«Bekennen Sie endlich Farbe, jp!» (Die ‹Wetterau Tapes›, Teil 1)

«Bekennen Sie endlich Farbe, jp!» (Die ‹Wetterau Tapes›, Teil 1)

Dr. Leander Karl v. Wolkenstein – in Fachkreisen LKW genannt –, Feuilletonchef des in Langgöns bei Gieβen episodisch erscheinenden Hessischen Landboten, gilt mit einigem Recht als einer der bedeutendsten literarischen Talentscouts Mittelhessens. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, diejenigen schriftstellerischen Begabungen aufzuspüren, die bislang im Getöse des gnadenlos kommerzialisierten Mainstreams sang- und klanglos untergegangen bzw. gar nicht erst dort aufgetaucht sind.

((WARNHINWEIS: In den Wetterau Tapes gelangen aus grundsätzlichen Erwägungen ausschliesslich LANG-Texte zum Einsatz. Wer mehr an KURZ-Texte gewöhnt ist, wie sie z. B. der derzeitige US-Präsident verwendet, sollte sich bei Twitter und NICHT HIER mit Informationen versorgen!))

War es blanker Zufall oder ein versteckter Wink des Schicksals, dass LKW auf den geheimnisumwitterten Schweizer Autor Jan Peters – in Fachkreisen jp genannt – aufmerksam wurde und die beiden sich schliesslich zu einem 16-stündigen Gedankenaustausch im inspirierenden Ambiente eines weitläufigen LKW-Parkplatzes einer Autobahnraststätte nördlich von Frankfurt am Main trafen?

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Management Summary

Im Folgenden finden Sie exklusiv die einzige von jp autorisierte Abschrift der Wetterau Tapes in mehreren Folgen. jp selbst brachte die Quintessenz der Wetterau Tapes präzise auf den Punkt, als er nach erfolgter Durchsicht der Korrekturfahnen von seinem sorgfältig mit Wachstuch bespannten Sofa aufsprang und mit einem wuchtigen: Fertig ist die Laube! einen linguistischen Fachbegriff der Extraklasse als abschliessendes Gesamturteil über die Wetterau Tapes aufs Tapet legte.

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Der Anfang von etwas

Es ist ein trüber Vormittag im November des Jahres …. Vom nur schemenhaft erkennbaren Taunusgebirge herab ziehen gedankenverloren dicke Wolken, die sich wortlos in der Wetterau verteilen, ohne sich gegenseitiger Blicke zu würdigen oder wenigstens den seit Wochen sehnlichst erwarteten Regen zu bringen. Noch nicht einmal das.

LKW sitzt in seinem kultigen VW Bulli, Baujahr 05/1967. Hin und wieder legt er Friedrich Beissners Grosse Stuttgarter Hölderlinausgabe von 1943 gedankenvoll beiseite, schraubt bedächtig seine in Fachkreisen bereits Kultstatus geniessende verbeulte Thermosflasche auf, nimmt einen Schluck lauwarmen Kathreinermalzkaffees, beisst versonnen in sein mit würzigem Bio-Kümmelhandkäse und dicken Demeterzwiebelringen üppig belegtes Vollkornbrötchen, sieht wiederholt auf seine längst Kultstatus besitzende Weitzmann-Bauhausarmbanduhr Marke Gropius Edition (Modell: Dessau W1) und denkt: Do hoggd mer rum, dehoam kennd mer laie – wo bleibt denn dieser Dollbohrer?

Da biegt mit kreischenden Pneus ein verbeulter Graham-Paige, Modell 80 A Crusader Touring Sedan, unbekannten Baujahres auf den Parkplatz ein und kommt mit kreischenden Pneus direkt neben dem bereits erwähnten kultigen VW Bulli, Baujahr 05/1967, zum Stehen. Der US-Karre entsteigt eine nur schemenhaft erkennbare Gestalt – der Kragen ihres durchnässten Trenchcoats ist hochgeklappt, der Schatten ihrer vom Regen triefenden Hutkrempe taucht das Gesicht in bedeutungsvolles Dunkel; es ist deshalb mehr zu erahnen denn zu erkennen. Die Glut einer Zigarette, an welcher der unheimliche Ankömmling im belfernden Stakkato eines sich in den Stahlgewittern vor Stalingrad befindlichen MG 42 nervös zieht, lässt sporadisch die Umrisse eines Autorenprofils erahnen, wie es seinesgleichen sucht.

Leander Karl v. Wolkenstein, Feuilletonchef des in Langgöns bei Gieβen erscheinenden Hessischen Landboten, gefriert das Blut in den Adern: Vor ihm baut sich niemand anderer auf als der geheimnisumwitterte Schweizer Autor Jan Peters, der Mann der 1000 Gesichter, der sich, gleichsam im Gleichschritt mit seinem hermetischen, selbstreferentiellem Magnum opus Leben und Wirken des Samuel Brüllhenne – einem wahren Monument, an dem sich Heerscharen von Rezensenten bereits ihre Mäusezähnchen ausgebissen haben – seit Jahr und Tag jeglicher Beurteilung, Eingrenzung und Kategorisierung erfolgreich widersetzt hat.

Das Gesetz des Dschungels

Während LKW sein würziges Käsezwiebel-Ökokörnerbrötchen unwiederbringlich aus der Hand gleitet, zieht sich der Schweizer Autor Jan Peters mit der Geschmeidigkeit eines kampfbereiten Jaguars auf den Beifahrersitz, lässt sich eiskalt lächelnd in den seit Jahren hoffnungslos durchgesessenen Sitz fallen, schnippt den Rest seiner filterlosen Lucky Strike achtlos in ein auf dem Armaturenbrett stehendes geöffnetes halb geleertes Glas Nordsee-Bratheringe nach Hausfrauenart in würzig-pikantem Zwiebelaufguss, wo die Kippe zischend erlischt, und herrscht LKW mit dem unwiderstehlichen Charme eines Alligators an: Haben Sie überhaupt gedient?

