst Stavro Blofeld dabei ertappt worden war, wie er im Unterricht mit seiner 5. Klasse eine anarchistische Szene aus dem Laurel- & Hardy-Film Hinter Schloss und Riegel nachgespielt hatte. Sein auf Rache sinnender Dienststellenleiter hatte ihn daraufhin mit einem Was hat diese Vorstellung mit Englischunterricht zu tun? zur Rede stellen wollen. Dem anberaumten Scherbengericht im Dienstzimmer seines Dienstvorgesetzten war jp vorsätzlich ferngeblieben.

Was bisher nur der Leser weiss: jp hatte damit angefangen, das ihm verhasste System heimlich, still und leise in Frage und auf den Kopf zu stellen. Er nahm dabei billigend in Kauf, dass ihn dies die Stelle kosten könnte. Da er sich seine Zukunft aber ohnehin nicht an einem deutschen Gymnasium in der Schleswig-Holstein-Ausführung vorstellen konnte, wollte er mit seinem Individualunterricht der neuen Art zumindest den Kindern etwas Farbe in ihren ansonsten recht betrüblichen Schulalltag bringen.

 

((WARNHINWEIS: In den Wetterau Tapes gelangen aus grundsätzlichen Erwägungen ausschliesslich LANG-Texte zum Einsatz. Wer mehr an KURZ-Texte gewöhnt ist, wie sie z. B. der derzeitige US-Präsident verwendet, sollte sich bei Twitter und nicht hier mit Informationen versorgen!))

*

LKW: Die Einblicke in Ihr Leben, die Sie uns dankenswerterweise gewähren, Herr Peters, klingen ja höchst dramatisch und erinnern mich an Sätze, die Dürrenmatt an sein Drama Die Physiker angehängt hat:

  • Ich gehe nicht von einer These, sondern von einer Geschichte aus.
  • Geht man von einer Geschichte aus, muss sie zu Ende gedacht werden.
  • Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.
  • Die schlimmstmögliche Wendung ist nicht voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein.

(…)

  • Was alle angeht, können nur alle lösen.
  • Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.
  • Im Paradoxen erscheint die Wirklichkeit.

Allerdings war Ihr Leben damals keine Komödie, sondern eine Tragödie. Und es war auch keine Theateraufführung, sondern brutale Wirklichkeit. Umso erstaunlicher ist es, dass Sie nach diesen Schilderungen noch zu einer tiefschürfenden Analyse des pädagogischen Alltags fähig waren, die beängstigend aktuell wirkt, obwohl bereits vor 24 Jahren verfasst wurde. Worauf ich hinaus will: Sie haben ja schon weiter oben auf die progrediente Feinjustierung von Methodik und Didaktik (…) an der Entwicklungsreihe Rohrstock, Overhead-Projektor, Smartboard hingewiesen, sowie schon zuvor auf die Spirit-Carbon-Matrize, die manche Schüler die ersten Schnüffelexperimente durchführen liess.

Digital teaching

Heute lautet ja das allgegenwärtige Stichwort, besonders gern von Politikern gebraucht: Digitalisierung. Sie soll alle Probleme der Pädagogik und des Unterrichts beseitigen. Zu diesen kundigen Politikern gehört auch Herr Seehofer (CSU), der auf der Bundespressekonferenz vom 10.1.2019 behauptete, schon in den achtziger Jahren im Internet unterwegs gewesen zu sein, obwohl allgemein bekannt ist, dass es offiziell erst seit 1989 zugänglich ist. Viele Politiker haben wenig Ahnung von Pädagogik und Unterricht, wissen aber, dass Digitalisierung viel hilft, von der sie ja meist auch kaum etwas verstehen.

Anders sieht das eine der grössten bildungswissenschaftlichen Metastudien weltweit. Der neuseeländische Forscher John Hattie und der Augsburger Pädagogikprofessor Klaus Zierer ziehen 2018 das Fazit: Den Glauben, die digitale Technik werden das Lernen revolutionieren, müssen wir zurückweisen (…) auch digitale Medien werden den Kern erfolgreichen Unterrichts nicht verändern können. Dieser besteht in der Beziehung zwischen Schüler und Lehrer und dem Gespräch über das Gelernte. Jetzt, das können Sie sich natürlich denken, Herr Peters, interessiert mich Ihre Meinung zum Thema Digitalisierung in der Schule.

jp: Nach dem, was ich Ihnen über meine Unterrichtserfahrungen bislang mitgeteilt habe, wird es Sie sicher nicht übermässig erstaunen, wenn Sie von mir hören, dass Schule und Unterricht nicht unbedingt die Themen sind, die mich vom Hocker reissen…; damit möchte ich aber keineswegs dasjenige vom Tisch wischen, was Sie gerade zur Debatte gestellt haben. Dass man heutzutage von morgens bis abends nur noch das Geschrei von den Segnungen der Digitalisierung hört, ist oberflächlich etwas erstaunlich, weniger, wenn man mal kurz nachsieht, welche Triebkräfte dahinterstecken: Wunder, oh Wunder: Das höchst geheime Akronym GAFA, das ich im Zusammenhang mit Klaus Störtebeker und unserem Haus am Glückstädter Oberfeuer schon mal benutzt habe, sagt’s doch klar und deutlich – the Fab Four (aber nicht aus Liverpool): Big Data, Big Money, Big Brother, Big Lies. Any more questions? Eigentlich alles im Finanzkapitalismus verliert seine kunstvoll gehäkelte Nebelkappe, wenn Sherlock Holmes seine Standardfrage nach dem, wem es nützt, stellt (ich ergehe mich erneut in Banalitäten).

Im Fernsehen sind Fragen nach Hintergründen oder Kausalketten offensichtlicher Phänomene oder Handlungen nicht mehr übermässig fashionable, vielmehr die Gretchenfrage des Neoliberalismus: Wie haben die Märkte darauf reagiert? Als Folge des Zerfalls des Sowjetimperiums hat ja mal jemand das Ende der Geschichte ausgerufen, als die Finanzmärkte das Kommando übernahmen. Was für ein grausiges Szenario: Verglichen mit den Zockern an der Wall Street wirkt der vom durchgeknallten Inspektor Juve von der Sûreté planlos gejagte Fantomâs wie ein Märchenonkel, den man gern mal auf Kindergeburtstage schicken würde, damit er den Kleinen Angst einjagt, auf dass sie hinterher besser parieren mögen: Kinder, wenn ihr bloss Hartz IV kriegt und ihr in den Ferien noch nicht mal nach Mauritius fliegen könnt, dann hat die Mama im Leben nicht richtig aufgepasst! Schaut euch mal den Onkel Lindner an, der fährt einen Porsche. Eigentlich war Marie-Antoinette die erste Neoliberale: Das Volk hat kein Brot? Soll es doch Kuchen fressen – basta!

Netflix statt Utopia

Auf das Seehofer-Gelaber gehe ich nicht ein, der Depp kam wohl gerade aus dem Hofbräuhaus, als er sich, wie immer selbstverliebt grienend, über seine imaginierte Kernkompetenz Digitalisierung verbreitete. Digitalisierung zu Ende gedacht, als bevorzugtes Instrumentarium der Adepten des Endes von Geschichte, die Methodik der Entsolidarisierung der Gesellschaft, wie sie diese Schreckschraube Thatcher mit ihrem There is no such thing as society eingeleitet hat, führt zur gnadenlosen Kommerzialisierung von allem – was ja auch ihr einziger Lebenszweck ist: that’s the name of the game! Die Abrissbirne Thatcher hat im Sozialen schlimmere Verwüstungen angerichtet als Hitlers V2 in London; und dies nicht aufgrund einer bei ihr immer virulenter werdenden Dementia praecox, sondern aus vorsätzlicher bourgeoiser Ranküne.

