Portrait Jan Peters

Jan Peters – Paperback Writer

Jan Peters  |  Dorfstrasse 3   |  CH-4303 Kaiseraugst  |  j.peters@bluewin.ch  |  www.jan-peters.ch

«Warum jp schreibt; wie er schreibt; was ihn zum Schreiben motiviert; worüber er nie schreiben würde; und wie er seine Leserschaft einschätzt – ein Interview»

Yasny[1]: Sie betätigen sich nun schon deutlich länger als 20 Jahre im Business der Textproduktion- und -vermarktung. Würden Sie unserer Leserschaft gleich mal vorab verraten, was Sie zum Schreiben gebracht hat: How it all began?

jp: My first book, Tief im Norden – in der pädagogischen Windstille, das 1995 erschien und mittlerweile vergriffen ist, handelt von unerfreulichen Zeiten nördlich der Elbe. Ich reproduziere diese Albträume hier nicht zum tausendsten Mal – Goethe hätte gesagt: ‹Getretener Quark wird breit, nicht stark!› –, sondern sage nur, dass mein Tief im Norden ein monumentales, völlig unerreichtes französisches Vorbild hat(te): Émile Zolas offenen Brief namens J’accuse!. Ich wiederhole sicherheitshalber, um nicht den Gefilden des Grössenwahns zugewiesen zu werden: völlig unerreicht! Vorbild allemal für mein Opus Nr. 1, in dem ein ausgeprägter Furor teutonicus[2] nicht zu verkennen ist. In der Zeit vom 31. Januar 1981 bis zum 27. Dezember 1988 gewann ich in Norddeutschland häufiger den Eindruck, man habe mir dort durch frostiges Auftreten mir gegenüber auch grundsätzliche Fragen gestellt – und meine differenzierten Antworten darauf habe ich in Tief im Norden gegeben. Die Rezeption war, wie bei einem heftigen Text dieser Art nicht anders zu erwarten, zwiespältig; ich kann mit dem Abstand einiger Jahre sagen: Ich war den Mühlstein des Nordens los, die Leserschaft hatte ihn um den Hals. Was sagt das Buch der Bücher? ‹Der eine trage des anderen Last›, und die Last der Jahre von 1981 bis 1988 war für mich allein definitiv zu schwer. Die Motivation für meine weiteren Texte speist sich seitdem nicht mehr aus den trüben Quellen der Holsteiner Abgründe, sondern wurde und wird von der positiven Sonnenenergie des Südens befeuert.

Yasny: Ihre Themenbreite ist ziemlich beträchtlich, um nicht zu sagen ‹unsortiert›. Hatten Sie nie den Gedanken, Ihr Werk zu bündeln, sich thematisch zu fokussieren?

jp: Wenn Sie mir beweisen können, dass das Leben fokussiert und sortiert vorgeht, will ich dem gern in meinem Schreiben nachkommen. Natürlich habe auch ich mir häufig die Frage nach dem Sinn des oder besser meines Lebens gestellt. Aus den Antworten hätte ich mir dann ggf. einen Konstruktionsplan zimmern und sozusagen Richtlinien für diesbezüglich eher konsistente Texte meinerseits ableiten können. Solche Botschaften schmuggele ich aber lieber zwischen meine Zeilen ein, statt sie sofort sichtbar zu exponieren. Mein Norden ist übrigens nicht als larmoyante Klage angelegt, sondern als eine harte Bilanz, deren Soll-und-Haben-Posten für alle an diesem Fiasko Beteiligten gelten. Frei von ‹J’accuse› ist er natürlich nicht, aber unschuldig bin auch ich nicht dem Norden entronnen. Unbeeinträchtigt davon habe ich bis auf den heutigen Tag immer den gesamten Abwechslungsreichtum und die Unberechenbarkeit des Lebens voller Neugierde an mich herangelassen. Ich muss wohl einschränkend sagen: an meine Fantasie herangelassen; im wirklichen Leben habe ich eine gewisse Planungssicherheit, Berechenbarkeit und diverse Konstanten schon ganz gern. Abenteuer erlebe ich bevorzugt an meinem Schreibtisch, dafür muss ich noch nicht einmal das Haus verlassen und mich den Unwägbarkeiten der Aussenwelt aussetzen. Von den Imponderabilien exotischer Fernreisen ganz zu schweigen!

Yasny: Gibt es irgendwelche Themenbereiche, über die Sie nicht schreiben werden oder Textsorten, die Ihnen nicht liegen?