Vorsichtiges Abtasten

LKW: Seien Sie willkommen im Land der Bembel, des Handkäs mit Musik und der Heimat von Johann Wolfgang von Goethe, Otto Hahn (Uran-Otto) sowie Sebastian Vettel und Lena Gercke (richtig, die mal mit Khedira…). Schön, dass man Sie aus dem Land herausgelassen hat, in dem auch Alice W. mal wohnte, die schon 1978 in der Coverversion von Smokie hellseherisch besungen wurde: Who the fuck is Alice? und Platz 1 in den Charts in D erreichte:

Oh, I don’t know why she’s leaving,
Or where she’s gonna go,
I guess she’s got her reasons,
But I just don’t wanna know.

Sie, verehrter Herr Peters, sind uns ja bisher vor allem durch Ihre nebelspaltenden Satiren aufgefallen. Nun wollen wir heute über die Nachdenklichkeit der Literatur an sich sprechen. Da ich Sie nicht mit einer Spanischen oder Indischen Eröffnung überraschen möchte, beginne ich mit einem hessischen Bauernzug: Würden Sie sich selbst als Fein- oder Schöngeist bezeichnen?

jp: Wo wir gerade von Weingeist sprechen – macht Sie eigentlich der Zwiebeldunst in Ihrer Chaise nicht kirre? Mir ist schon ganz kodderig! Ich geh mal eben rüber zum Sudlerwirt, mir ʼn paar Enzian reinjauchen!

(Mit einem einzigen Klimmzug zieht sich der athletisch-geschmeidige Schweizer Autor Jan Peters gekonnt an der Regenleiste des VW Bulli, Baujahr 05/1967 nach oben, stellt sich aufs Dach des Wolfsburger Mannschaftstransporters, legitimen Nachfolgers des KdF-Wagens, nimmt 10,5 Meter Anlauf und legt als Abgang einen sauber durchgeturnten, perfekt getimten und sicher gestandenen Überschlag mit anschliessendem Rückwärtssalto – in Fachkreisen Tsukahara genannt – auf den Asphalt.  Dabei reisst er, ohne dies allerdings gross zu bemerken, die abgeknickte Dachantenne des Kübelwagens mit sich in die schwindelerregende Tiefe.

Zahlreiche eigens aus der Reichshauptstadt Berlin angereiste Zuschauer applaudieren frenetisch und rufen bewundernd aus: Knorke, wa? Dann ballert jp die verbeulte Beifahrertür der Rostlaube so vehement hinter sich zu, dass diese erschrocken den Aussenspiegel fallen lässt, und hebt sich in Richtung Autobahnraststätte hinfort. Auf halbem Wege macht er nochmal kehrt, läuft zurück zum Bulli, geht zu dessen Fahrertür und flüstert heiser, während er mit ausgestrecktem Zeige- und Mittelfinger mehrfach auf seine Augen deutet: Vergessen Sie eins nicht, Stolkenwein, wir beobachten Sie! Dann verschwindet er endgültig in Richtung Tanke, einem Betrieb der Autobahn Tank- & Rast-Gruppe GmbH & Co. KG mit Sitz in 53175 Bonn.

Sechs Stunden später: jp taucht erneut auf, sichtlich disziplinierter als vorher. Im feierlichen Paradeschritt der Légion Étrangère defiliert er über den Parkplatz. Er trägt jetzt voller Stolz die prachtvolle Paradeuniform der Sapeurs-pionniers, der schweren Pioniere der Legion, mit dem weissen Käppi, der typischen Büffellederschürze und der Axt auf der Schulter, eben genau so, wie dieses Eliteregiment einstmals in die Schlacht bei Sidi-Bel-Abbès marschierte. Zusätzlich hält er eine Flasche Pastis unter dem Arm und singt, den Parkplatz gemessenen Schrittes durchquerend, die Marseillaise in betörendem Bariton. Vereinzelte französische Touristen brechen in ein patriotisches Vive la France! aus. jp salutiert und dankt sichtlich ergriffen dem Publikum.

Unmittelbar vor dem legendären VW Bulli rutscht er auf einer Bananenschale aus, reisst instinktiv schutzsuchend beide Arme hoch und bekommt beim Herumrudern mit denselben die Bügel der nichtsahnend auf der Windschutzscheibe ruhenden Scheibenwischer zu fassen. Diese halten seinem Gewicht nicht stand und brechen aus ihren Halterungen. jp hält sie kurz in Händen, betrachtet sie kopfschüttelnd, stösst ein von Herzen kommendes MERDE, alors!! aus, wirft sie achtlos zu Boden und trampelt wütend auf ihnen herum.

Dann drischt er mit einem gezielten Hieb seiner bei Dien Bien Phu kampferprobten Pionieraxt das Heckfenster des VW-Busses ein, steigt von hinten in den Bulli ein, kriecht behände durch den Innenraum des Kraftfahrzeugs, hievt sich auf den Beifahrersitz, nimmt einen tiefen Schluck aus der Pulle und wendet sich gewinnend lächelnd LKW zu: Quelle était votre question, mon capitaine?)

Leinen los!

