Noli me tangere!

Noli me tangere!

Bitte gedulden Sie sich noch einen Moment, bis wir Ihnen die Übersetzung des mysteriösen Titels dieses Artikels bekanntgeben und die Verbindung des uralten Zitats zur Jetztzeit herstellen. Wenn Sie die Zeit nicht abwarten können, begeben Sie sich in Ihre Bibliothek, suchen Sie sich eine Bibel und schlagen Sie bei Johannes Kapitel 20, Vers 17 auf. Kleiner Insidertipp: Die Evangelien befinden sich im Neuen, nicht im Alten Testament.

Um Sie noch ein wenig auf die Folter zu spannen, erlauben wir uns zunächst einen Exkurs zum aktuellen Journalismus, der häufig genug mehr zur allgemeinen Verunsicherung als zur Erleuchtung der Menschheit beiträgt. So war am 23. Mai in der Aargauer Zeitung zu lesen: «Daniel Koch, Delegierter des Bundesamtes für Gesundheit, warnt vor einer zweiten Ansteckungswelle und sagt, wann Einschränkungen erneut möglich werden.»

In derselben Ausgabe derselben Gazette wird berichtet, dass Marcel Tanner, oberster Epidemiologe der Schweiz, keine zweite Welle trotz grösserer Menschenansammlungen an Ausflugsorten und auf Partymeilen befürchte. In Form einer bewährten Bauernregel auf den Punkt gebracht, läsen sich diese scheinbar kontradiktorischen Informationen dann so: «Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, wird’s Wetter anders. Oder es bleibt, wie es ist.» – «A horse is a horse, of course, of course!»

Touch-me-not

Dieser Zwischentitel ist kein grammatischer Fehltritt, sondern der korrekte englische Name für die Pflanze «Rührmichnichtan», das Grosse Springkraut, botanisch präzise Impatiens noli-tangere genannt. Und, hat’s jetzt gescheppert?  Wenn Sie im Lateinunterricht Ihrer Schulzeit häufiger durch Abwesenheit glänzten als durch rege Unterrichtsbeteiligung auffielen  – «Noli me tangere!» heisst «Rühr mich nicht an!»

Erinnern Sie sich noch daran, was vor vielen Jahren geschah, als Sie das Fräulein Bauerochse, Ihre damalige Kollegin aus der Debitorenbuchhaltung, unter dem fadenscheinigen Vorwand, Scarlett O’Hara und Rhett Butler in «Vom Winde verweht» bewundern zu wollen, ins Autokino gelockt hatten? Gerade als es anfing, spannend zu werden, hauchte die des Lateinischen unkundige Lady nicht «Noli me tangere», sondern fauchte «Flossen weg!»; was auf Deutsch zwar nicht ganz so filigran wie das lateinische Pendant daherkommt, aber eine absolut identische Meinungsäusserung darstellt.

Die Balance von Distanz und Nähe war unter Menschen immer schon ein heikles Thema, und heute ist es als «Social distancing» brisanter denn je. Keine Tuchfühlung mehr, sondern zwei Meter Zwischenraum zum Nebenmann! Der Nächste ist heutzutage nicht mehr der Nächste im biblischen Sinne, sondern eine Lebensgefahr. Er wird uns anstecken und muss auf Abstand gehalten werden. Wenn du mir zu nahe kommst, sterbe ich. Diese neue Sichtweise öffnet apokalyptische Perspektiven auf die Welt von morgen: «Homo homini virus est!»

Maske auf – Maske ab!

Gegenwärtig schleichen die Leute, wenn sie sich nicht daheim im Home Office auf die Nerven gehen, wie begossene Pudel durch die Gegend; die einen haben Masken auf, die anderen nicht. Die eine Gruppe von Experten sagt: «Masken sind super», egal woraus sie sind: chirurgische Masken, FFP2/3 mit/ohne Ventil, selbstgehäkelte Masken, eingelaufene Militärsocken – irgendwas über Mund und Nase ist besser als gar nichts über Mund und Nase. Andere Fachleute bekreuzigen sich entsetzt, wenn sie das Wort «Gesichtsmaske» nur hören: Brutstätte für Bakterien! Und AnwenderInnen dieser Lappen seien sowieso vor rein gar nichts geschützt.