Sehen Sie sich doch einmal diese selbstoptimierten Kasperle an, wie sie sich, ihre Smartwatch neckisch um den Oberarm geschnallt, beim Joggen und an der Trainingsmaschine im Fitness-Studio nicht nur den Tonus ihrer Muskeln, sondern ihrer gesamten Lebensweise willfährig vorschreiben lassen. Und angedreht wird ihnen der ganze Krempel auch noch mit der Unique Sales Proposition, dadurch grössere Freiheit zu haben. Die Freiheit, bei ihren Kreditkartenlimits permanent den Plafond zu durchstossen, immer mehr zu verblöden und ihre gesamten persönlichen Daten gratis und widerstandslos der Gegenseite zu überreichen? Die Smartwatch ist nichts anderes als die 5. Kolonne der vom Monopolkapitalismus nach seinem Gusto manipulierten Finanzmärkte – Ende der Durchsage.

Alles ist käuflich

Aktivitäten des Neoliberalismus äussern sich im universitären Bereich in wundersamer Weise in den glamourösen Clusters of Excellence: Nicht mehr die Erziehung kritischer Menschen, die in der Lage wären, gesellschaftliche Entwicklungen zu hinterfragen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ist das Ziel, sondern die Produktion von nahtlos in den Kapitalverwertungsprozess integrierbaren menschlichen Zahnrädern und VIP-Grosskonsumenten; hoppla, an der Bachelor-/Master-Uni wird jetzt auch gebimst – gesimst sowieso, da sich die Generation EasyJet nicht mehr face to face unterhält, sondern auf viralem Wege reich bebilderte Been-there-/Done-that-Idiotien austauscht.

Und die Drittmittelakquisition verlangt weitaus mehr Einsatz, als im Hörsaal zu stehen oder im abgeschiedenen Gelehrtenstübchen beim Schein der Mitternachtslampe die Neuronen tanzen zu lassen. Völlig abwegig erscheint in diesem Zusammenhang der Gedanke, dass Investoren, die ihr Kapital in Forschungsprojekte stecken, auch nur die geringsten Vorstellungen davon hätten, wie die zu erzielenden Ergebnisse aussehen könnten; das wäre jetzt wieder eine vermoderte DDR-Sottise!

Digital nomads

Ich hör’ schon das Geschrei der FDP & Konsorten: Das sei ja Steinzeitdenken pur, völlig antiquierter 68er-Mist, hört sich ja an wie Karl-Eduard von Schnitzlers Schwarzer Kanal in finstersten Ostzonenzeiten! Ach ja? Allerdings muss ich zugeben, dass die Zampanos der unmittelbaren Kapitalverwertbarkeit ein paar neckische neue Gadgets in ihrer Zauberkiste haben. Eins der Themen, das früher, im nunmehr endlich überwundenem Fordismus, Dauerkonjunktur hatte, haben die Finanzmarktgurus, simsalabim, einfach plattgemacht: DIE ARBEITSPLÄTZE. Wie sie das hingekriegt haben? Sehen Sie sich mal megamoderne Firmen an, da hat doch keiner mehr einen festen Arbeitsplatz mit Schreibtisch und anderem Gedöns, das bloss als totes Kapital im Grossraumbüro herumsteht und die Rendite belastet.

Der moderne Arbeitnehmer ist flexibel bis zur Selbstaufgabe. Er besitzt einen befristeten Anstellungsvertrag und ist ein Arbeitsmigrant. Er kommt mit seinem Laptop unter dem Arm in ein kärglich eingerichtetes Funktionsgebäude, holt sich da aus einer Abstellkammer seinen Restschreibtisch auf Rollen, vagabundiert durch den ihm in grosszügiger Weise von der Firma auf jederzeitigen Widerruf zur Verfügung gestellten Betonkubus, sucht sich darin maximal 1,5 m2, auf denen noch kein anderer binärer Wanderarbeiter hockt, loggt sich mittels Passwort in ein internes Wolkennetzwerk ein und bastelt von seiner Schnittstelle aus – nicht mehr von seinem Arbeitsplatz, denn der ist ja abgeschafft worden – mit irgendwelchen anderen virtuellen Tagelöhnern, die dasselbe in Timbuktu oder auf dem Saturn machen, binären Krempel zusammen, der dann im Internet der Dinge von 3-D-Druckern zu einem grobschlächtigen Produkt 4.0 zusammengeschustert wird; sofern altmodisches Zeug zum Anfassen überhaupt noch erwünscht ist. Oder der temporäre Schnittstellenbetreiber lässt sich von einem Uber-Taxiunternehmer in sein Homeoffice chauffieren, wo Arbeits- und Freizeit so wunderbar ineinander übergehen, dass keiner mehr sagen könnte, ob er noch im Office oder schon home sei: My home is my office! Das ist ganz schön lustig, gell? NEIN, lausig ist das.

Demnächst machen die Gewerkschaften die Bude dicht, denn ihr Raison d’être, der Kampf um die Arbeitsplätze, hat sich in Luft ausgelöst. MERKE: Keiner kann um etwas kämpfen, das es nicht (mehr) gibt! Um neuen Mut zu fassen, könnte man Ernst Bloch lesen. Aber das macht ja heutzutage keiner mehr, und die digitalen Herren der Welt fühlen sich so unangreifbar, dass man Das Prinzip Hoffnung sogar bei Amazon bestellen kann; demnächst wird’s dann mit Drohnen ausgeliefert. Sollte jemandem heutzutage noch der Sinn nach transzendentalen Veranstaltungen stehen, kann er den Launch eines neuen iPhones verfolgen. Apples CEO zelebriert dort als digitaler Hohepriester das Urbi et orbi des Silicon Valley, dass der Vatikan vor Neid erblassen könnte, derweil die US Army globalisierte Computerspiele von Ramstein aus betreibt: Zack, der hat gesessen; DIE Taliban-Drecksau nietet keinen von unseren Jungs mehr um!

Teaching the kids my way

War Friedrich Dürrenmatt, so wie Sie ihn oben zitieren, mit mir vielleicht in Glückstadt am Redlefsen-Gymnasium, ohne dass ich dies bemerkte, und hat sich dort in diesem so überaus anregenden Marsch-Ambiente zu seinen bemerkenswerten Thesen inspirieren lassen? Deren letzte (s. o.) scheint darauf hinzudeuten, dass Friedrich sogar schon meinen Samuel Brüllhenne kannte, denn wie wäre sonst dieser Satz zu erklären: Im Paradoxen erscheint die Wirklichkeit? I’m deeply impressed. – Aber es gab Tief im Norden nicht nur den Stiefel im Gesicht, sondern auch winzigste Lichtblicke, nämlich die Zeit von März bis Juli 1982, in der ich eine neue verdeckte Unterrichtsmethode eingeführt habe, die ich erst heute öffentlich machen kann; weder analog noch digital wurde unterrichtet, sondern my way.