LKW: Na, da bin ich aber froh, dass mein Bulli kein Kreuzfahrtschiff ist, Herr Kübelpeters. Der kann nicht kreuzen, fährt nur auf Strasse. Da können Sie wenigstens nicht ertrinken.

Aber kommen wir doch zu den grundlegenden Fragen des literarischen Daseins.

Sie selbst haben im Newsletter Nr.7 – der in der Neuauflage Ihres Magnum opus Leben und Wirken des Samuel Brüllhenne enthalten ist – schon die Frage formuliert, die ich Ihnen aus Sicht der Leser in der Wetterau (auch denen ohne Seepferdchen, in der Schweiz besser bekannt unter Pinguin, Krokodil, Eisbär, etc.) unbedingt stellen sollte: Fragen Sie mich doch jetzt zur Abwechslung einmal, warum meine Texte bei manchen LeserInnen als schwierig gelten? (S. 201). Und klären Sie in diesem Zusammenhang auch auf, warum das Buch einem zum Zwergplaneten zurückgestuften Stern gewidmet ist.

Keine weiteren Ausflüchte, jp!

jp (mit dramatisch flackerndem Blick die Umgebung nach potentiellen Gefährdern durchkämmend, packt er LKW am Arm, sieht ihn flehentlich an und stösst atemlos aus: Es ist irgendwo da draussen – und es ist hungrig! Dann, nachdem er sich wieder halbwegs beruhigt hat):

Herzlichen Glückwunsch, dass Sie sich für Bücher von jp entschieden haben. Sie haben damit eine hervorragende Wahl getroffen. Bislang sind sieben (in Worten: 7) Bücher von mir publiziert worden sind. Veröffentlichte jp-Satiren gibt es inzwischen deutlich über 120 Stück.

Wobei ich mich bewusst auf Nischenmärkte beschränke. Das Massenpublikum, das sich bevorzugt bei YouTube, Facebook & Co. tummelt, kann mir gern im Mondschein begegnen. Krimis schreibe ich auch keine – ich lebe literarisch am liebsten in der skurrilen Ambiguität der von mir selbst geschaffenen Zwischenwelten, in denen ich mit dem grössten Vergnügen ambuliere; wenn es sein muss, dann eben auch allein. Und ich bin, was das Handwerkliche betrifft, unablässig am Werke, die Syntax der deutschen Sprache bis an ihre Grenzen auszudehnen.

Und wenn die Verständlichkeit darunter leidet? I really do not care! Der Geschmack der heute dominierenden bekloppten Selbstoptimierungstypen, die unter dem Oberkommando von Dieter Bohlen und anderen retardierten Vollpfosten konsumtrunken kreischend Deutschlands nächsten Superstar suchen, während in den sozialen Netzwerken ein mit Unmengen von Schminke zum Menschen aufgetakelter Android mit dem Codenamen Influencerin dem Publikum glamourösen Tinnef ohne Ende andreht, kann für meine Texte wahrlich nicht die Benchmark sein!

Mein zuletzt erschienener Samuel Brüllhenne steht paradigmatisch für mein Textverständnis. Ich hätte diesem Buch, das mir sehr am Herzen liegt, auch das Motto: alles kann auch anders sein geben können. Wenn man sich von morgens bis abends bei mir darüber beklagt und mich endlos damit löchert, dass man dieses Buch nicht verstehe, weil ich so schwierig sei, dann zeigt mir dies nur, dass ich beim Schreiben des Brüllhenne ALLES richtig gemacht habe! Wenn Sie die Art meines Schreibens und Denkens unbedingt enzyklopädisch einordnen wollen, dann oszilliert dies irgendwo zwischen existenzialistischer Sinnlosigkeit und den Abgründen surrealistischer Phantasiewelten, wobei ich ein starkes Faible für die Gothic Novel habe: Guten Morgen, Herr van Helsing, Sie sehen etwas übermüdet aus! Viel Arbeit derzeit?

Franz Kafka & Sigmund Freud gibt’s bei mir immer wieder als Gratiszugabe zwischen den Zeilen. Da haben Sie sie wieder, die Zwischenwelten, in denen ich mich bevorzugt aufhalte: Wo das Einsteinsche Raum-Zeit-Kontinuum plötzlich Risse bekommt und die Nebel der Andromeda wabern, da wohnt auch meine unsterbliche Geliebte, die wunderschöne schottische Königin Jane Alexa Coupar, die ich in 1000 Jahren heiraten werde. Queen Jane I ist so bezaubernd, dass die Königin von Saba dagegen das reinste Aschenputtel ist – and she will be mine! 

Und dann gibt’s da noch all dem blühenden anarchistischen Unsinn, für den ich eine ausgeprägte Ader besitze und der an allen Ecken und Enden meiner Texte merklich durchschimmert. Im Grunde verbirgt sich dahinter – neben aller offensichtlichen schieren Lust an jedweder Art von Hanebüchenem – eine individuelle Spielart von Notwehr, das seit meiner Kindheit und Jugend vorhandene Bestreben, die mir von den Erwachsenen in blutigstem Ernst angetragene Pflicht zur Pflichterfüllung zu unterminieren und/oder zu verweigern. Dies viel lieber mit Winkelzügen als in offenen Feldschlachten.

