Von den Freuden der Produktion eines Buches und dessen Vermarktung

Von den Freuden der Produktion eines Buches und dessen Vermarktung

Wurde es früher noch für schwierig bis unmöglich gehalten, als unbeschriebenes Blatt in der Literaturszene Fuss zu fassen und zum Erfolg zu gelangen, so hat sich dies mit dem Siegeszug des Internets und der sozialen Netzwerke grundlegend geändert. Facebook, Twitter & Co. haben zu einer erheblichen Demokratisierung der Gesellschaft beigetragen und auch NewcomerInnen, die früher nicht den Hauch einer Chance hatten, gehört zu werden, eine starke öffentliche Stimme gegeben: Heute braucht niemand mehr einen Verlag, um nach ganz oben in die Charts zu kommenjede/r kann den Durchbruch aus eigener Kraft schaffen!  

Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie es sich anfühlte, als ich mich im Jahr 1995 an meinem ersten «grossen» Manuskript abarbeitete: Die Drohung des leeren ersten Blattes war zu überstehen gewesen; eine Unzahl von Klippen und Schimären im Text hatte es zu umschiffen gegolten; sämtliche Anfängerfehler waren ausgiebig gemacht worden – und dann hatte es schliesslich vor mir gelegen: «Tief im Norden». In Anbetracht der Monumentalität meines Frühwerkes erschiene mir aus heutiger Sicht Rembrandt van Rijns «Nachtwache» als Titelbild angemessen: «De compagnie van kapitein Frans Banninck Cocq en luitenant Willem van Ruytenburgh maakt zich gereed om uit te marcheren». Tief im Norden – mein «J’accuse!»; ein sperriger Text, für den nur noch ein Verleger gefunden werden musste. Ich stiess auf das Modell der «Zuschussverlage», die Nachwuchsautoren aussichtsreiche Startpositionen versprechen.

Vanity press

Diese Wild-West-Betriebe, die gewerbsmässigen Betrug zu ihrem lukrativen Geschäftsmodell gemacht haben, tragen bereits in ihrem Namen eine Lüge, wenn sie sich selbst schönfärberisch als «Zuschuss»-Verlage bezeichnen: Du zahlst ihnen keinen «Zuschuss», damit sie deinen Text als Buch herausgeben, sondern du bevorschusst sie mit ihren Vollkosten inklusive einer satten Gewinnspanne. Wenn sie dir liebedienerisch mitteilen, ihre «Redaktionskonferenz» habe deinen Text für sehr lesenswert befunden, solltest du wissen, dass sie gar keine Redaktionen betreiben und somit logischerweise auch keine Redaktionskonferenzen durchführen können. Ihr Lektorat erfüllt dieselben Voraussetzungen und wäre somit zutreffenderweise als ein «virtuelles» zu bezeichnen. Ob sie die Auflage in der vertraglich vereinbarten Höhe jemals drucken, steht in den Sternen; du hast keine Möglichkeiten, dies zu checken. Sie investieren exakt «EUR 0,0» in Marketing und Vertrieb. Bestehst du auf Verkaufszahlen, senden sie dir alternative Fakten, die du nicht überprüfen kannst.

Die Arschkarte gezogen

Nach einer Anstandsfrist von zwei bis drei Jahren teilen sie dir unter Krokodilstränen mit, dass trotz all ihrer Verkaufs- und Werbeanstrengungen der Absatz eingebrochen sei und sie sich deshalb gezwungen sähen, die Restauflage zu makulieren – sic transit gloria mundi! Wie hoch war deine Gewinnbeteiligung noch mal gleich? Du scheinst vergessen zu haben, dass du unterschrieben hast, bei der Erstauflage auf deine Autorenmarge zu verzichten. Sie hatten behauptet, sie bräuchten diese Kohle, um Promotionsaktionen durchzuführen – die niemals stattgefunden haben. Rezensionsexemplare wurden von deinem Spezialverlag auch keine versandt. Wozu auch – rezensiert werden nur Bücher, die einen bekannten Autoren-/Verlagsnamen tragen. Ausserdem bevorzugt die Rezensentenschaft Verlagshäuser, die sich ihnen gegenüber auf die eine oder andere Weise erkenntlich zeigen: Honni soit qui mal y pense!