Gern hätte ich meine rundum positiven Erfahrungen mit dieser ungewöhnlichen Lehrmethode in der Fachliteratur publiziert – damals hätte mich das allerdings in Schleswig-Holstein in Festungshaft gebracht; oder sie hätten mich im Skagerrak versenkt; oder auf den Düppeler Schanzen gerädert und gevierteilt. But now for something completely different: Kommen wir nun endlich zu der nun bereits mehrfach angekündigten neuen Art des Lehrer-Schüler-Schulaufsichts-Umgangs. Die Hierarchie von unten nach oben unter Lehrplan- und kultusministeriellen Gesichtspunkten betrachtet, ergibt folgendes Bild:

  1. Die Didaktik der Bremer Stadtmusikanten; oder: Etwas Besseres als den Tod finden wir überall. So fühlte sich meine Mission impossible als Lehrer am nördlichen Rande der Ökumene an.
  2. NATO’s Resolute Support Mission goes to school; oder: Wer sich uns widersetzt, wird neutralisiert. Das war die speziell holsteinische Interpretation der Fürsorgepflicht des Dienstherrn mir gegenüber. Ich möchte hiermit den neuen Terminus technicus der spanabhebenden Pädagogik in die Fachliteratur einführen: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Das waren im Land zwischen den Deichen während der CDU-Regierungen von September 1950 bis Oktober 1982 ganz überwiegend linke.

*

Aber noch durfte ich unterrichten, vor fröhlichen Klassen stehen und ein experimentelles Unterrichtsverfahren praktizieren, das mich begeisterte und dem ich mich mit vollem Elan und in tiefer Überzeugung hingeben konnte. Erstmals fühlte ich, dass Lernziele etwas sein können, deren Faszination sich der Fachmann nur schwer zu entziehen vermag – wenn man es nur versteht, sie formvollendet zu formulieren! Und ohne mich über den grünen Klee loben zu wollen, DAS hatte ich in meinem geliebten Schleswig-Holstein unter der feinfühligen Anleitung meiner beiden verehrten Schulleiter gelernt. Schon allein der Wohlklang und die nahezu grenzenlose Variabilität der Satzanfänge bei der Ausformulierung der Lernziele, subtil differenziert nach kognitiv, sozial und instrumental, zogen mich in ihren Bann: Die Schüler sollen lernen…/Die Schüler sollen erkennen…

Die Hohe Schule der Sprachbeherrschung offenbarte sich dem linguistischen Connaisseur dann daran, dass in den ganz grossen Unterrichtsentwürfen im Stil einer verbalen Verdoppelung sogar zu formulieren gewagt wurde: Die Schüler sollen erkennen lernen… In der Kunst des Unterrichtens weniger erfahrene Referendare stellten sich in ihrer Unterrichtsdokumentation gelegentlich selbst an den Pranger, indem sie aus der gekauften Examenslehrprobe eines Kollegen vom benachbarten Studienseminar im Eifer des Gefechts falsch abgekupfert hatten: Die Schüler sollen lernen erkennen… Das war für gewiefte Dienstvorgesetzte das untrügliche Zeichen: Hoppla, hier stimmt etwas nicht! Hier wurde getürkt!

Den Mentoren und Fachleitern dieser unsicheren Kantonisten blieb in Fällen der beschriebenen Art nur die schwache Hoffnung, dass solche Lehramtsnovizen irgendwann einmal selbst zu der Erkenntnis gelangten, dass sie noch einiges zu lernen hätten; bis sie dann eines Tages souverän vor die Klasse träten und alle Motivationsregister, die ein erfolgreicher Schulmeister aus den Effeff beherrschen muss, zögen und der Lärmgruppe während der Einstiegsphase in die Unterrichtsreihe Die schönsten Liebesgedichte der deutschen Romantik aufmunternd zuriefen: RUHE!! – verdammt noch mal!! Erfahrungsgemäss nivellieren allgemeinverständliche Handlungsaufforderungen dieser Art die Hemmschwellen, die Schüler häufig davon abhalten, sich unvoreingenommen auf so amorphe Unterrichtsthemata wie die Liebe mit ihren komischen soft values einzulassen.

Die Metaebene meines innovativen Verfahrens hingegen liess ich, wenn überhaupt, nur schemenhaft und kurz aufblitzen, das Projekt war von A–Z als die Inkarnation des Hidden Curriculum angelegt, hatte einen ephemeren Charakter und durfte, das war seine unverzichtbare Conditio sine qua non, niemals schriftlich niedergelegt werden. Denn es war Dracula, dem Stammvater aller Vampire, nicht unähnlich: Es hätte seinen sicheren Tod bedeutet, wäre es ans Tageslicht gezerrt worden. Der Unterricht der Werwölfe…; aber notabene in kompletter ideologischer Umkehrung der schrecklichen Bauernmoritat Der Werwolf, die die Nazis zu Tränen rührte.

  • ACHTUNG: Diese Nachricht zerstört sich nach 60 Sekunden selbsttätig – Cobra, übernehmen Sie!

(Er öffnet die Beifahrertür und lässt sich, nachdem er die Umgebung mit Josef-Goebbels-Rundumblick aufmerksam nach evtl. informellen Gestapo-Mitarbeitern abgesucht hat, lautlos auf den Asphalt des Parkplatzes herab; dabei verengen sich seine Augen zu den tückischen Sehschlitzen eines Schützenpanzers Puma der Krauss-Maffei Wegmann GmbH & Co. KG, München, eines unglaublich kampfstarken Gefährts, das gemäss Herstellerangaben seiner Besatzung einen bislang von keinem vergleichbaren Fahrzeug erreichten modularen, hochwirksamen Schutz vor Minen, dem Beschuss mit Panzerabwehrwaffen sowie selbstgebauten Sprengsätzen – und damit eine maximale Überlebensfähigkeit im Einsatz garantiert.

Dann umrundet er LKWs Bulli, dessen Baujahr Sie inzwischen kennen sollten, mit der unübertrefflichen Lässigkeit des Pink Panthers, geht zur Heckklappe, öffnet dieselbe lautlos und kriecht mühevoll ins Wageninnere; dabei hört man ihn fluchen wie einen Droschkenkutscher: Scheissen eng ist das in der Karre hier! Dort öffnet er den Deckel eines Überseekoffers, auf dem ein vergilbter Aufkleber prangt: Sonneninsel Fehmarn – leben, wo andere Ferien machen. Vor das Wort leben hat jemand mit Filzstift über geschrieben. Dann entnimmt er dem handlichen Gepäckstück seine frühere Unterrichtsdienstkleidung, den Hermann-Löns-Gedächtniskittel, entglast mit einem gezielten Ellenbogenstoss den rechten hinteren Teils des VW-Kübelwagens und wirft die Kleidungsstücke, die er gerade dem Überseekoffer entnommen hat, verächtlich neben den Wagen auf den Parkplatz.

Damit sich unsere Leserschaft ein etwas plastischeres Bild davon machen kann, in welch gediegener Kleidung jp an den Holsteiner Lehranstalten vor die Schülerschaft zu treten pflegte, hier eine Kurzbeschreibung seines Outfits: Seinen Namen bezog der Hermann-Löns-Gedächtniskittel hauptsächlich aus einem zeitlos eleganten Heideschäferumhang, Modell Wilseder Berg, den jp salopp über einem breit gestreiften Finkenwerder Fischerhemd Modell Hein Mück trug. Nach unten folgten schneidige Knickerbocker, Modell St. Andrews, in der Art, wie sie der berühmte Detektiv Nick Knatterton im Dienst oder bei Golfturnieren trug. Junglehrer zahlreicher Jahrgänge erinnern sich bis auf den heutigen Tag voller Dankbarkeit an diese verlässlichen Hosen, die ihre Träger selbst in Extremsituationen wie ausser Kontrolle geratenden Staatsexamenslehrproben niemals im Stich liessen, gemäss dem Herstellerversprechen: Sitzt der Dünnpfiff noch so locker – nichts geht durch die Knickerbocker!)  