Die meisten der Vorgesetzten, die mir im Laufe meines Lebens passierten und die ich oft genug zu erdulden hatte, erschienen mir im wahrsten Sinne des Wortes als mir vorgesetzt; ich fragte mich dann regelmässig, von wem eigentlich. Je nach Tageslaune würde ich dies als sozietätsinhärenten Dachschaden oder eingebaute Bösartigkeit bezeichnen. Häufig fiel es mir enorm schwer oder war mir sogar völlig unmöglich, erkennen zu können, woher sie das Recht zu nehmen glaubten, in mein Leben einzudringen und mich herumkommandieren zu dürfen. Erschwerend kam hinzu, dass immer dann, wenn es ans Eingemachte ging und die Damen und Herren Fraktur mit mir zu reden begannen,[1] mich ein homerisches Gelächter überkam; von ganz tief unten aus mir heraus kam das, fast nicht zu beherrschen; eine Art Ur-Menschlichkeit; mir fällt keine bessere Beschreibung dafür ein.

Dass dies eher zu meiner eigenen als zur Erheiterung meiner Gegenseite beitrug, muss ich nicht weiter ausmalen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, zum Helden bin ich nicht geboren, aber dieser stille Widerstand, der ist irgendwie Teil meines Wesens und den hat niemand brechen können.

Dass Herrschaftssysteme, die sich selbst für sakrosankt erklären, latent bis manifest gewalttätig darauf reagieren, wenn man sie infrage stellt oder planmässig und coram publico veralbert, um sie in Art des Till Eulenspiegel der allgemeinen Belustigung anheimzugeben, das durfte ich in existenzbedrohender Weise als Vogelfreier während der grauenvollen Dunkelheit der Schleswig-Holsteiner Sonnenfinsternis, in der zu leben ich mich vom Februar 1981 bis zum Dezember 1988 gezwungen sah, hautnah erfahren.

Weil ich damals der aus meiner heutigen Sicht geradezu grotesk abwegigen Meinung war, Tätigkeit und Status eines deutschen Studienrates könnten meinem Leben irgendeine Art von Sinn verleihen. Und weil mir ausserdem völlig entgangen war, dass nach 1945 nicht nur eine NS-Rattenlinie via Vatikan nach Südamerika existiert hatte, sondern auch eine in Richtung des nördlichsten deutschen Bundeslandes, deren Einwohner sich so viel auf ihre norddeutsche Klarheit und schnörkellose Direktheit zugutehalten.

Dort habe ich, als ich schliesslich den Rand des Mahlstroms erreicht und einen Blick in die grausige Tiefe geworfen hatte, dem Teufel angeboten, mit mir um mein weiteres Leben zu würfeln[2] – und einen glücklichen Sieg auf Bewährung erzielt, der mich in die Schweiz brachte. Was sich als eine ausserordentlich gütige Fügung des Schicksals erwies. Obwohl mir bis heute von manch Wohlmeinenden aus Deutschland noch immer nachgerufen wird: Weh Dir, Abtrünniger, Du solltest wissen, welche Strafe in Preussen auf Fahnenflucht steht!

Die gute Nachricht von Schleswig-Holstein, meerumschlungen ist, dass ich in der norddeutschen Tiefstebene mit ihrer knurrigen Bevölkerung das gesamte Waffenarsenal, mit dem Machtmenschen ihre usurpierte Herrschaft über andere auszuüben und zu sichern versuchen, bis in die feinsten Verästelungen kennen- und später dann auch in Form von Gegenwehr effizient zu nutzen gelernt habe.

Dass mir dies hin und wieder anonyme Morddrohungen eingetragen hat, betrachte ich dabei als systemimmanent; das muss ein Satiriker als Berufsrisiko hinnehmen und aushalten können. Sonst sollte er den Job wechseln. Andererseits sind solche brisanten Rückkoppelungen natürlich auch nützliche Hinweise darauf, dass die Trefferlage des in Rede stehenden Textes dem erstaunlich angreifbaren Machtzentrum, das sich in seiner unerträglichen Überheblichkeit und gleichzeitig durchschaubaren Dümmlichkeit spätestens seit Mrs. Margaret Thatcher permanent in Form von zweckdeterminierter Bullshit-Dauerverbreitung für alternativlos erklärt, schon ziemlich nahe gekommen war.

Heute decken psychopathische Internet-Trolle und regressiv blockierte Einpeitscher des florierenden Populismus – denen ein Donald Trump die Gewissheit verleiht, dass auch Idioten einen Staat regieren können: also auch sie – mit ihrer post truth, den alternative facts und hate speeches dem Satiriker den Tisch fast schon zu üppig, denn eine solch astronomische Dämlichkeit ist schreibenderweise kaum noch zu toppen.

Diese Typen sind übrigens meiner festen Ansicht nach keine ephemeren Protestwähler und besorgten Bürger, deren Ängste man ernst nehmen sollte, sondern der Demokratie und der Aufklärung für immer verlorene Seelen, die man auf die Hörner nehmen muss. Toleranz und Verständnis betrachten sie lediglich als Schwäche und Aufforderung, sich noch stärker zu radikalisieren und immer aggressiver zu werden. Das Wesen von Demokratie wird ihnen auf ewig unbegreiflich bleiben.

Schriftstellerische Teilhabe

Wann immer man mich in der Öffentlichkeit als Schriftsteller erkennt, was immer noch viel zu selten geschieht, bzw. ich mich dort oute, stellt man mir dieselbe Frage: Wie ist das eigentlich, Meister, wenn man, so wie Ihr, ein Schriftsteller ist? Ich gebe darauf eigentlich immer dieselbe Antwort: Unterschiedlich, meine Dame; es hängt von Verschiedenem ab. Nicht zuletzt von meiner jeweiligen Tagesform. Das ist bei anderen Menschen auch so, was ich natürlich weiss, aber deswegen werden die doch noch lange kein solcher Schriftsteller, wie ich einer geworden bin, nicht wahr?

