Von den Freuden der Produktion eines Buches und dessen Vermarktung

Von den Freuden der Produktion eines Buches und dessen Vermarktung

Wurde es früher noch für schwierig bis unmöglich gehalten, als unbeschriebenes Blatt in der Literaturszene Fuss zu fassen und zum Erfolg zu gelangen, so hat sich dies mit dem Siegeszug des Internets und der sozialen Netzwerke grundlegend geändert. Facebook, Twitter und Co. haben zu einer erheblichen Demokratisierung der Gesellschaft beigetragen und auch NewcomerInnen, die früher keine Chance hatten, gehört zu werden, eine starke öffentliche Stimme gegeben: Heute braucht niemand mehr einen Verlag, um nach ganz oben in die Charts zu kommenjede/r kann den Durchbruch mit «Bordmitteln» schaffen!  

Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie es sich anfühlte, als ich vor 24 Jahren mein erstes Manuskript fertiggestellt hatte: «Blood, sweat and tears» waren in einer Unzahl mitternächtlicher Stunden darin eingeflossen – reichlich! Die Drohung des leeren ersten Blattes war zu überstehen gewesen, nicht nur Szylla und Charybdis, sondern Legionen von Klippen und Schimären im Text hatte es zu umschiffen gegolten, sämtliche Anfängerfehler waren ausgiebig gemacht worden; und dann lag es endlich vor mir: «Tief im Norden». In Anbetracht der Monumentalität meines Frühwerkes erscheint mir aus heutiger Sicht einzig und allein Rembrandt van Rijns «Nachtwache» als Titelbild angemessen. Der wunderschöne Originaltitel dieses prachtvollen Gemäldes lautet: «De compagnie van kapitein Frans Banninck Cocq en luitenant Willem van Ruytenburgh maakt zich gereed om uit te marcheren». «Tief im Norden» – mein «J’accuse!»; ein sperriger Text, für den nur noch ein Verleger gefunden werden musste. Forget it, man! Du kannst dein Magnum Opus jetzt an acht Millionen Verlage schicken; sie werden es noch nicht einmal lesen; antworten sowieso nicht. Bis du dann auf das Modell der «Zuschussverlage» gestossen bist.

Vanity press

Diese Wildwestbetriebe, die gewerbsmässigen Betrug zu ihrem Geschäftsmodell gemacht haben, tragen bereits in ihrem Namen eine Lüge, wenn sie sich selbst schönfärberisch als «Zuschuss»-Verlage bezeichnen: Du zahlst ihnen keinen «Zuschuss», damit sie deinen Text als Buch herausgeben, sondern du bevorschusst sie mit ihren Vollkosten inklusive einer satten Gewinnspanne! Wenn sie dir liebedienerisch mitteilen, ihre «Redaktionskonferenz» habe deinen Text für sehr lesenswert befunden, solltest du wissen, dass sie gar keine Redaktionen betreiben und somit logischerweise auch keine Redaktionskonferenzen durchführen können. Ihr Lektorat erfüllt dieselben Voraussetzungen und wäre somit zutreffenderweise als ein «virtuelles» zu bezeichnen. Ob sie die Auflage in der vertraglich vereinbarten Höhe jemals drucken, steht in den Sternen; du hast keine Möglichkeiten, dies zu checken. Sie investieren exakt «EUR 0,0» in Marketing und Vertrieb. Bestehst du auf Verkaufszahlen, senden sie dir frei erfundene alternative Fakten, die du nicht überprüfen kannst. Nach einer Anstandsfrist von zwei bis drei Jahren teilen sie dir unter Krokodilstränen mit, dass trotz all ihrer aufreibenden Verkaufs- und Werbeanstrengungen der Absatz bedauerlicherweise eingebrochen sei und sie sich deshalb zu ihrem grössten Bedauern gezwungen sähen, die Restauflage einzustampfen – sic transit gloria mundi! Und wie hoch war deine Gewinnbeteiligung? Du scheinst vergessen zu haben, dass du unterschrieben hast, bei der Erstauflage grosszügigerweise auf deine Autorenmarge komplett zu verzichten. Sie hatten behauptet, sie bräuchten diese Kohle, um für dich Promotionsaktionen durchzuführen, die niemals stattgefunden haben! Rezensionsexemplare wurden von deinem Spezialverlag vorsichtshalber keine versandt. Wozu auch – rezensiert werden nur Bücher, die einen bekannten Autoren-/Verlagsnamen tragen. Ausserdem bevorzugt die Rezensentenschaft grosszügige Verlagshäuser, die sich ihnen gegenüber auf verschiedene Weisen erkenntlich zeigen: Honni soit qui mal y pense!

