Treibholz

Verehrtes Publikum

Kennen Sie dieses entmutigende Gefühl von Fremdsein, das einen an manchen Orten beschleicht? Obwohl man zunächst dachte, es sei ganz okay, dort zu sein, wo man gerade ist, fragt eine düstere Schimäre im Untergrund, ob es keinen besseren Aufenthaltsort geben könnte. Aber welchen? Wo könnte der sein? Und wenn der neue Ort ebenso unwirtlich wäre wie der alte? Seit Sigmund Freud kann niemand mehr damit rechnen, in seiner Psyche eine Heimstatt zu finden; noch nicht einmal, alle Räume dieser Behausung zu kennen. Entfremdung – das Leitmotiv des von Albert Camus und Jean-Paul Sartre geprägten Existentialismus.

Im August 1968 stand ich bis an die Zähne bewaffnet an der Ostflanke der NATO zwecks Verteidigung der freien Welt. Der Warschauer Pakt war dabei, den Prager Frühling zu beenden, und wir fragten uns, wie lange die Panzerdivisionen der Roten Armee brauchen würden, die Elbe zu überqueren und uns nach Walhalla zu befördern. Als heldenhafte Beschützer der westlichen Wertegemeinschaft fühlten wir uns nicht, vielmehr ging uns der ‹Arsch mit Grundeis›, wie Landsknechte zu äussern pflegen. Und dann fragte einer: «Wem nützt dieser Zirkus eigentlich? Und die hohen Herren, die uns zum Kampfe rufen, wer sind denn diese Herren?»

Soldaten verteidigen ihr Vaterland; niemals führen sie ‹ungerechte› Kriege! Wie man Menschen manipulieren kann? Nichts einfacher als das – WIR sind die Guten, DIE ANDEREN die Bösen! Von den ‹Novemberverbrechern› über die ‹Nürnberger Gesetze›, die ‹Reichskristallnacht› bis nach Auschwitz. Was man dazu braucht? Kriminelle Energie und blindwütigen Hass.

Deutsche Kinder lehrte man einen Abzählreim: «Hinter einer Bude sitzt ein Jude, hat den Kopf voll Läuse, fiepen wie die Mäuse. Icks, acks, ucks, der rote Fuchs, die graue Maus, und du bist raus.» Als das ganze deutsche Volk diesen Vers auswendig konnte, schrie Goebbels, der ‹ewige Jude› sei an allem schuld. Und Hitler verheizte die 6. Armee in der Hölle von Stalingrad.

Menschen sind Treibholz.

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