LKW: Das war ja jetzt ein atemberaubender und vernichtender Rundschlag gegen die auf die Verwertungsinteressen des Kapitals ausgerichtete (Lehreraus-) und die das humboldtsche Bildungsideal beseitigende Lage an den Schulen. Doch für mich glimmt wie ein Glühwürmchen in der Nacht noch ein Funken Hoffnung – und dann bin ich um den Schlaf gebracht… ähhhh. Sorry, ich war gerade etwas unkonzentriert.

(LKW denkt, sagt es aber nicht: diese ganze kulturelle Heuchelei geht mir auf den Sack – NEIN, Oliver Kahn, da helfen auch keine Eier, die man haben muss. Die ess’ ich höchstens sonntags zum Frühstück. Dieser Wichser hält sich doch für den GRÖSCHAZ [grösster Schriftsteller aller Zeiten]. Dürrenmatt und Frisch als Lieferanten. Geht’s noch? Zertrümmert mein Auto. Aber Geld für ein 5*-Hotelzimmer, wo ein meiner kulturellen Bedeutung entsprechend das Interview hätte stattfinden müssen, nein, das hat er nicht. Klar, da sind die Millionäre alle gleich. Ronaldo hat auch nie «die Absicht gehabt, Steuern zu hinterziehen». Und zahlt widerspruchslos 19 Millionen € nach. Und ich will gar nicht wissen, VIVIL dieser Hansel an Brüllhenne verdient hat, keiner kennt ja die ganzen Werbeverträge). Herr Petersen, wir haben ja einen sehr offenen und ehrlichen Umgang miteinander, sagen ja auch immer, was wir denken. Deshalb zurück zu den Glühwürmchen.

Der letzte Vorhang

Sie haben ja die Undercover-Methode my way eingeführt. Das erinnert natürlich ältere Kulturschaffende wie mich sofort an das Lied von Frank Sinatra: I did it my way. Und das beginnt ja bekanntlich so:

And now, the end is near
And so I face the final curtain
My friend, I’ll say it clear
I’ll state my case, of which I’m certain

I’ve lived a life that’s full
I’ve traveled each and every highway
And more, much more than this
I did it my way.

Das haben Sie ebenso gemacht, auch, wenn vieles dabei erzwungen wurde. Wir wissen natürlich nicht, ob diese Methode Ihnen zeitweilig eine Art Befreiung verschafft hat. Nach 7 Jahren, 11 Monaten, 28 Tagen und 10 Stunden entschieden Sie sich für eine Kehrtwende: Jetzt ging es auf einmal gen Italien. Aber Sie schafften es nur knapp über den Rhein. Und waren plötzlich in der Schweiz. Und blieben da. Warum gerade Kaiseraugst, das in Hessen niemand ausser mir kennt? Warum nicht z. B. Bern, wo doch schon 1954 ein deutsches Wunder geschah?

jp: Immer hübsch eins nach dem anderen, werter Herr Chef-Kulturträger; zu Kaiseraugst im Speziellen und der Schweiz im Allgemeinen kommen wir später – NOCH bin ich nicht mit Germanien fertig, NOCH nicht! Back to Glückstadt, einer glamourösen Metropolregion mit unwiderstehlicher Zentripetalkraft, die der dänische König Christin IV. einst mit dem Ziel gründete, der Freien und Hansestadt Hamburg das Hafenbrackwasser abzugraben. Hat das funktioniert? Im Anschluss an die bürgerkriegsähnlichen G-20-Unruhen 2017, die von den Chaoten des Schwarzen Blocks (Welcome to hell!) angerichtet wurden, die gemäss der rechten Journaille an der Elbe vom 1. Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz expressis verbis dazu eingeladen worden waren, die Freie und Hansestadt komplett zu verwüsten und in die Steinzeit zurückzubomben, ist Hamburg in völlige Bedeutungslosigkeit abgesunken. Einige nennen es deshalb bereits das Tor zur Unterwelt.

Die Barockperle Glückstadt hingegen düst durch den Kosmos strahlend wie der Komet Halley! Es ist schon ein Wahnsinn, wie der Glückstädter Monsterhafen den aufgeblasenen Hamburger Barkassenkapitänen mit ihren lächerlichen Schlickrutschern die Luft abschnürt und sie in die Schranken weist. Die Statistik spricht dazu eine klare Sprache: Containerumschlag Hamburg 2017: 4,8 Mio. Stück, Containerumschlag Glückstadt 2015–2018: drei Eimer Matjes. Spanien liess seine stolze Armada gegen Britannia segeln, Glückstadt hat mit seiner furchterregenden Heringsflottille die Herren der Hanse herausgefordert. Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen, die ich dort machen durfte, würde ich Glückstadt nicht das Tor zur Welt nennen, sondern diesem liebenswerten Städtchen den schmückenden Beinamen die Falltür ins Nichts verleihen.

Es trennt sich, was nicht (mehr) zusammengehört

Kommen wir nun aber zur Endphase meines von 1981 bis 1988 komplett missratenen Holsteiner Gastauftritts. Da hatte ich Ihnen und meinen über ganz Europa verteilten Samuel-Brüllhenne-Fanclubs ja versprochen bzw. angedroht, noch mal alle Register der jp-Didaktik zu ziehen und Ihnen vorzuführen, wie Unterrichten zu einer wahren Kunst werden kann. Geht jeden Moment los, aber vorher verbitte ich mir aufs Entschiedenste, dass Sie diesen dubiosen Olʼ Blue Eyes für meinen letzten Vorhang in Deutschland singen lassen wollen. Ich will Beethovens Marsch des Yorckʼschen Korps hören, in voller Gefechtsstärke, dreimal nacheinander, Freunde – bei mir muss es KESSELN!! GROSSER ZAPFENSTREICH mit einer Ehrenformation der Überlebenden der 11. SS-Freiwilligen-Panzergrenadier-Division Nordland vor der Kaiserpfalz in Goslar am Harz.

Entlassung von Fähnrich der Reserve Jan Peters, PzGrenBtl 82, Studienrat z. A. (= zum Abschuss), aus dem deutschen Staatsbürgerdienst: Tschingderassabum!! Links vor der fast 1000 Jahre alten Kaiserpfalz steht ein Denkmal mit dem Namen Griff in die Freiheit. Fälschlicherweise wurde dies bisher als eine Erinnerung an die Kriegsgefangenen und Spätheimkehrer interpretiert, an dem sich regelmässig die Berufsvertriebenen treffen und mit feuchten Augen singen: wir sehʼn uns wieder, mein Schlesierland,… mein Heimatland!

