Vom autonomen Fahren nach Zuffenhausener Art

Vom autonomen Fahren nach Zuffenhausener Art

Der Verfasser dieses Artikels lebte einige Jahrzehnte in Deutschland, seit 1989 in der Schweiz, ist bekennender PORSCHE-Fan und schlägt einen Paradigmenwechsel vor: Statt immer mal wieder mehr oder weniger fundiert über evtl. Geschwindigkeitsbeschränkungen und/oder zukünftiges autonomes Fahren zu palavern, schlägt er vor, sich mit der Rolle des heutigen autonomen Fahrers zu beschäftigen. Und welche Art von Autos seiner Ansicht nach die Autonomie verleihen, gewissen Unannehmlichkeiten des Strassenverkehrs «einfach» aus dem Weg zu fahren.

Let’s talk about PORSCHE. Meine ersten Erfahrungen mit der schwäbischen Sportwagenmarke machte ich Mitte der 1960er-Jahren, als mein Onkel Günther, ein erfolgreicher Rechtsanwalt und Notar, eines Tages mit einem schnittigen roten Auto auf den Hof unseres elterlichen Grundstücks gebraust kam. Nachdem sich die Erwachsenen gemütlich bei Kaffee und Kuchen im Wohnzimmer niedergelassen hatten, umkreiste ich, der ich damals noch erheblich jünger war als heute, den sich mit leisem Knistern und Knacken abkühlenden 356er PORSCHE. Dass es ein solcher war, hatte ich der Aufschrift auf der Motorklappe des mir ausgesprochen unternehmungslustig vorkommenden Flitzers entnommen. Die Zahlen auf Tacho und Drehzahlmesser beeindruckten mich tief.

Wer PORSCHE fahren will, muss artig sein

Von diesem Ereignis ist mir ausserdem noch in Erinnerung geblieben, dass mein Herr Onkel gönnerhaft zu mir sagte: «Wenn Du schön artig bist, mein Junge, darfst Du mal bei mir mitfahren.» Dann zog er sich lässig seine Herrenfahrerhandschuhe an, schwang sich sportlich wie Alberto Ascari in den Fahrersitz, zündete das Triebwerk und bretterte auch für die Nachbarschaft unüberhörbar von unserem Hof. Hätte mein Onkel kein Coupé, sondern einen Roadster gehabt, einen formvollendeten Le-Mans-Start hätte ich dem schneidigen Herrn Rechtsanwalt und Notar damals durchaus zugetraut: «Gentlemen, start your engines!» Mein Vater murmelte ihm noch halb bewundernd, halb erschrocken nach: «Mein Gott, Günther spielt mit seinem Leben!» – Hat er aber nicht, der Onkel, er war nämlich kein Hasardeur. Und steinalt ist er auch geworden: an die 93 Jahre. Trotz PORSCHE…

Später hat dann seine Tochter, zufälligerweise auch Rechtsanwältin und Notarin, die Tradition fortgesetzt und ist nur noch 911er gefahren; hauptsächlich luftgekühlte. Ich will jetzt nicht in die Debatte eintreten, ob beim mehrfachen Zurückschalten in Hockenheim am Ende der Parabolika vor Einlenken in die Spitzkehre ein luftgekühlter Boxer soundmässig mehr Wirbelsäulenmassagen auslöst als ein wassergekühlter. Dies müsste die Sektion Glaubensfragen abhandeln.

Wenn man nicht alles selbst macht…

Der rote 356er meines Onkels geriet bei mir nicht in Vergessenheit. Da der Herr Notar leider völlig vergass, sein mir damals gegebenes Versprechen bezüglich einer Mitfahrgelegenheit in seinem flotten Sportcoupé einzulösen (ich hoffe nicht, dass alle Rechtsanwälte…), erschien es mir wieder einmal offensichtlich, dass man im Leben die Dinge schon selbst in Angriff nehmen muss, will man sie verändern. Also fasste ich mir dann vor 14 Jahren ein Herz und rief bei PORSCHE in Schinznach-Bad an. Dieses Telefongespräch wurde das mit Abstand kostspieligste meines Lebens, denn es führte dazu, dass schliesslich ein speedgelbes Gokart namens Boxster S in meiner Einstellhalle stand; dieses quicklebendiges Gefährt verfügte über ein nicht zu unterschätzendes Suchtpotential. Danach kamen noch mehr Boxster. Und einige PORSCHE-Fahrtrainings. Und dann ein weisser Carrera.

Alle Mann auf Gefechtsstationen!