Und tragen solle so etwas jemand, der infiziert sei. Da die meisten Infizierten aber weder Symptome zeigen noch auf solche getestet wurden (da sie ja keine Krankheitsanzeichen aufweisen), sollen sie auch (keine) Masken benutzen. Dergleichen kryptische Mitteilungen, die den kleinen Mann auf der Strasse einigermassen ratlos zurücklassen, umschrieb man im alten Preussen in volksnaher Zusammenfassung undurchschaubarer Befehle der obersten Heeresleitung bildhaft anschaulich mit: «Rin inne Kartoffeln – raus aus die Kartoffeln!»

Die Krise als Innovationstreiber

In Deutschland veranstaltet die Bundesliga inzwischen Geisterspiele in menschenleeren Stadien. Um Tröpfcheninfektionen auszuschliessen, brüllen sich die Gegenspieler neuerdings nicht mehr an, sondern überreichen ihren Kontrahenten mit einer höflichen Verbeugung und vorgeschriebenem Abstand sogenannte «Wertschätzungskarten». Punktgenau auf den jeweiligen Spielzug abgestimmt, wird dem Gegner auf diesen vorgedruckten Karten eine auch dem einfachen Innenverteidiger verständliche feindifferenzierte Evaluation des von ihm gerade vollführten Moves übermittelt: «Ich polier dir gleich die Fresse, du Penner!» – «Blöde Sau du, hamse dir in’s Gehirn geschissen?» u. Ä. m.

Für die Insassen der luxuriösen griechischen Flüchtlingslager ergäbe sich jetzt die Gelegenheit, Europa ihre tiefe Dankbarkeit für die freundliche Aufnahme zu bezeugen, indem sie sich im Rahmen eines klinischen Tests als Isolationskohorte zur Verfügung stellen, an der untersucht wird, wie lange es dauert, bis eine Herdendurchseuchung erreicht ist. Fussend auf einer persönlichen Anregung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, könnte in der New Yorker Bronx an «persons of color» die immunisierende Wirkung einer flächendeckenden Schluckimpfung mit Kaliumchlorit – «Eau de Javel» – ausprobiert werden.

Wie ist die Lage?

Im Verlauf des Krisenmanagements durch verschiedene Dienststellen gingen in der Schweiz die Begriffe «normale», «besondere», «ausserordentliche Lage» etwas durcheinander. Die beiden letztgenannte Bezeichnungen entstammen der Terminologie der Bundesverwaltung. Kantonal gesehen ist die Lage hingegen eine andere. Liegt im Aargau beispielsweise eine «Notlage» vor, so wird dieselbe bundesweit erst als «ausserordentlich» angesehen. Wenn also in Aarau ein Grossfamilienturnfest mit 134 TeilnehmerInnen stattfände, wäre das dann ein im polizeitaktischen Sinne zu tolerierendes «Grossereignis» oder eine kritisch zu betrachtende «besondere Lage», welche die Obrigkeit durch den Einsatz von bis an die Zähne bewaffneten Sondereinsatzkommandos beenden müsste? Abgesehen davon ist Menschen mit etwas Lebenserfahrung ohnehin bewusst, dass Familienzusammenkünfte unabhängig von der Anzahl der daran Teilnehmenden immer Gefahr laufen, aus dem Ruder zu laufen.

Danke, Aargau!

Abschliessend möchten wir nicht versäumen, dem Führungsstab des Kantons Aargau unsere Anerkennung auszusprechen. Dies in erster Linie wegen seiner kürzlich bekanntgegebenen Einschätzung, dass als hauptsächliche Infektionsherde «der Arbeitsplatz, die Familie sowie die Nachbarschaft» in Betracht kommen. Wohingegen wir einfältigen BürgerInnen, die man in jüngster Vergangenheit nicht ohne Grund unter Amtsvormundschaft und verschärfte staatliche Aufsicht stellen musste, stets der Überzeugung waren, dass die höchste Ansteckungsgefahr nicht in unserem Umfeld, sondern auf dem Jupiter herrsche.

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