In Wirklichkeit zeigt es jp, wie er bei Weil am Rhein Deutschland endgültig den Rücken kehrt. Damals liess ich von seiner Pressestelle am 20. Dezember 1988 mitteilen: Wir freuen uns, der deutschen Öffentlichkeit mitteilen zu können, dass wir die BRD per 28. Dezember 1988 endgültig verlassen werden. Diese Entscheidung ist endgültig, sie wird nicht weiter diskutiert. Die Medienmitteilung schliesst mit Götzens grobem Gruss und dem Gesamturteil: Deutschland: setzen, SECHS! – Seitdem wird in den sozialen Netzwerken kontrovers darüber debattiert, wie sich jp von seinem alten Vaterland verabschiedet habe: Ob er sich kurz vor Überschreiten der Grenze tatsächlich noch einmal nach Norden wandte und beim Abschied leise servus sagte; oder ob er Heines Nachtgedanken zitierte; oder ob er wortlos die Flatter machte und sich nur mehrfach konsterniert an die Stirn tippte, während er in der Eidgenossenschaft verschwand.[1]

Erdkunde bei Herrn Petersen

Legen wir nun endlich mit der Didaktik der Bremer Stadtmusikanten los. Die Vorbereitung meiner Unterrichtsreihe begann, sofern ich mich recht erinnere, folgendermassen: (Lehrer, im schneidigen Hermann-Löns-Gedächtniskittel, betritt die Klasse, die er schon im vorhergehenden Schuljahr in Erdkunde unterrichtet hatte, fuchtelt mit den Armen hilflos in der Gegend herum und versucht dadurch vergeblich, sich Gehör zu verschaffen. Nach knapp 30 Minuten gehen den Schülern der Gesprächsstoff und die Luft aus, das Getöse ebbt nach und nach ab. Die Schüler sinken ermattet auf das Gestühl, entspannen sich und bemerken zu ihrem Erstaunen erst jetzt, dass der Lehrer wild gestikulierend vor der Klasse steht.)

Lehrer: So, setzt Euch, wir wollen jetzt mit dem Unterricht beginnen. Schüler: Wir sitzen doch schon, Herr Meier. Beginnen Sie bitte mit dem Unterricht. Lehrer: Herr Mayer war in der Stunde vor mir hier drin, ich bin der Herr Peters. Schüler, im Sprechchor: Angenehm, Herr Petersen, wir freuen uns, Sie kennenzulernen. Wir sind die Obersekunda c. Lehrer, ungeduldig: RUHE!! Womit haben wir die letzte Stunde beendet, Fiete? Fiete, relaxed: Mit dem Klingeln zur grossen Pause, Herr Lehrer. Lehrer, beiseite: MANN!! – den Penner leg’ ich noch mal um! Dann laut: RUHE!! beschäftigen Sie sich jetzt mal 90 Minuten selbst, ich hab’ was Dienstliches zu erledigen.

(Er verlässt den Raum. Nach wenigen Metern auf dem schier nicht enden wollenden Flur dreht er noch einmal um, geht zum Klassenzimmer zurück, öffnet die Tür und brüllt in die Stille des Raumes: RUHE!! Dann begibt er sich eilig zum Lehrerparkplatz, besteigt sein Auto und fährt nach Hause, wo er seine Dienstaktentasche in die Ecke feuert, sich aufs Sofa legt und umgehend in den Schlaf des Gerechten fällt.) – Er beginnt zu träumen. Im Vorspann des Traumes malt eine feurige Hand den Titel des Traums an die Wand: Du hast KEINE Chance – nutze sie!

Non scholae, sed vitae discimus

Die Obersekunda c war die einzige Klasse, bei der es mir gelang, so etwas wie ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Sie hatten ein Gespür dafür entwickelt, dass ich irgendwie auf ihrer Seite stand und hatten wohl auch ein Faible für Underdogs. Wir waren uns einig in der Ablehnung des diktatorischen Gehabes des Direktors, ohne uns darüber grossartig verbal austauschen zu müssen. Sie spürten, dass ich unter Dauerbeschuss stand, und fanden das nicht gut. Ihre Position verbot ihnen natürlich völlig, für mich Partei zu ergreifen: sie hätten auch nicht gewusst, wie man so etwas machen könnte. Es hatte sich aber zwischen uns ganz leise eine Komplizenschaft entwickelt, deren Belastbarkeit ich Schritt für Schritt zu testen begann.

Im Unterricht spielte ich mit den Jungen Skat oder beeindruckte sie beim Autoquartett dadurch, dass ich der Einzige war, der souverän wusste, welche verschiedenen Motorisierungen eine AC Cobra hatte und mit welchem Topspeed ein 845 PS starker Porsche 935/78, genannt Moby Dick, die endlose Gerade von Les Hunaudières in Le Mans runterdonnerte, während die Mädchen Modehefte durchblätterten, sich mit Schminktipps versorgten oder ihre nächste Party planten. Das gefiel allen gut und der von Vertrauen, Toleranz und gegenseitiger Wertschätzung geprägte friedliche Umgang miteinander während dieser Stunden wärmte uns allen das Herz im ansonsten ungemütlichen Schulalltag.

Und damit das auch so bliebe, schwiegen alle fein stille über unsere ungewöhnlichen Lehr- und Lernverfahren: Nichts sickerte nach aussen durch. Nach sechs Wochen Wellness-Unterricht fragten sie mich behutsam: Sollten wir nicht mal gelegentlich eine Klausur schreiben, Herr Peters? In der Parallelklasse machen die sowas.Klausuren schreiben, wieso das denn, das belastet uns doch nur! Okay, wenn Ihr unbedingt wollt, das kriegen wir schon hin. Aber hoffentlich versaut uns das nicht die Stimmung.

Um das zu verhindern, besprach ich dann die Themen im Voraus beim Skat, den wir inzwischen auch bei mir zu Hause spielten, und verliess mich darauf, dass die Jungs den patenten Mädels der Klasse die nötigen Informationen weitergaben. Das lief wie am Schnürchen und alle bekamen sehr ansehnliche Noten, die weit über dem Durchschnitt lagen. Dies schob die Glockenkurve des Herrn Gauβ heftig nach rechts, um es mathematisch exakt auszudrücken. Hätte mich auch beunruhigt, wäre es in meiner speziellen Art von Unterricht zu einer wie auch immer gearteten Normalverteilung gekommen.

Ruhe ins Spiel bringen

Dies hingegen machte den Herrn Schulleiter stutzig. Er teilte mir mittels eines Waschzettels in meinem Dienstpostfach mit, dass er bei mir zu hospitieren gedenke, um zu sehen, was ich wohl in meinem Unterricht verzapfe. Das Verzapfen werde ich Dir heimzahlen, Du Zombie! Ergo briefte ich meine Truppe für das bevorstehende pädagogische Grossereignis in einer Art und Weise, wie es an einer Schleswig-Holsteiner Schule weder vor noch nach meinem Auftritt jemals stattgefunden hat noch jemals wieder stattfinden wird – unter Garantie! Zu meinem allergrössten Erstaunen waren die mir Schutzbefohlenen nicht im Geringsten darüber verwundert, was ich von ihnen verlangte – nicht irgendwelche zwanghaft fröhlichen Schüler-Lehrer-Gespräche, keinen Einstiegs- und/oder Motivations-Heckmeck oder sonstige zwanghafte Pervertierung menschlichen Verhaltens, sondern: Schweigen; 45 Minuten Schweigen. Die in dieser Unterrichtsstunde der etwas anderen Art zu erreichenden Lernziele hatte ich feindifferenziert in:

  1. Die wohltuende Stille im Unterricht des Studienrats zur Anstellung Peters (Besoldungsgruppe A 13) kontrastiv zum Unterrichtstumult bei den Kollegen in den anderen Fächern erleben; mit dem Tischnachbarn lautlos Schreib-/Malutensilien und Radiergummis austauschen, ohne ihn dabei zu übervorteilen; dabei erkennen, wie sich die Ethik des Homo oeconomicus vom Neolithikum bis heute weiterentwickelt hat: Wenn du mir deinen neuen Montblanc-Füller schenkst, leih’ ich dir meinen alten Ratzefummel! (Soziale Lernziele).
  2. Unterschiedliche Härtegrade verschiedener Buntstifte identifizieren und gezielt einsetzen. Ein durch den Tastsinn übermitteltes Bewusstsein für unterschiedliche Widerstandsfähigkeit verschiedener Bleistifte entwickeln; eine Segmentierung ihrer individuell adäquaten Einsatzbereiche durchführen: Wo tut das mehr weh – im Oberschenkel oder im Unterarm, wenn ich dich mit dem roten Stift steche? (Instrumentelle Lernziele).
  3. Erkennen lernen, dass Erdkundeunterricht kein Sportunterricht ist; als Benchmark die unterschiedlichen Geräuschpegel heranziehen und beurteilen können; Mitschülern durch aktives Handeln bewusst machen, dass gegenseitige Rücksichtnahme den Klassenzusammenhalt und das gemeinsame Erreichen der Lernziele fördert: Ich versteh’ hier hinten kein Wort. Kannste nich’ einfach mal deine dämliche Fresse halten, du Hornochse? (Kognitive Lernziele).