Verlage waren gestern

Dann ergab sich vor gut 20 Jahren mit dem Aufstieg der digitalen Medien die Möglichkeit des Selfpublishing. HEUREKA!! ich muss nicht mehr vor Verlagslektoren, die ausser Verachtung nichts für literarische Nobodys übrighaben, zu Kreuze kriechen. Mein erstes selfpublished Buch «Sebastian» erschien 2000 bei Books on Demand (BoD) in Norderstedt bei Hamburg. Das Prinzip beruht darauf, dass keine Erstauflage gedruckt werden muss, die, bevor sie (hopefully) verkauft wird, totes Kapital darstellt. Das Buch wird erst produziert, wenn es bestellt wurde. Man kann sich vorstellen, dass Books on Demand technisch ausserordentlich trickreich hinterlegt sein muss, damit so etwas funktionieren kann. Die Anlaufschwierigkeiten bestanden aus meiner, der Autorensicht, hauptsächlich darin, in die traditionellen Distributionskanäle des Buchhandels zu gelangen. Inzwischen sind diese Probleme restlos ausgeräumt und Selfpublishing läuft bei BoD «wie’s Lottchen». Kürzlich habe ich dort die «Wetterau Tapes», die Nr. 8 in meinem Werkskanon und selfpublished book no. six, produziert. Die Zusammenarbeit mit BoD ist allererste Sahne. Aber die Produktion und Veröffentlichung ist natürlich erst die Vorstufe eines eventuellen Publikumserfolgs.

That’s what friends are for

Der Selfpublisher muss sein eigener Marketingleiter sein, denn er hat keinen Verlag, der ihm bei verkaufsfördernden Massnahmen zur Seite steht. Als literarischer Novize beglückt man in der Regel voller Stolz zunächst die eigene Mischpoke mit Freiexemplaren seines Erstlings. Die pragmatisch veranlagte Verwandtschaft benutzt diesen Bestseller in spe dann erfreut dazu, um mit seiner Hilfe den wackelnden Küchentisch zu stabilisieren. Angesichts eines solchen Banausentums erscheint es einem wie ein Wink des Himmels, dass man ja andererseits noch auf diese Unmengen langjährig bewährter Freunde zurückgreifen kann. Woran erkennt man diese? Dass sie immer ehrlich und aufrichtig sind! Sie würden einem nie etwas vormachen. Also kaufen sie auch keine Bücher aus dem fadenscheinigen Grund, dem schreibenden Kumpel einen Gefallen zu tun. Dies würde, wie sie finden, die Verkaufsstatistik unzulässig verfälschen und den somit verblendeten Autor letztendlich auf den Weg zur Hybris führen: den Weg ins Verderben! Um dies zuverlässig zu verhindern, ist mein Freundeskreis dazu übergegangen, sich beim käuflichen Erwerb meiner Traktate finanziell nicht übermässig zu verausgaben. Schliesslich braucht man das bisschen Geld, das einem die Steuer übriglässt, dringend für Ferienreisen in die Karibik und nach Madagaskar. Nach sechs Monaten Bedenkzeit und vielem Hin und Her erwirbt einer von ihnen dann doch noch nolens volens mein letzterschienenes Werk. Nach weiteren sechs Monaten verleiht er dieses Sammlerstück dann ungelesen («Man kommt ja zu nix!») an die anderen, sodass bereits nach vier Jahren alle das «neue» jp-Buch zumindest schon mal in Händen gehalten haben und sich in flüchtiger Kenntnis der Gedankenwelt des Autors annähernd ausmalen können, worum es darin eventuell geht.