Ich möchte das jetzt vielleicht mal an einem Beispiel etwas verdeutlichen. Ich wähle bewusst eine eher simples Illustration dieses komplexen Themenbereich, damit Sie nachkommen. Womit ich dann ja auch gleichzeitig den Sektor schwierig, den Sie ja wohl im Auge hatten, als diese Fragerei hier gerade so richtig losging, abdecken werde.

Wenn die redundante Frage nach der Schwierigkeit kommt, dann sage ich mir zunächst immer: Nachtigall, ick hör Dir trapsen… – ich spiele sozusagen auf Zeit, um mich auf meine wohltemperierte(n) Antwort(en) vorbereiten zu können. Ganz wichtig finde ich dabei auch, den Ball flach zu halten. Falls Sie wissen, was ich damit meine. Wir müssen nämlich initial einfach mal davon ausgehen, dass es beim Schreiben unterschiedliche Schwierigkeitsgrade gibt. Wir nennen das in unseren Kreativseminaren und Schreibwerkstätten, die wir vornehmlich für vegane deutsche Studienrätinnen (Besoldungsgruppe A 13 + Zulagen) in der Toskana abhalten, auch ganz gern Steilheitsgrade, um jetzt mal einen Terminus technicus in den Ring zu werfen.

Ich gebe Ihnen nachher ein paar Flyer mit, damit können Sie sich zeitnah bei mir für einen dieser Kurse anmelden. Steuerlich könnte das für Sie auch ganz interessant sein, unsere Veranstaltungen werden nämlich von der Handwerkskammer Marburg-Biedenkopf durchaus als Fortbildung anerkannt. Das könnten Sie zusätzlich zu Ihren laufenden Cum-Ex-Geschäften bei der für Sie zuständigen Steuerbehörde geltend machen.

Naturwissenschaft vs. Belletristik

Auf die Schriftstellerei als solche zurückzukommend, nehmen wir bleistiftsweise mal einen Naturwissenschaftler, einen Biologen, saach ich jetzt einfach mal. Der hat das leichter als ich, weil er es mit Fakten zu tun kriegt. Ich dagegen mit Fantasie – wennʼs funktioniert! Der auf Zoologie spezialisierte Biologe also, der setzt sich auf seinen Arsch und schreibt einfach los:

Die einheimische Heuschrecke ist eines unserer nützlichsten Säugetiere überhaupt. In der Weide und auf dem Stall überzeugt sie uns täglich durch ihre eindrückliche Milchleistung. Als Zugtier wird sie allerdings von heimischen Ochsengespannen um Längen geschlagen. Die Heuschrecke selbst sieht dies aber nicht als einen Makel an, da sie der Meinung ist, dass ihre Qualitäten auf anderen Gebieten lägen. Beispielsweise beim Zirpen kann ihr kein Ochse das Wasser reichen. Und da beisst auch die Maus kein Faden von!

Da kommt jetzt keiner gegen an, gegen so eine Aussage. Das isʼ nämlich einfach die Wahrheit, die auch statistisch abzusichern ist.

Um zu demonstrieren, dass unsereinen im Gegensatz zum Naturforschermit ganz anderen Kalibern zu kämpfen hat, nehme ich jetzt mal ein Beispiel aus der christlichen Seefahrt; nämlich den Satz: Der Kapitän hatte mit widrigen Winden zu kämpfen. Da würden Sie vermutlich denken, die Situation ist jetzt so, dass der Skipper mit seinem Windjammer östlich von Kap Hoorn liegt where he is struggling against the Roaring Forties.[3] Wenn ich Ihnen jetzt aber sage, sein Smutje, der alte Suffkopp, war am Tag vorher wieder mal hackedicht und hat ʼn bisschen reichlich Zwiebeln ins Labskaus gekippt, dann dürfte Ihnen das volle Lotte den Wind aus den Segeln nehmen – semantisch gesehen. Auf einmal bedeutet dieser Satz etwas völlig anderes, ohne dass für den Kapitän die Lage subjektiv gesehen wesentlich angenehmer geworden wäre. Von den Leuten neben ihm auf der Brücke, wo die Lüftung nicht die beste ist, gar nicht erst zu reden.

Was geschnallt, Kamerad Schnürschuh? So einfach wie Fritzchen Meier sich die Dinge vorstellt, so läuft das in der Ballistik eben überhaupt nicht ab! Wie gesagt, naturwissenschaftlich oder so ähnlich zu schreiben ist verglichen damit das reinste Kinderspiel. Wie dagegen der Johann Goethe seinen Faust, das Gretchen und die anderen eher schwierigen Texten fabriziert hat, das stellen wir beide uns lieber gar nicht erst vor. Können wir ja auch fast nicht, wenn wir mal ganz ehrlich sind. Wir sind hier ja Gott sei Dank unter uns und können frei von der Leber weg reden. Ist ja nicht überall so heutzutage.

(Würden Sie bitte die Wagenfenster hermetisch schliessen?, fragt jp höflich. Dann entnimmt er seinem Davidoff Travel Humidor eine Handelsgold Sumatra Feine Fehlfarben No. 373, beisst am Mundstück der Zigarre ein Stück ab, öffnet das Handschuhfach, spuckt das Tabakstück schwungvoll hinein, schliesst das Handschuhfach wieder gewissenhaft, steckt sich die gebrauchsfertige Zigarre in den Mund[4], entzündet sie mit einem Fidibus und bläst LKW den Rauch gedankenverloren ins Gesicht. Dieser reagiert darauf völlig unangemessen mit heftigen Husten- und Erstickungsanfällen.

jp (beiseite: Er hat nich’ jedient, da darf man nicht zu viel verlangen! – Anschliessend bläst er den Rauch nur noch gegen die Windschutzscheibe, auf der sich nach und nach ein zartblauer Film zu bilden beginnt. Als die Bronchialattacken LKWs trotz grösster Rücksichtnahme seitens jp nicht abflauen, zermalmt er seine gerade erst angerauchte Zigarre mit höhnischem Lachen auf dem Armaturenbrett.)