Dann hatte ich ihnen noch gesagt, sie sollten, falls möglich, ausnahmsweise mal pünktlich sein, denn Unterrichtsstunden fangen in der Regel mit dem Stundenbeginn an und nicht 13 Minuten danach. Ausserdem sollten sie sich die Füsse waschen, die Fingernägel schneiden, sich kämmen und einen Block mit Millimeterpapier mitbringen. Was sie auf das Millimeterpapier zeichnen sollten, übten wir eine ganze Stunde lang vorher: Klima-/Niederschlagsdiagramme von New York, San Franzisko, Tokio, Nischni Nowgorod, Bad Gastein und Wendisch-Evern.

Für die Vorführstunde erwartete ich, dass sie ganz stillsitzen, mich keines Blickes würdigen und unmittelbar nach dem Läuten zu zeichnen beginnen sollten, ohne dass ich sie noch ausdrücklich dazu auffordern müsste. Und vor Ende der Stunde durften sie auf keinen Fall damit aufhören; und wenn sie nicht 45 Minuten lang mucksmäuschenstill sein würden, würde ich ihnen die Reiter der Apokalypse auf den Hals hetzen! Alles lief dann wie geplant, nur dem Direktor ging die elysische Stille dermassen gegen den Strich, dass er nach 30 Minuten aufsprang und mit einem wutentbrannten: So was habe ich in meinen 30 Jahren als Schulmeister noch nicht erlebt![2] geräuschvoll den Raum verliess. Und Fiete sprach zu Anneke: Jetzt haben wir uns so viel Mühe gegeben, und dann warʼs doch wieder scheisse; es ist ein Jammer![3]

*

Der Traum endete abrupt damit, dass der pädagogische Obersturmbannführer Beinhardt vor meinem Sofa stand und mich wachrüttelte.

Ich habe eine schlechte Nachricht für Sie.

Die wäre?

Sie werden wegen erwiesener Unfähigkeit aus dem schleswig-holsteinischen Schuldient entlassen.

Bis heute ist mir unerfindlich, was der Kretin an dieser Nachricht schlecht fand.

LKW: Wir verstehen Sie gut, denn Sie waren ja nur wenige Kilometer von der Blomeschen und der Engelbrechtschen Wildnis entfernt. Wer will da gerne bleiben? Wie überhaupt der Norden die pädagogische Fantasie und Vielfalt zu lähmen scheint. Wie wir heute wissen, liegt Glückstadt an der Unterelbe in der Metropolregion Hamburg und ist nach Itzehoe die zweitgrösste Stadt des Kreises Steinburg. Aber grämen Sie sich nicht, auch die Ideen von Pestalozzi gibt es seit Jahrhunderten, aber viele Pädagogen haben sie bis heute nicht begriffen, wie Sie mit Ihrer Aktion schön gezeigt haben. Überraschende Momente mögen diese Herren (meist sind es ja solche!) nicht.

Aber ich bin sicher, dass die Erziehungswissenschaft noch eines Tages durch Ihren experimentellen Ansatz erleuchtet wird. Aber wahrscheinlich leider nicht mehr zu Ihren Lebzeiten. Ähnlich ist es ja schon anderen Schriftstellern gegangen. Denken Sie nur an Büchner oder Brecht. Was mache ich, wenn ich nicht genügend Brot habe, um das Volk zu füttern – das ist ein Punkt, auf den Büchner immer wieder zurückkommt –, was kann ich ihm dann noch anbieten?

Und auch Sie haben Ihre Schüler mit überraschenden Gedanken gefüttert, die überhaupt nicht in die gewohnten Abläufe passten und deshalb verstörten. Deshalb mussten Sie entfernt werden. Das ist jetzt nicht meine Denkweise, aber offensichtlich die des Kultusministeriums. Aber zurück zu der Frage: warum Königsaugst? Das kennt doch niemand. Ja, Herr Petesen, Sie dürfen ruhig noch mal nachschenken. Ich liebe Lagavulin mit dem rauchigen Geschmack. Diese Insel. Also Islay. Ich trinke ihn seit 1742. Und die Flasche ist ja auch schon halbvoll. Aber warum musste die Windschuttscheibe weg? Kalt!! Heizungswärme weg. Ah, hab kein Heizung meer? Und da helfen auch kein Reifen? Sii hab mir alles wegnommen. Dann ich will Torf. Ech lussig, Herr yasny, echt. Wolle wir dann morsche Rhein durchschwimmen, also überfähren… Sie habbe immer so jute Ideen. Ach, Sie saggen, Sie sind Schrift-entsteller. Hallo, Herr Hemmingslos, äh, that’s the WAY I like it. Sagggn seee malll. Noch ein Glas Laggabull, sonst wird Flasche nicht mehr full, Sie Trunkengold. Jetzt besser verstehen Bedeutung von Brüllhahn…Wo ist denn die Henne schon wieder hin?

  • Samuel, Sebastian, wo seid ihr?… (sackt in sich zusammen, schläft ein).

jp: Wolkenstein ist nicht der erste, der den klaren Norden nicht so gut verträgt. Als ich ʼne Zeitlang in Hamburg St. Georg auf Trebe[4] war, habʼ ich mal mit ʼn paar Punks und Instandbesetzern in der Roten Flora Platte gemacht; einer von denen kam aus Halstenbek-Krupunder (ein hübscher Name, übrigens), war voll wie ʼne Strandhaubitze und hat was von Hohlschwein sweipunnull gelallt. – Holstein 2.0? Unter zwei Promille ist dieses Land für manche nicht auszuhalten. Ich hätte dem LKW vielleicht doch nicht diesen ganzen alten Hafenkäsʼ von früher erzählen sollen, der schiebt jetzt die Vollkrise und knallt sich bloss noch die Birne voll, die arme Sau. Wenn der sich nachher hier aufʼm Parkplatz ʼne andere Karre klaut, weil seine eigene nur noch sehr bedingt fahrtüchtig ist, damit abhaut und ihn die Bullen mit vorgehaltener Heckler & Koch anhalten, muss er einfach sagen:

  • Eishockey
  • Kanufahren
  • Wirsing.

Das funktioniert phonetisch zufriedenstellend allerdings nur, wenn man mindestens 2,8 ‰ intus hat. Probieren Sie das bei Ihnen zu Hause mal mit Ihren Kumpeln vom Doppelkopfclub aus; am besten, wenn Ihre Holde ein paar Tage bei ihrer besten Freundin zu Besuch ist und Sie sturmfreie Bude haben.