jp: Slam poetry, ‹Follow me around in my amazing Alltagsleben› auf You Tube und ähnlichen Kasperkram wirds von mir nicht geben. Überhaupt – diese wundervollen Neuen Medien: Facebook & Co., Foren, Chats; ‹Deutschland sucht den den Superstar!› – wozu? Jeder kann in seinem eigenen Leben ein Superstar werden! Stattdessen: Jeder ist begnadeter Journalist? Nichts ist mehr privat? Flashmobs rotten sich aus dem Nichts gegen das Nichts zusammen, 100000e trauern begierig um völlig Unbekannte, impertinente Betrugsversuche en masse. Durchbruch der Basisdemokratie im Global Village? Selten so gelacht, ihr verwechselt da was, Freunde: Big Data hat Euch aufs Kreuz gelegt und greift undercover Infos ab. Früher dachte ich: Wieso schnallen die den tieferen Sinn dieses marketing-driven Dauerhypes nicht? Heute glaube ich, alles ist noch viel schlimmer: ‹Es ist ihnen scheissegal! Es interessiert sie überhaupt nicht!›; o tempora, o mores! Die ehemals von Adorno et al. fast aufgeklärte Gesellschaft ist tot, die heutige ringt nicht mehr um als bitter notwendig zu empfindende Veränderungen im Sinne der Kritischen Theorie – NEI-EN!! die Spass- und Verantwortungsvermeidungsgesellschaft amüsiert sich damit, wegen hipper Zalando-Galoschen vor Glück zu schreiben, verplempert ihre endliche Lebenszeit beim Nachtcampen vor aufgebrezelten Elektroläden, um ein iPhone zu erbeuten, und unterwirft sich lustvoll auch noch dem dämlichsten Konsumterror. Und derweil sind die Neoliberalen emsig dabei, das Grundwasser in Afrika zu privatisieren. Was dem Partyvolk der Spezies Smartphone Zombies 100% schnurzpiepegal ist. Graziös formuliert und gelinde gesagt, lässt sich zwischen den 68ern und den heute Aktiven ein minimaler Paradigmenwechsel nicht übersehen. Und was in diversen sozialen Netzwerken nebst trivialstem Nicht-Berichtenswertem, peinlichster Selbstverliebtheit und total bescheuerten Videos derzeit an präzivilisatorisch verquasten politischen Anschauungen ungefiltert und hasserfüllt hochkocht, dazu äussere ich mich hier nur insofern, als mich dies langsam an Phasen der Weimarer Republik zu erinnern beginnt, als sich SA und Rotfront im Wedding Strassenschlachten lieferten und die feigen, hinterhältigen Fememorde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht vom faschistischen Pöbel inklusive den ‹Kulturträgern› des deutschen Bildungsbürgertums frenetisch bejubelt wurden. Den elenden ‹Führer befiehl – wir folgen!›-Kreaturen verging dann vor Stalingrad allerdings vorübergehend das Lachen, als die Rote Armee sie in seinem eigenen Blut ersäufte; mehr hier nicht zu diesen grauenhaften Themen!

Yasny: Aber dafür regelmässig und recht deutlich im ‹Nebelspalter›, dem mit über 140 Jahren ältesten Satiremagazin der Welt, für das Sie seit 2003 engagiert schreiben.

jp: Wäre ich Frau Merkel, deutsche Bundeskanzlerin auf Lebenszeit, würde ich äussern, dass es für mich ‹keine Alternative› dazu gibt, ich muss so schreiben! Man könnte sogar sagen: Es schreibt mich so. Ich sehe mich als Funktionsträger eines robusten Satiremandats, das ich mit tiefer Inbrunst ausübe. Womit wir unverhofft fast schon wieder beim Sinn des Lebens gelandet wären: Wie sollte der Mensch sein? Meine Frau Mutter pflegte mich regelmässig als Kind, wenn ich aus dem Ruder zu laufen drohte, mit ihrem: ‹Junge, wir sind nicht auf dieser Welt, um uns zu amüsieren!› zu ermahnen. Das habe ich immer noch im Ohr. Meine Mutter ist 2005 in ihrem 95. Lebensjahr verstorben, das mir von ihr implantierte Über-Ich hat ihren Tod natürlich nicht zur Kenntnis genommen. Ergo gehört es zu meinen beratungsresistenten Grundüberzeugungen, dass der Mensch sich gefälligst bemühen sollte, hienieden auf Erden gewisse, der Gemeinschaft zumindest nicht abträgliche Aufgaben zu erfüllen. Und seine konstruktiven Fähigkeiten dazu verwenden könnte, das komplizierte Zusammenleben von Mensch-Mensch/Mensch-Natur etwas harmonischer zu gestalten. Und um dem Homo ‹sapiens› unerschütterlich vorzuhalten, was er fahrlässig, aus reinem Übermut, aus Gier, aus Niedertracht etc. alles vergeigt, dazu hat der Herrgott im Himmel die Satiriker erschaffen und mit klarem Auftrag auf die Erde gesandt. Ach – es hört ja niemand auf uns; aber aufgeben dürfen wir dennoch nicht! Es ist eine Daueraufgabe, die wir da erhalten haben; und vor Drückebergerei bewahrt zumindest mich das erwähnte Motto meiner seligen Frau Mutter.

 

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[1] © YASNY – Schweizer Kompetenzzentrum für Qualitätstexte.

[2] «Der Ausdruck stammt vermutlich vom römischen Dichter Marcus Annaeus Lucanus (39–65 n. Chr.) und spiegelt den Schrecken wider, der die aufstrebende Römische Republik beim ersten Zusammentreffen mit germanischen Stämmen auf ihrem italienischen Gebiet im 2. Jahrhundert v. Chr. ergriffen hatte.» (wikipedia.org). jp erlitt ein ähnliches Trauma bei seinem «cultural clash» mit der ihm wenig gastfreundlich erscheinenden Bevölkerung in Deutschlands nördlichstem Bundesland.