Bedeutung? – Ein trügerisches Nordlicht!

jp: Wenn ich dann noch zusätzlich, was ich das ja immer wieder gern tue, einen Bezug zum Militärischen herstelle – Sie können jetzt sagen, dass Ihnen das nicht so liegt, das ist mir allerdings scheissegal –, dann kann das im Rahmen des Kreativprozesses, den auch ich gelegentlich beim Schreiben durchlaufe, zu folgendem Satz führen, der evtl. kurz vor der Schlacht bei Leuthen gefallen sein könnte: Herr Hauptmann, die Troppe komme! – Was gemerkt? Jetzt wird’s brenzlig!

Semantisch gesehen kann das nämlich zweierlei bedeuten: 1. Ein Dialekt sprechender Meldegänger, vielleicht ein böhmischer Gefreiter, informiert seinen Kameraden Abteilungsleiter darüber, dass der Feind gerade angreift. Oder, um gleich mal des Verreckte dieser Konstruktion aufscheinen zu lassen, kann es 2. heissen, dass es gerade zu schiffen anfängt. Was für eine erfolgreiche Gefechtsführung durchaus entscheidende Implikationen haben bzw. auch mit sich bringen kann.

Auf die Schriftstellerei transponiert heisst das doch nichts anderes als: Mir ist das Pulver nass geworden! Das sind dann immer die recht eigentlichen Herausforderungen, die der Schreibende auf sich zukommen sieht und denen er sich zu stellen hat.

So was passiert Schriftstellern übrigens ständig, und vielen von uns bleibt dann nur noch der resignierende Schuss in den Ofen oder der verzweifelte Griff zur Flasche. An Hemingway können wir uns alle insofern ein Beispiel nehmen. Bei van Gogh war das wieder was anders, weil der weder flüssig schreiben noch richtig malen konnte. Als man zu ihm sagte: Narrenhände beschmieren Tisch und Wände, Freundchen!, was blieb ihm da weiter übrig, als sich ein Ohr abzuschneiden und den Pinsel zu den Akten zu legen, saach ich getz mal.

Gott sei Dank hat das zu mir noch keiner gesagt. Würde ich auch keinem empfehlen! Und wem ich meine Bücher widme, das überlassen Sie mal schön mir, Sportsfreund!

(Nachdenklich leert er die Pastisflasche, ergreift das auf dem Armaturenbrett befindliche geöffnete Glas Bratheringe nach Hausfrauenart in würzig-pikantem Zwiebelaufguss und wirft es verachtungsvoll durch das berstende Seitenfenster seines neben dem Bulli stehenden Graham-Paige, Modell 80 A Crusader Touring Sedan, hindurch in dessen Fahrgastraum. Schliesslich verlässt er den Wagen und entfernt sich schnell in Richtung Duschen und Umkleideräume für LKW-Fahrer.

Keine 4 Stunden später: Er nähert sich v. Wolkensteins Dienstwagen in der traditioneller Arbeitskleidung eines Goslarer Bergknappen mit Gezähe und Geleucht. Während er den Platz durchmisst, intoniert er mit entrücktem Gesichtsausdruck: Glückauf, glückauf, der Steiger kommt, und er hat sein helles Licht bei der Nacht, und er hat sein helles Licht bei der Nacht – schon angezündt! Bevor er wieder auf dem Beifahrersitz Platz nimmt, geht er zum hinteren Teil des Kfz, murmelt etwas wie: Mal eben kurz die Kartoffeln abgiessen! und seicht unüberhörbar gegen das rechte Hinterrad. Beim kraftvollen Zuschlagen der Beifahrertür fällt der linke Seitenspiegel des Bullis ab und landet scheppernd neben dem Fahrzeug, wo er in unzählige Splitter birst.)

Shakespeare, Harz-Geologie und Sebastian

LKW (beiseite: Er wird mir meine geliebte Karosse noch vollständig zuschanden machen, dieser Haderlump. – Süsslich lächelnd zu jp):

Das Wort Nachtigall, welches Sie gerade in Ihrem Statement erwähnten, führt uns ja zurück zur Literatur, über die wir uns tiefschürfend (man erinnere sich nur an den Rammelsberg in Goslar, dem Ort, wo Sie geboren wurden, und auch in Sebastian ein Denkmal gesetzt haben: Steve Harley & Cockney Rebel: Somebody called me Sebastian sangen davon) unterhalten wollten.

Weltberühmt sind ja die Zeilen von Herrn Schüttelspeer, besser bekannt unter dem Namen Shakespeare, die aus dem Jahre 1597 stammen (also mehr als 600 Jahre alt sind):

Julia. Willst du schon gehen? Es ist noch lange bis zum Tag: Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, die dich vorhin erschreckte – sie pflegt alle Nacht auf jenem Granatbaum zu singen; glaube mir, mein Herz, es war die Nachtigall.