(Leise, leise, leise, um LKW nicht zu wecken, beginnt jp, den Beifahrersitz und die Rückbank mit einem original VW-Schraubenschlüssel aus dem VW Bulli auszubauen. Dann stellt er die Sitzmöbel auf den Asphalt, holt ein original Schweizer Offiziers-Taschenmesser aus seinen Knickerbockern, klappt es auf, schlitzt sorgfältig den Bezug der Sitze auf und entnimmt das Polstermaterial, das er akkurat neben dem Wagen aufschichtet. Dann klemmt er sich die metallenen Sitzrahmen unter den Arm, packt die Sprungfedern in eine grosse blaue IKEA-Tragetasche und entfernt sich mit dem ganzen Gelumpe in Richtung Raststätte, wo er das Altmetall vorschriftsmässig in einer Recyclingmulde entsorgt. Man sieht ihn noch in der Raststätte verschwinden – dann sieht man ihn 15 Minuten gar nicht mehr. Nach 16 Minuten hat er wieder den Bulli erreicht, an dem er aber zunächst vorbeigeht, um schliesslich ein Gebüsch am Rande des Parkplatzes zu erreichen.

Dort holt er sein original Schweizer Offiziers-Taschenmesser aus seinen Knickerbockern, klappte es auf und schneidet eine lange Zwutsche von einem Weidenbusch ab. Zurück beim VW-Transporter, holt er eine Packung original Hanauer Gref-Völsings Rindswürste aus der anderen Tasche seiner original Knickerbocker und spiesst die Würste auf die Weidengerte, die er vorher gewissenhaft zugespitzt hat. Dann ruft er: Flamme empor! und entzündet das Polstermaterial. Als alles gut Feuer gefangen hat, beginnt er, die Würste sorgfältig über dem Feuer zu grillen: Die müssen richtig durch sein, sonst schmeckt das nicht. Rabenschwarzer, beissender Qualm zieht in von Wolkensteins mittlerweile rundum entglasten Dienstwagen. Es ist nicht auszuschliessen, dass die Polsterung nicht nur Naturstoffe enthielt, denn der KdF-Wagen überzieht sich zusehends mit einer undefinierbaren, in allen Regenbogenfarben schillernden Schicht klebriger Sedimente. Im Wageninnern beginnt LKW zu husten und zu prusten. jp schenkt dem vorerst weiter keine Beachtung, da ihm sattsam bekannt ist, dass Ungediente aus jeder Mücke einen Elefanten machen und schon bei kleinsten Chlorgasangriff anfangen zu jammern, statt zackig die Gasmaske aufzusetzen, das Bajonett zu fällen und zum Gegenangriff überzugehen: Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen!!! – Ungefähr zwei Kilometer entfernt von der Tank- und Rastanlage Wetterau sitzt Revierförster Gronau auf Wildschweine an. Ohne seinen Hochstand zu verlassen, pullert er gerade geräuschvoll in eine Fichtenschonung unter ihm, als er die Rauchwolke entdeckt. Mit seinem Feldstecher nimmt er sie näher in Augenschein und murmelt konsterniert: Ist da ʼn Tornado runtergekommen, oder isʼ das ʼne Kernschmelze in Biblis?)

  • (Stunden später…)

Wiederhören, Deutschland!

LKW: Oh, da muss ich wohl kurz eingenickt sein. Ja, solche Feuilleton-Interviews werden mit zunehmendem Alter auch nicht einfacher. Aber schön, dass Sie sich schon etwas Leckeres zu essen gemacht haben. Doch beim Grillen schiessen? Das ist nicht meine Welt. Wo waren wir gleich stehen geblieben? Ach ja, Sie sind Ende 1988 in die Schweiz übergesiedelt. Gut, so weit verständlich. Möglichst weit weg von SWH. Nun kann man aber Ihrer Biografie entnehmen, dass Sie Ende 1995 Schweizer geworden sind und die deutsche Staatsangehörigkeit abgelegt haben. Warum eigentlich? Sie hätten doch auch als Deutscher in der Schweiz leben können. Also so ähnlich wie Frau Weidel. War das Rache, eine beleidigte Leberwurst-Demo oder wollten Sie einfach nur zeigen, dass Staatsangehörigkeit keinesfalls in den Genen verankert ist?

jp: Wieder nüchtern, Herr Kulturbeauftragter? Dann können wir ja weitermachen. Bevor ich mich Ihrer Frage bezüglich meiner nationalen Standortverlegung in die Eidgenossenschaft detailliert zuwende, nur mal vorab: Sollten Sie noch einmal auf die Idee kommen, mich in die Nähe von Pg. Weidel, Führerin der AfD-Frauenschaft, zu rücken, werde ich von meinem Sekundanten stante pede Ihre Satisfaktionsfähigkeit überprüfen lassen und Sie ggf. auf Walther P 38, 9 mm Parabellum, fordern; ist das bei Ihnen angekommen? Die Bieler Bevölkerung hat der Politgangsterbraut Weidel übrigens schon mehrfach mitgeteilt, dass sie in dieser zweisprachigen Multikulti-Stadt nicht erwünscht sei. Mir hat das hier noch keiner gesagt.

Und Ihre beleidigte Leberwurst liegt ein paar Schubladen zu tief für mich; hört sich in meinen Ohren aber sehr vertraut und total deutsch an: Spielʼ hier nicht die beleidigte Leberwurst und führʼ nicht noch gross Widerreden! Sie geben mir gerade– ob gewollt oder ungewollt, ist völlig belanglos – eine Steilvorlage in deutschem Befehls- und Gehorsamsdenken, das sich klammheimlich in der Sprache eingenistet hat: Leberwürste werden in Deutschland nicht als Gesprächspartner auf Augenhöhe akzeptiert, sondern aufgefressen. Insubordination wird (spätestens) seit Willem zwo nicht geduldet, und wenn direkte Machtmittel nicht (in meinem Fall mehr) einsetzbar sind, wird eben das Verhalten des widerborstigen Individuums auf verschiedene Weisen als inakzeptabel, unangemessen, uneinsichtig, unbelehrbar… gebrandmarkt. Es ist weit unter Deutschlands Würde, sich mit dergleichen unsinnigem Verhalten länger aufzuhalten. Schliesslich habe es das Wunder von Bern gegeben, sei man Exportweltmeister, baue die besten Autos der Welt (namentlich Pkw-Dieselmotoren in der Stadt des KdF-Wagens) etc. pp.

Die Kinder lehren

In meiner Darstellung meiner wundervollen Zeit in Schleswig-Holstein bin ich Ihnen eines noch schuldig geblieben – was denn meine Vorstellungen von Pädagogik und schulischer Erziehung eigentlich generell waren, ob ich in meinen erzieherischen Bemühungen überhaupt einem Konzept folgte; und wenn ja, welchem. Das steht zwar alles schon in meiner 2. Staatsexamensarbeit von 1978, war allerdings, da in Frankfurt verfasst, auf die bolschewistischen Agitprop-Modelle in Hessen bezogen. Für Holsteiner Verhältnisse war dieses Modell auch viel zu intellektuell, hier ging ich mehr auf den Menschen als solchen ein, sozusagen basisphilantropisch. Aus dem zweieinhalbjährigen Fundus meiner Erfahrungen zwischen den Deichen schöpfend, möchte ich zwei Verfahren anbieten, denen ich sowohl an der Baumschule auf Fehmarn als auch dem Brettergymnasium in Glückstadt nachging.