Mit dieser perfekt alltagstauglichen Primaballerina cruiste ich vor einiger Zeit in Richtung Frankfurt am Main mit ca. 160 km/h dort, wo ein Carrera hingehört, nämlich auf der Überholspur der Autobahn. Da scherte, ohne jede Vorwarnung und ohne den Blinker zu setzen, ein LKW mit litauischem Kennzeichen direkt vor mir auf meine Seite aus, weil er meinte, er müsste einen ca. 0,8 km/h langsameren LKW-Kollegen ohne unziemliche Hast überholen und einem PORSCHE schräg links hinter ihm mal kurz und trocken demonstrieren, wer King of the Road ist. Zu meinem Bedauern war dies ausgerechnet mein Carrera! Meine zerebrale Steuerungseinheit reaktivierte in Millisekunden das in Hockenheim Gelernte und switchte auf die Trainingseinheit «Umfahren eines Hindernisses unter Vollbremsung mit anschliessendem Beschleunigen und zügiger Weiterfahrt».

Auf dem Hockenheimring hatte dabei das grösste Risiko darin bestanden, einige Pylonen mit Getöse abzuräumen, wohingegen in meiner Situation… – Tun Sie was, PETERS!!! Voll in die Eisen, die sich dank Bremsenvorbefüllung nicht lange mit der Vorrede aufhalten, sondern verzögern, dass mein Sicherheitsgurt hörbar einrastet – LKW kommt, kommt, kommt: Das reicht nie im Leben!! Bremse frei, Blick fixieren auf Einflugschneise zwischen den LKWs (sorry, zum Abklappen der Aussenspiegel reichte die Zeit nun wirklich nicht mehr…), Lenkung hart rechts, in die Gasse zwischen beide LKW carven, Lenkung hart links, mit Schleppgas durchs Nadelöhr, die Führerhäuser betrachte ich als Ende der Boxengasse. Mein PDK kann Gedanken lesen und stimmt mir völlig zu, dass wir subito Sport plus brauchen, um uns beschleunigt aus der Schlagdistanz der Brummis zu entfernen: Hasta la vista, babies! Das Getriebe demonstriert mir in dieser harten Sprintsequenz locker und ohne sich anstrengen zu müssen, dass es mir bei der Geschwindigkeit von Gangwechseln haushoch überlegen ist. Es schaufelt mir genau dann sattes Drehmoment auf die Hinterachse, wenn ich aus meiner Feuerleitzentrale vollen Vortrieb anfordere; das entfesselt den Flat Six hinter mir, und er legt sich auch akustisch dermassen ins Zeug, dass man meinen könnte, die Posaunen riefen zur Endschlacht von Armageddon.

Und die Moral von der Geschicht’?

Ich will jetzt nicht behaupten, dass ich diese Wild-West-Aktion auf der Autobahn mit der Coolness eines Walter Röhrl bei der Rallye Monte Carlo durchgestanden hätte; das wäre glatt gelogen. Mit leicht instabilen Knien und Puls 180 gingen mir auf dem nächsten Parkplatz mehrere Dinge durch den Kopf:

  1. Wo wäre ich wohl jetzt, hätte ich nicht dieses aussergewöhnliche Beschleunigungs- und Bremsvermögen, das verzögerungsfreie Ansprechverhalten und die unerschütterliche Spurtreue meines PORSCHE zur Verfügung gehabt?
  2. Wie hätte denn wohl ein 08/15-Auto reagiert, dass gemäss seinem Lastenheft den Anforderungen bis max. 120 km/h zu «genügen» gehabt hätte? Selbst wenn dieser gerade beschriebene Alptraum bei 120 abgelaufen wäre, wie hätte sich denn solch ein Auto bei meinen erzwungenen Brachialmanövern verhalten?
  3. Und ein autonomes Auto? Hätte es blitzschnell analysiert, welcher der beiden Lastwagen ihm billiger erschienen wäre und sich dann zwischen Pest oder Cholera entschieden – Auffahrunfall vs. Side Crash? Auf die Idee, «einfach» in der Mitte durchzufahren, wäre es wahrscheinlich gar nicht erst gekommen, weil es die hohle Gasse als für einen 911er ungeeignet klassifiziert hätte und evtl. gar nicht auf «Fahren mit dem Messer zwischen den Zähnen» programmiert gewesen wäre.

Beim beschriebenen Vorfall auf der Autobahn habe ich hautnah erfahren, was es wirklich heisst, wenn man einen PORSCHE kurz und prägnant mit It’s a driver’s car charakterisiert. Und wenn ich auf Deutschlands Schnellstrassen gelegentlich mal an der 250-km/h-Marke kratze, dann sagt mir mein Macan GTS besänftigend: «Kein Grund zur Beunruhigung, mein Junge, ich machʼ so was ja schliesslich nicht zum ersten Mal.»

Wenn ich es mir recht überlege, überzeugt mich autonomes Fahren nach Zuffenhausener Art eigentlich schon sehr lange; genau genommen, seit Onkel Günthers roter 356er verführerisch knisternd und knackend auf dem Hof meines Elternhauses stand.

 

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