Romeo. Es war die Lerche, die Heroldin des Morgens, nicht die Nachtigall. Siehst du, meine Liebe, die neidischen Streifen, die dort im Osten die sich scheidenden Wolken umwinden: Die Kerzen der Nacht sind abgebrannt, und der fröhliche Tag guckt auf den Zehen stehend über die Spitzen der nebligen Berge. Ich muss gehen und leben, oder bleiben und sterben.

Aber Sie reden ja auch von heimischen Ochsen im Unterschied zu Heuschrecken. Und das Thema ist richtig aktuell. Am 25. 11. 2018 fand eine Abstimmung über das Hornvieh in der Schweiz statt. Da lasen wir z. B. eine Forderung wie diese:

  • Die Unfallgefahr ist handelbar, wie Studien und viele Bauern beweisen.

Diese Forderung klingt doch sehr neoliberal (der Handel mit Gefahren) und müsste doch Ihren Ansichten, einem auch nicht immer unumstrittenen Autor, total zuwider sein.

Schätze ich das richtig ein? Schreiben Sie demnächst mehr über Kühe?

jp: Fangen wir am besten mal hinten an, mit dem Schweizer Hornvieh, dessen Wohlergehen Ihnen ja sehr am Herzen zu liegen scheint. Was Sie als handelbar zitieren, ist wohl eher ein Verständnisfehler. Ich nehme mal an, hiermit ist mitnichten handeln = kommerziell austauschen/verwerten, sondern to handle (engl.) = handhaben gemeint. Ist ja sowieso alles Schnee von gestern, denn die zweibeinigen CH-Rindviecher haben in der Form abgestimmt, dass die armen vierbeinigen (bis jetzt noch, vielleicht werden sie demnächst beinamputiert, damit sie nicht weglaufen können?) Rindviecher wohl weiterhin verstümmelt werden, damit die Swiss farmers noch mehr Tiere pro Quadratmeter aufstallen können. Man sollte dere Säubure, wie wir Schweizer sagen würden, herzhaft die Subventionen zusammenstreichen, damit diese sich anmassend Landschaftspfleger nennenden fröhlichen Landmänner vielleicht mal zur Besinnung kommen! Welch zweckmässige Einrichtung das Gehörn eine4s Rindviehs eigentlich ist, konnte man ja immer dann sehen, wenn die Toreros in Spanien damit aufgespiesst wurden.

Lassen Sie uns jetzt etwas tiefer schürfen – Sie erwähnten erfreulicherweise den Rammelsberg, den Schicksalsberg meiner niedersächsischen Geburtsstadt. Das ist mal ein rechter Berg, an dem können sich jede Menge andere Berge eine Scheibe abschneiden! Zum Beispiel der Bungsberg in Schleswig-Holstein. Da lachen ja die Hühner – das ist überhaupt kein Berg; zum Schiessen, dieser Maulwurfshügel!

Im Goslarer Hausberg des Ritters Ramm, im Richtschacht das 1000 Jahre alten Goslarer Bergwerks, da gehtʼs runter bis in das Dunkel der Vorzeit, locker 400 Mio. Jahre! Und der possierliche Graptolith Monograptus uniformis, der während des oberen Silurs in der Periode der Ludlow/Wenlock-Serien frohen Mutes in der Nähe des Rammelsberges durch die Gegend schwamm, hatte noch nicht die geringste Ahnung vom Tyrannosaurus rex, der fürchterlichen Donnerechse, die zeitlich vor und in der Skala der nach oben offenen Schreckerregung nach dem Homo sapiens zum gefährlichsten Raubtier aller Zeiten avancierte.

Nach ihrem kurzen Leben und erfüllter Mission als Leitfossilien legten sich Monograptus und sein Kumpel Diplograptus zufrieden im Wissenbacher Schiefer zur letzten Ruhe. Sehr, sehr, sehr viel später landeten sie dann damit auf den Dächern der Goslarer Bürgerhäuser, wo sie dem rauen Nordharzer Wind und Wetter trotzten.

Okay, die Kenntnis über solche Zusammenhänge ist nicht überaus weit verbreitet, die heutige Jugend findet Zalando entschieden prickelnder als das Paläozoikum – weil sie nicht kapiert hat, dass die Erdgeschichte viel aufregendere Geschichten als Facebook und WhatsApp, das neue Opium fürs Volk, enthält; gratis übrigens. Man muss in diesem Buch der Natur- und Landschaftsgeschichte, das am Harzrand weit aufgeklappt daliegt, nur lesen können. Dort kann man zum Bespiel sehen, was mit den Schichten des Erdmittelalters passierte, die sich vor Schreck im Tertiär senkrecht in die Höhe stellten, als sich der Harz von der im Süden rumorenden alpidischen Orogenese einen herzhaften Kick ins verlängerte Rückgrat einhandelte und nach langer Ruhe tektonisch sozusagen wieder auf Vordermann gebracht wurde. Weil das Mesozoikum diesen Zustand dann irgendwann mal ganz schick fand, blieb es dort einfach so stehen in der Nordharzer Aufrichtungszone, dem schon Generationen von Geologen ihre Aufwartung gemacht haben.

Und in seiner geliebten Kaiserpfalz liegt Heinrich III., der letzte Salierkaiser, in steinernem Sarkophag und träumt sich mit seinem Lieblingshund zu Füssen geduldig dem Jüngsten Gericht entgegen, während gerade um die Ecke Friedrich I. Barbarossa im Kyffhäuser sitzt und dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation nachtrauert. Wenigstens die getreuen Raben leisten ihm dabei Gesellschaft. Auf Alt- und Neonazis, die regelmässige Wallfahrten zu ihm veranstalten, kann er, soweit ich ihn kenne, gut verzichten.