Eine intensive Analyse des Schülermaterials gemäss Stand der Lerngruppe führte mich tief in christlich mitfühlendes Verständnis, wenn ich auf die Kinder blickte, die mir im Norden anvertraut waren und mit dem für sie so typischen Deichblick vor mir sassen. Dieser zutiefst geistesabwesende Blick ist schwer zu beschreiben; ich habe mir immer vorgestellt, dass Hauke Haien ungefähr so geguckt haben muss, wenn er sich auf seinen Schimmel schwang und mit einem Wat mutt, dat mutt! in die Nacht galoppierte, während die Spökenkiekerin Trienʼ Jans hinter ihm hersah und düster murmelte: Wat schall dat dann, Diekgrof? Immer wenn ich kurz vor dem Verzweifeln war, ob die Schülerschaft überhaupt bemerkte, was ich von ihnen wollte, hielt ich mir die Sieben Werke der Barmherzigkeit aus dem Stundenbuch der Liebe des Franziskaners Matfre Ermengau aus dem 14. Jahrhundert vor Augen, in dem mir der Bruder (also nicht mir direkt, aber der Menschheit/Lehrerschaft allgemein) den Auftrag erteilte, die Törichten zu ermahnen. Selbst wenn kurzfristige Erfolge damit nicht zu erzielen sind, so konnte ich dies doch als mir auferlegte Aufgabe ansehen.

Und um den Kindern die Augen zu öffnen, welches System der strukturellen Gewalt sie umgab, hätte ich vielleicht im Sinne von infamen Agitprop-Massnahmen eine Musikstunde einschieben müssen, in der ich eine Unterweisung in die Bach-Kantate Ein ungefärbtʼ Gemüte hätte geben können. Darin heisst es in reformatorisch niederschmetternder Weltsicht: Verleumden, Schmähen und Richten, Verdammen und Vernichten – ist überall gemein. Daraus wäre ein wunderbares Klausurthema zu destillieren gewesen: Sind Sie der Meinung, dass sich Bachs Thema mit dem Abspielen dieser Kantate am 4. Sonntag nach Trinitatis des Jahres 1723 erledigt hat? Vergleichen Sie die Aussage des Leipziger Thomaskantors mit Ihren eigenen Schulerfahrungen. – Das Korrigieren dieser Klausuren hätte ich dann allerdings nicht mehr auf der bezaubernden Sonneninsel Fehmarn, sondern auf der berüchtigten Halbinsel Cayenne durchführen müssen, nachdem man mich in Eisen geschlagen und auf eine Galeere strafversetzt hätte.

Good morning, Switzerland

Wenn ich meine Lebenserfahrungen bezüglich meines Geburtslandes Deutschland und meines Gastlandes Schweiz reduced to the max formulieren sollte, dann läse sich das in etwa so:

  • Die Schweiz sagte zu mir ab Januar 1989: Zeigen Sie uns doch mal, was Sie draufhaben, Herr Peters.
  • Und Deutschland von 1947 bis Dezember 1988? Du machst gefälligst, was wir dir sagen, Freundchen!

Merken Sie den klitzekleinen Unterschied? Er ist in der Tat subtil, hat aber auch etwas mit Lebensqualität zu tun. Und mit Wertschätzung, mit Anerkennung, mit Respekt, mit Aufnahme und Zurückweisung. Sozusagen den Grundthemen meines Lebens. Bei anderen Menschen ist das natürlich auch nicht anders, aber meines liegt mir schon relativ nahe. Und ich kenne es besser als dasjenige der anderen. Man mag das übertriebene Egozentrik zeihen, aber es ist einfach so.

LKW: Es geht ja nun langsam zu Ende mit Ihnen, Deichgraf Petersen, also ich spreche vom Interview. Aber wir haben noch ein paar Sternstunden vor uns. Was mich ja weniger verwundert, ist Ihre berufliche Hinwendung zum Kommunikationsbereich, in dem Sie ja bei den zumeist unbekannten Großkapitalisten der Dentalimplantologie (auch beschönigend Weltmarktführer genannt) das Geld zum Lebensunterhalt verdienten – was mich dann doch etwas verwundert. Wollten Sie so etwas wie Wallraff undercover sein oder waren Sie einfach nur jung und brauchten das Geld? Hat das eine Sie von dem anderen Unternehmen mit noch mehr Geld abgeworben, also wie im Fußball quasi? Egal, wie es war: eins haben Sie aus dieser Zeit – wenn nicht schon genetisch angelegt – mitgenommen:  Sprache ist eine Waffe – haltet sie scharf. So hat es Kurt Tucholsky schon 1929 formuliert und Sie sind ein genuiner Nachfolger.

Heute werden meist nur noch japanische Kochmesser für ihre extreme Schärfe gelobt, denn die Klinge besteht dann oft aus rostbeständigem Hochleistungsstahl mit Niob-Anteilen, einem sehr seltenen Schwermetall. Aber bei Ihnen ist es halt die Sprache. Erleben (besser: erlesen) kann man es im Nebelspalter. Opfer Ihrer sprachlichen Zerstücklung möchte man dann nicht wirklich sein. Messerscharf werden dort in Ihren Satiren manche Leute zurecht (sprachlich) hingerichtet. Es belebt mein Gemüt, juchzend laufe ich dann durch die Straßen. Sorry, wenn ich jetzt etwas übermütig wirkte. Aber da können Sie mal sehen, was Satire so bewirken kann. Und noch etwas würde mich interessieren: Worin besteht der Unterschied im Schreiben solcher Satiren zum Schreiben Ihrer Bücher?

(Während jp über eine Antwort nachzudenken beginnt, steht Road Captain Bolzenschneider-Willi neben seiner fetten Harley im Gebüsch an der Stelle, wo er kürzlich die aus von Wolkensteins Bulli entnommenen Hinterräder deponiert hatte. Fassungslos muss er feststellen, dass die geilen Felgen weg sind. Dafür ist ein Zettel mit einem Bajonett an einen Baum gepinnt: Wenn Sie Ihre Reeder suchen, die können Sie bei der Polente in Bad Nauheim, Hauptstr. 54 abholen. Schulze, POM. Mit einem von Herzen kommenden Drecksbullen, verdammte!! besteigt er seinen Hobel und donnert zurück ins Hells Angels HQ, um sich dort mit dem Präsidenten zu beratschlagen, was nunmehr zu tun sei.)

 

(Fortsetzung folgt)

 

 

 

[1] Wenn ich, was selten vorkommt, mal Heimweh nach Deutschland bekomme, fahre ich über den Rhein, gehe in eine Bäckerei und schaue mir die dort ausgestellten Kommissbrote und Granatsplitter an.

[2] Wäre er auch mal in meinen Englischunterricht gekommen, hätte ich ihm sogar gratis die Übersetzung für seinen Satz geliefert – You ain’t seen nothing, yet!

[3] Diese hanebüchene Verhöhnung ihrer anständigen Schule in Form meines Unterrichts in Stil einer burlesken Commedia dell’arte war meine chiffrierte Antwort darauf, dass sie während meiner Holsteiner Unterrichtstätigkeit nichts unversucht gelassen hatten, mir, dem roten Frankfurter Pauker, ein Höchstmass an Demütigung, Erniedrigung und sozialer Ächtung angedeihen zu lassen. Die Schüler haben dies perfekt verstanden – die Schulaufsichtsbehörde nicht. Woher auch?

[4] Auf dem Arbeitsamt nannten sie das euphemistisch Umschulung zum Programmierer; war ein Volltreffer – allerdings im deutschen Kanonenofen.

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