«Sehr geehrtes Publikum,

ich habe mir lange überlegt, welchen meiner Texte ich Ihnen heute vorstellen könnte», beginnt der Autor rhetorisch äusserst geschickt seine öffentliche Lesung. «Nu’ mach schon hin!», denkt das Publikum, das zu 95 % nur deshalb vor dem Autor sitzt, weil es aufgrund familiärer, kollegialer und nachbarschaftlicher Verflechtungen diesem denkwürdigen Event nicht aus dem Weg gehen konnte, ohne soziale Kollateralschäden zu provozieren. Der Schriftsteller sitzt oben und liest. Das Publikum sitzt unten und denkt darüber nach, ob es eigentlich Geld in die Parkuhr geworfen hat und für wie lange. Ausserdem muss langsam mal geplant werden, wer wann das Familienauto nächste Woche zur Inspektion bringt. Der jährliche Zahnarzttermin ist auch bald fällig. Zu Hause wär’s jetzt schön, bei Fernsehen, Erdnüssen und Bier. Die lokale Journaille glänzt durch Abwesenheit, da am selben Abend im Nachbardorf die Generalversammlung des Kleintierzüchtervereins mit anschliessendem Gratisbüffet stattfindet. Der Autor endet, was das Publikum hauptsächlich an der plötzlich eintretenden bedrückenden Stille bemerkt. Höflicher Applaus, zwei Bücher werden gekauft: «Haben Sie etwas in der Art von ‹50 Shades of Grey› im Angebot?» – «Schweinkram ist nicht mein Ressort, gnädige Frau!» «Schreimse ooch mal wat über’n Jakobsweg? Det Ding vom Kerkeling find’ ick janz jelungen.» – «Ick bin doch keen Kathole, wa?!» Der Autor darf jetzt signieren: «Für Petra, meine süsse Lesemaus.» Dann sammelt er schweigend die restlichen 40 Exemplare ein, die unberührt auf dem Verkaufstisch liegen geblieben sind, und geht gedankenverloren nach Hause.

Ausser Spesen nichts gewesen

Es gibt noch sehr viele andere Möglichkeiten, im Buchmarkt ans Ziel zu kommen. Beispielsweise kann man in den zur Buchmesse Frankfurt/Leipzig erscheinenden Buchjournalen inserieren. Für hohe dreistellige (es geht auch viel höher: the sky is the limit!) Beträge bekommt man dann eine winzige Anzeige, die sich perfekt und unauffindbar zwischen 848 grossformatigen Verlagsankündigungen versteckt. Auf kleineren Verkaufsausstellungen, deren Ausstrahlung einen Radius von 20 Kilometern nicht übersteigt, kann man sogar seinen eigenen «Autorenstand» mieten – wow, DER Hammer!! Das kostet richtig viel Geld, dafür darf man aber auch das ganze Drumherum von Werbung, Logistik etc. komplett selbst machen. Anschliessend hockt man dann ein paar Tage lang wie Piksieben auf der Autobahn in seinem zum Publikum geöffneten Bücherregal, versucht, einen intellektuell und kulturell möglichst ansprechenden Eindruck zu hinterlassen und lässt sich von den Besuchern angaffen, die sich auf der Suche nach dem WC an den Stand verirren, im Vorübergehen halblaut die Beschriftung des Verkaufsgestells entziffern und leeren Blickes weiterziehen, während sie sich zuraunen: «Kennste den Typ da in der Bude? – Nö.» Die Messeleitung bringt diese erhebenden Augenblicke in hipper PR-Schreibe auf den Punkt: «Hier springt verzögerungsfrei der Funke über – Autoren und Fachpublikum treffen sich auf Augenhöhe, und im Nu stehen beide in einem Synergien freisetzenden Workflow.»

Schreiben fürs Bermudadreieck?

Und so kämpfe ich seit 24 Jahren im Buchmarkt wie Simba, König der Löwen. Und gelegentlich frage ich mich, ob ich der Einzige bin, dem «es offensichtlich erscheint, dass hinter jedem sichtbaren Wort ein weiteres lauert». Dem Rest der Menschheit, so fürchte ich nach gemachten Erfahrungen, scheint dies eher schnuppe zu sein. Welche Möglichkeiten gäbe es noch für einigermassen anspruchsvolles Schreiben in unseren Zeiten der Social Media, InfluencerInnen und anderer innovativer Kommunikationsgefässe, die so einflussreich geworden sind, dass sie als Steigbügelhalter einem ausgemachten Kretin mit der Empathie eines Metzgerhundes zum Aufstieg ins mächtigste Amt der Welt verhelfen (Kooperation Facebook-Cambrige Analytica zwecks Trump-Wahl)? Wird mittlerweile zum Nachdenken anregendes Schreiben, wie ich es bevorzuge, als dermassen öde und antiquiert empfunden, dass dies in einer selbstverliebten Spassgesellschaft keinerlei Zukunft mehr hat – einer Gesellschaft, die es offensichtlich «geil» findet, dass Barbiepuppen mit präpubertären Piepsstimmchen im Auftrag von Lebensmitteldiscountern deren die Konkurrenz plattmachende Niedrigpreisprodukte in unablässiger Rundfunk- und TV-Gehirnwäsche  anpreisen und peinliche Selbstdarstellungen à la Instagram als sinnstiftende Lebensinhalte betrachtet werden? Gedanken dazu in  meinem nächsten Blog-Beitrag. Bis dahin: take care, folks!

 

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