Lassen Sie uns doch auch mal nachsehen, ob sich in Jan Petersʼ Sebastian – Abenteuerliches aus vergangenen Zeiten nicht auch Fossilspuren von und/oder Analogien zu Romeo und Julia, die Sie dankenswerterweise in unsere Diskussion eingebracht haben, finden lassen. Mord & Totschlag, wie zwischen den verfeindeten Montagues und Capulets gang und gäbe, meine ich damit nicht, sondern dasjenige Gefühl, das das Potential hat, jederzeit für grösste menschliche Beunruhigung zu sorgen – und dies nicht nur 1597 in Verona:

Seit einiger Zeit hatte er die Gewohnheit angenommen, in der Abenddämmerung lange Spaziergänge zu machen, die ihn an blütenberstenden Sträuchern vorbeiführten, deren wilder Duft so fremd berückend zu ihm drang, als wären unerforschte Zimmer seiner Gefühlswelt geöffnet worden, von deren Existenz er nichts geahnt hatte. Es waren Behausungen, in denen kein lautes Geräusch zu vernehmen war, alles war darauf eingerichtet, mit grösster Aufmerksamkeit die feinsten, kaum spürbaren Regungen des Lebens aufzunehmen und zu beherbergen, ihnen Obdach zu geben und sie vor dem Lärm der Aussenwelt zu bewahren. Nicht der geringste Laut drang aus ihnen nach aussen in das vernichtende Getöse der Welt; es waren die ersten Gemächer, die nur ihm gehörten, in denen er Verletzliches verbarg.

Und Sebastian litt unsagbar, wenn er, und nichts anderes tat er mehr, an ein feingliedriges, blondes Mädchen dachte, das ihm jeden Morgen auf seinem Weg in die Schule entgegenkam. Ein feingliedriges, blondes Mädchen sah er, und dieses Mädchen erfüllte den Sebastian so, dass für nichts anderes mehr Raum in ihm war.

(Von den beiden Literatur-Aficionados im Vorderwagen völlig unbemerkt, hat sich hinter dem Wagen inzwischen eine Entwicklung angebahnt bzw. vollzogen, welche den Fortgang der Dispute unseres Literarischen Duos entscheidend verändern wird; bzw. zumindest ihre Mobilität, namentlich diejenige des Herrn v. Wolkenstein.

Was war geschehen?

Willi Müller-Drochtersen, in Fachkreisen kurz und prägnant Bolzenschneider-Willi genannt, seines Zeichens PzGren d. Res. und Road Captain des Friedberger Charters der Wetterauer Hells Angels mit der Statur eines Kassenschranks, hatte bei einer seiner regelmässigen BAB-Kontrollfahrten ausbaldowert, dass auf der Hinterachse von Dr. Wolkensteins Kult-Bulli, Baujahr 05/1967, geile Leichtmetallfelgen montiert waren, die er unbedingt haben musste. Beim Kameradschaftsabend kurz vor den hier beschriebenen Ereignissen hatte er deshalb geäussert: Diese geilen Leichtmetallfelgen, die muss ich unbedingt haben – Prost Gemeinde!

Und so ergab es sich geradezu zwangsläufig, dass er sich seine Werkzeugkiste geschnappt hatte und sich in kleinster Gangart (vgl. hierzu: Publikationen der deutschen Bundeswehr: ZDv 3/11: Infanterie-Gefechtsausbildung aller Truppen) im Kampfanzug mit voller Gesichts- und Helmtarnung angenähert hatte. Es war für ihn ein Kinderspiel, die Radmuttern zu lösen, den Hinterwagen mit zwei hydraulischen Kleinwagenhebern nahezu unmerklich Zentimeter für Zentimeter anzuheben, die Räder auszubauen, den Bulli ganz sachte auf unter den Wagen geschobene Backsteine abzustellen und sich mit den Rädern ‹am langen Arm› (loc. cit.) zu seiner Ausgangsposition zurückzuziehen, wo seine getreue Harley seit Stunden mit demütig gesenktem Scheinwerfer auf ihren Herrn und Meister gewartet hatte. Bolzenschneider-Willi schob die Räder tief in ein Gebüsch und deckte sie aus Gründen der Camouflage sorgfältig mit Zweigen und Laub ab. In der Nacht drauf würde er die Sore mit seinem geilen Chevrolet GMC Sierra 4.8 Liter Pick-up abholen.

Dann schwang er sich, sichtlich zufrieden mit seinem Coup, auf seine fette Milwaukee-Wuchtbrumme und bollerte mit schlingerndem Hinterrad davon.)

(Fortsetzung folgt)

[1] In Deutschland nennt man dies auch gern jemanden beiseite nehmen. In Schleswig-Holstein versuchten sie dann, mich beiseite zu schaffen. Sie scheiterten.

[2] CAVE: Wer mit Satan knobelt, muss alles, was er hat, aufs Spiel setzen; geringere Einsätze werden vom Fürsten der Unterwelt nicht akzeptiert.

[3] In der internationalen Seefahrt ist es üblich, sich auf Englisch zu unterhalten. Übersetzt heisst das ungefähr: Zum Henker, wieso komme ich mit diesem elenden Seelenverkäufer nicht um die Ecke rum in den verfluchten Pazifik? Da soll doch gleich der Teufel dreinschlagen!!!

[4] Sein Vater pflegte früher in solchen Fällen zu ihm zu sagen: Jetzt siehste aus wie ʼn Starenkasten. Wir möchten dies hier NICHT wiederholen, da wir es in unserem Kontext für unpassend und NICHT zielführend halten.

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