Verlage waren gestern

Dann ergab sich vor gut 20 Jahren mit dem Aufstieg der digitalen Medien die Möglichkeit des Selfpublishing. HEUREKA – ich muss nicht mehr vor schnöselhaften Verlagslektoren zu Kreuze kriechen, die ausser Verachtung nichts für literarische Nobodys übrighaben! Mein erstes selfpublished Buch «Sebastian» erschien 2000 bei Books on Demand (BoD) in Norderstedt bei Hamburg. Das Prinzip beruht darauf, dass keine Erstauflage gedruckt werden muss, die, bevor sie (eventuell) verkauft wird, totes Kapital darstellt. Das Buch wird erst produziert, wenn es bestellt wurde. Die Anlaufschwierigkeiten bestanden zunächst hauptsächlich darin, in die traditionellen Distributionskanäle des Buchhandels zu gelangen. Inzwischen sind diese Probleme ausgeräumt, und Selfpublishing bei BoD läuft «wie geschnitten Brot». Aber Produktion und Veröffentlichung sind natürlich erst Vorstufen eines eventuellen Publikumserfolgs.

That’s what friends are for

Der Selfpublisher muss sein eigener Marketingleiter sein, denn er hat keinen Verlag, der ihm bei verkaufsfördernden Massnahmen zur Seite steht. Als literarischer Novize beglückt man in der Regel voller Stolz zunächst die eigene Mischpoke mit Freiexemplaren seines Erstlings. Die pragmatisch veranlagte Verwandtschaft benutzt diesen Bestseller in spe dann erfreut dazu, um mit seiner Hilfe den wackelnden Küchentisch zu stabilisieren. Angesichts eines solchen Banausentums erscheint es einem wie ein Wink des Himmels, dass man ja andererseits auf ganze Regimenter bewährter FreundInnen zurückgreifen kann, die einem seit Jahrzehnten treu und fest wie die Wacht am Rhein zur Seite stehen. Woran erkennt man dieselben? Daran, dass sie immer ehrlich und aufrichtig sind! Sie würden einem nie etwas vormachen. Also kaufen sie auch keine Bücher aus dem fadenscheinigen Grund, dem schreibenden Kumpel einen Gefallen zu tun. Dies würde, wie sie finden, die Verkaufsstatistik verfälschen und den somit verblendeten Autor auf einen Holzweg führen: the highway to hell!

Wider Autorenhochmut und -hoffärtigkeit

Des Herrn Schriftstellers flatterhafte Psyche wohlweislich in Rechnung stellend, ist mein Freundeskreis schon vor Jahren zu der Erkenntnis gelangt, dass man jp keinesfalls über den grünen Klee loben dürfe: Lobhudeleien jedweder Art stiegen ihm schnell zu Kopf, hiess es, er werde eitel und überheblich. Darum hält man sich mit schriftlichen Laudationes, vulgo Rezensionen genannt, auch sehr zurück. Und in tiefer Einsicht in die beschränkten finanziellen Eigenmittel erliegt man auch nicht der Versuchung, übermässig viele jp-Werke käuflich zu erwerben. Schliesslich braucht man die paar Kröten, die einem die Raubritter vom Finanzamt übrig lassen, dringend für Ferienreisen in die Karibik und nach Madagaskar. Nach sechs Monaten Bedenkzeit und vielem Hin und Her kauft die/der eine oder andere von ihnen dann doch noch nolens volens mein letzterschienenes Werk. Nach weiteren sechs Monaten verleiht sie/er dieses Sammlerstück ungelesen an die anderen, sodass bereits nach sieben Jahren alle «den neuen PETERS» zumindest schon mal in Händen hatten. Worum es darin geht, könne man ja später rausfinden, wenn man mal Zeit zum Lesen fände.

