Ein Freund ist gegangen

Ein Freund ist gegangen

Gerade einmal 8 Monate ist es her, dass «LKW», der natürlich nicht so hiess, mich mit der Idee überraschte, mit mir ein Interview führen zu wollen. Über alles, was ich bisher geschrieben habe; warum ich es geschrieben habe; und ob hinter meiner Art zu schreiben etwas mehr stecken könne als nur das, was man sehe. Immerhin hätte ich ja auf meiner Webseite an prominenter Stelle die seltsame Aussage platziert, dass es mir offensichtlich scheine, dass hinter jedem sichtbaren Wort ein weiteres lauere. Wir sollten doch einmal in einem Dialog versuchen, diesen verborgenen Worten auf die Schliche zu kommen.

Dann begann via E-Mail eines der spannendsten Gespräche, die ich je geführt habe. Und daraus wurde schliesslich, wiederum auf Vorschlag von «LKW», ein Buch namens «Die Wetterau Tapes» – mein Opus Nr. 8. «LKW», der von meinem Schreiben mehr wusste und ahnte als irgendein anderer Mensch, setzte mich mit der ungewöhnlichen und tiefgründigen Art seines Denkens und Fragens immer wieder in Erstaunen. Wie es seinem rücksichtsvollen Wesen entsprach, brachte er mich dabei niemals in Verlegenheit – obwohl ihm dies mit Leichtigkeit hätte gelingen können; denn immerhin kannte er mich seit 1962, und meine Vita enthält Untiefen, die ich für gewöhnlich nicht auf dem Marktplatz auszuloten pflege.

Damals wurde mir seitens meines Mathematik- und Physiklehrers nahegelegt, doch einmal eine «Ehrenrunde» zu drehen; in der Hoffnung, dass sich während dieser Zeit eine Erhöhung meines Reifegrades einstellen möge. Was wiederum meinen Leistungen in den naturwissenschaftliche Fächern zugutekommen könnte. Ob dies erfolgreich war, lasse ich dahingestellt. Aber ich lernte durch die Wiederholung der Klasse «LKW» kennen: Niemand, der vorn stehen musste – niemand, der das grosse Wort führen musste, um bemerkt zu werden. Der aber immer da war. Immer zuverlässig, immer geduldig lächelnd, immer hilfsbereit: Hätte es den Terminus der «Sozialkompetenz» nicht schon vor «LKW» gegeben, man hätte ihn zeitgleich mit seinem Leben einführen müssen.

Nach dem Abitur verloren wir uns kurz aus den Augen, da wir in unterschiedlichen Garnisonen dem Vaterland zu dienen das zweifelhafte Vergnügen hatten; aber beide in derselben Waffengattung der Panzergrenadiere, in Fachkreisen auch «Stoppelhopser» genannt. Dann ging «LKW» nach Marburg, wo er Anglistik und Geographie für das Lehramt an Gymnasien zu studieren begann. Ich ging nach Frankfurt am Main, um eine kaufmännische Lehre zu beginnen. Das war mir bald nicht genug, und im Wintersemester 1972 begann ich, man höre und staune, Anglistik und Geographie für das Lehramt an Gymnasien an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität zu studieren.

Somit war ich plötzlich wieder ganz nah bei «LKW». Von Frankfurt bis Marburg ist es ein Katzensprung, und wir verbrachten so manches Wochenende miteinander in winzigen verrauchten Studentenbuden, in denen wir sowohl innovative Curricula für eine fortschrittliche Lehrerausbildung entwarfen als auch gleichzeitig Vorschläge für die Verbesserung der Menschheit insgesamt vorlegten, indem wir William Godwins anarchistisch grundiertes Konzept der «Perfectibility of Mankind» entscheidend weiterentwickelten.

Von Vater Godwin zu Tochter Mary Shelley und ihrem «Frankenstein» war es niemals weit, und deren unsterbliches Gespenst hat es sogar geschafft, sich durch eine verborgene Tapetentür Zugang zu den «Wetterau Tapes» zu verschaffen, um dort als Untoter und Wiedergänger herumzugeistern; dieser naheliegenden Versuchung konnten anscheinend weder «LKW» noch ich widerstehen.

«LKW» war während seines Studiums Gründungsmitglied der Marburger «Basisgruppe Geographie», die in ihrer kämpferischen Publikation «Roter Globus» Hegel und Marx auf die Füsse stellte und, dialektisch geschult, überzeugend dazu anregte, die Geographie nicht mehr in Alexander von Humboldts preussisch reaktionären, sondern vielmehr von Rosa Luxemburgs revolutionären Kategorien her zu denken.

«LKW», der von meinem Schreiben mehr wusste und ahnte als irgendein anderer Mensch, ist seit dem 1. Dezember 2019 nicht mehr auf dieser Welt; er fehlt mir sehr.

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