«Sehr geehrtes Publikum,

… ich habe mir lange überlegt, welchen meiner Texte ich Ihnen heute vorstellen könnte», beginnt der Autor psychologisch ausgefeilt seine öffentliche Lesung. «Mach‘ hin!», denkt das Publikum, das zu 95 % deshalb vor dem Autor sitzt, weil es aufgrund familiärer, kollegialer und nachbarschaftlicher Verflechtungen diesem Event nicht aus dem Weg gehen konnte, ohne soziale Kollateralschäden zu provozieren. Der Schriftsteller sitzt oben und liest. Das Publikum sitzt unten und grübelt, ob man genug Geld in die Parkuhr geworfen habe und ob die Bullen eigentlich auch abends unterwegs seien, um Knöllchen zu verteilen; ausserdem sollte man nächste Woche mal das Auto in die Werkstatt bringen, diese komische rote Lampe da eben im Armaturenbrett; zu Hause wär’s jetzt auch schön, bei Fernsehen, Erdnüssen und Bier. Die lokale Journaille glänzt durch Abwesenheit. Der Autor beendet seine Lesung; höflicher Applaus, zwei Bücher werden nach längerem Zögern gekauft. Der Autor signiert: «Für Petra, meine süsse Lesemaus.» Dann sammelt er die restlichen 40 Ansichtsexemplare ein und geht nach Hause.

Ohne Moos nix los

Es gibt noch sehr viele andere Möglichkeiten, im Buchmarkt ans Ziel zu kommen. Beispielsweise kann man in den zur Buchmesse Frankfurt/Leipzig erscheinenden Buchjournalen inserieren. Für dreistellige Beträge bekommt man dann eine niedliche Anzeige, die sich zwischen 848 grossformatigen Verlagsankündigungen versteckt. Auf kleineren Verkaufsausstellungen, deren Ausstrahlung einen Radius von 5 Kilometern nicht übersteigt, kann man sogar seinen eigenen «Autorenstand» mieten – wow, DER Hammer!! Das kostet richtig viel Geld, dafür darf man aber auch das ganze Drumherum von Werbung, Logistik etc. selbst machen.

The artist is present

Anschliessend hockt man dann ein paar Tage lang wie Piksieben auf der Autobahn in seinem zum Publikum geöffneten Bücherregal (wenn man Pech hat, bauen die bekifften Roadies die Bücherhütte auch mal falsch rum auf) und versucht, einen intellektuell ansprechenden Eindruck zu hinterlassen. Die Messeleitung bringt solche erhebenden Augenblicke in hipper PR-Schreibe auf den Punkt: «Und hier passiert es: AutorInnen und BuchliebhaberInnen begegnen sich auf Augenhöhe, im Handumdrehen springt der Funken über: Das ist das Holz, aus dem zukünftige Harry Potter geschnitzt werden!» – Man wartet auf diesen Moment und lässt sich geduldig von den Besuchern angaffen, die sich auf der Suche nach dem WC an den Stand verirren, im Vorübergehen halblaut die Beschriftung des Verkaufsgestells vorlesen und leeren Blickes weiterziehen, während sie sich zuraunen: «Kennste den Typ da in der Bude?»

Vergelt’s Gott, Gevatter!

Gelegentlich frage ich mich, ob ich der Einzige bin, dem es «offensichtlich erscheint, dass hinter jedem sichtbaren Wort ein weiteres lauert», wie die Tagline auf meiner Website lautet. Dem Rest der Menschheit, so fürchte ich nach gemachten Erfahrungen, scheint dies eher wumpe zu sein. Das Maximum an Anerkennung, das zu erwarten ist, besteht in höflichem Interesse bei ca. 2 % der potentiellen Leserschaft. Der wahre Grund der gezeigten Wertschätzung zeigt sich immer dann, wenn diese jp-«Fans» nach Ablauf einer kurzen Schamfrist mit der Mitteilung herausrücken, dass sie selbst auch gerade einen Text am Wickel hätten, der zwar schon sehr weit fortgeschritten sei und den sie selbstverständlich mit Bordmitteln selbst richtig klasse hinbekämen, wenn ihnen nicht ausgerechnet jetzt etwas dazwischen gekommen wäre, das ihre Zeit mehr als wünschenswert beanspruche. Für mich sei das ja keine grosse Sache, den Text auf Vordermann zu bringen («… mit DEINER Erfahrung!»), und sicher sei ich ja auch mal ganz froh, eine geistige Ablenkung zu erfahren, statt immer nur Satiren zu produzieren («… du wirst uns sonst noch zum Zyniker!»). Und so verbringe ich dann so manche Nacht beim Schein der Mitternachtslampe, unterziehe absturzgefährdete Bachelor-, Masterarbeiten und Dissertationen einer Neukalibrierung und hoffe inständig, dass solche verdeckten «Neuauflagen» Gnade vor Prüfungskommissionen finden mögen. Nach endlosen Flickschustereien an solchen Konvoluten werde ich manchmal zu einer Pizza eingeladen.

Die Krone der Schöpfung in Aktion

Welche Möglichkeiten gibt es für anspruchsvolles Schreiben in Zeiten der Social Media, in denen aufgebrezelte Influencerinnen andere Idioten von der Grauenhaftigkeit ihrer bad hair days zu überzeugen versuchen, Vergrösserungen aus Lehrbüchern der Gynäkologie als Höhepunkt der Erotik angepriesen werden (das geheimnisvoll distanzierte Balzverhalten junger Mädchen passt sich dem sublim an: «Fick dich, Alter!») und betrügerische Netzwerke mittels ihrer abgründigen Algorithmen so einflussreich geworden sind, dass sie einem notorischen Lügner mit der Empathie eines Metzgerhundes zum Aufstieg ins mächtigste Amt der Welt verholfen haben?

Modern times

Wird elaboriertes Schreiben, wie ich es praktiziere, inzwischen als dermassen öde und antiquiert empfunden, dass dies in einer dümmlich selbstverliebten Spassgesellschaft keinerlei Zukunft mehr hat? Einer Gesellschaft, die es offensichtlich geil findet, dass Barbiepuppen mit präpubertären Piepsstimmchen dem Publikum in unablässiger Mediengehirnwäsche die Sonderangebote von Discountern anzudrehen versuchen? Einer Gesellschaft, in der redundante Instagram-Egotrips – «been there/done that» – mit sinnstiftenden Lebensinhalten verwechselt werden? Wer bei smarten Start-ups beschäftigt ist, darf während der Arbeitszeit Tischfussball spielen und auf rosa Sofas liegen und chillen. Die Segregation von Wohnung und Arbeitsplatz wird zunehmend vernebelt, niemand braucht mehr unbefristete Arbeitsverhältnisse und ähnlich antiquierten Mist aus dem Zeitalter des Fordismus, denn die Ausbeutung der abhängig Beschäftigten durch das Finanzkapital ist inzwischen längst von Erstgenannten übernommen worden, die sich in ihren megacoolen Co-Working-/Co-Living-Spaces ihr veganes Leben von stylishen iPhones takten lassen. Und diese hippen Gadgets sind 365 Tage x 24 Stunden fully connected; mit wem wohl?

Zufall oder Absicht?

Das unausgesprochene Ziel der neoliberalen Bestrebungen, den am Wohlergehen der Sozietät aktiv beteiligten Citoyen der Aufklärung durch den dumpf konsumierenden Bourgeois als Hauptbestandteil der marktkonformen Zuschauerdemokratie zu ersetzen, «… lässt sich nur erreichen, wenn die Bevölkerung weitgehend entpolitisiert, ja von politischer Lethargie befallen ist. Für dieses Ziel müssen geeignete Techniken verfügbar sein, insbesondere Techniken der Erzeugung von Apathie (durch Sorgen um den finanziellen Lebensunterhalt, Angst, Konsumismus etc.), Techniken des Meinungs- und Empörungsmanagements.» (Mausfeld, Rainer: Warum schweigen die Lämmer? Frankfurt am Main 2015). Und all dies korrespondiert mit der zunehmenden  Dominanz der sozialen Netzwerke in der menschlichen Kommunikation. Welch eine Koinzidenz!

 

 

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